Ruanda: 20 Jahre nach dem Völkermord

von Annika Mohr

In der Nacht vom 6. auf den 7. April 1994 nahm der Völkermord in Ruanda, der 100 Tage andauern sollte, seinen Anfang. Nachdem das Flugzeug des Hutu-Präsidenten Juvénal Habyarimana mit einer Rakete abgeschossen wurde, begann das gezielte und lang im Voraus geplante Morden der Hutu-Miliz Interahamwe, dem rund 1.000.000 Menschen zum Opfer fielen. Mehrere Waffendepots waren angelegt und Todeslisten angefertigt worden, um die Minderheit der Tutsi auszulöschen. Lang angestauter Hass entlud sich in einem unvorstellbaren Massaker, bei dem Menschen ihre langjährigen Bekannten, Nachbarn und Verwandten umbrachten.

Bis 2010 wurden etwa 1,5 Millionen Fälle in den sogenannten Gacaca-Gerichten verhandelt, 860.000 Menschen dabei verurteilt. Bei diesen traditionellen Gerichtsverhandlungen mussten die Täter sich vor der ganzen Dorfgemeinschaft verantworten und wurden bei Schuldeingeständnis und Kooperation zu milden Strafen verurteilt.

Heute, 20 Jahre später, gibt es offiziell weder Hutu noch Tutsi. Die Bezeichnungen tauchen nicht mehr in den Pässen auf. Stattdessen sind nun alle einzig und allein Ruander, wie es auch in der Nationalhymne („Unsere gemeinsame Kultur ist unsere Identität, unsere Sprache eint uns.“) bekräftigt wird. Während der Kolonialzeit wurde die Minderheit der Tutsi stets von den Kolonialherren gegenüber den Hutu bevorzugt. Sie galten als intelligenter und schöner. Angeblich konnte man schon anhand der Statur sehen, wer den Tutsi (große, schlanke Figur) und wer den Hutu (kleine, kompakte Statur) angehörte. So regierten die favorisierten Tutsi im Namen der Kolonialherren über die Hutu. Nach Aufgabe der Kolonialgebiete kehrten sich die Machtverhältnisse und die Hutu regierten über die Tutsi. Doch der lang aufgestaute Hass zeigte sich schon viele Male in Form von Anschlägen und Massakern vor dem Genozid 1994.

Ntidigasubire – „nie wieder“, so mahnt und erinnert der Spruch, abgebildet auf Plakaten, die am Straßenrand stehen, und auf den Toren zu den Gedenkstätten die Bevölkerung an den Genozid vor 20 Jahren.

Genozid

Die Kirchen Ntarama und Nyamata sowie das Genocide Memorial Centre in Kigali dienen nicht nur als Erinnerungsstätten, sondern beherbergen gleichzeitig die Überreste einiger Opfer. Etwa 250.000 Menschen fanden bisher auf dem Friedhof des Kigali Genocide Memorial Centres ihre letzte Ruhe. Immer noch kommen Ruander dorthin, um die Überreste ihrer Verwandten zu beerdigen, welche oftmals erst Jahre nach dem Verbrechen gefunden werden. Der Verbleib der Überreste vieler Opfer ist bis heute häufig nicht bekannt.

Am 7. April fand an diesem Ort ebenfalls die offizielle Gedenkfeier statt. Präsident Paul Kagame entzündete zusammen mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon die „Flamme der Trauer“, die nun 100 Tage lang brennen soll. So lange, wie der Völkermord vor 20 Jahren andauerte. Als „Fackel der Hoffnung“ soll sie durch ganz Ruanda getragen werden.

Obwohl man um die Aufarbeitung des Genozids bemüht ist und in die Zukunft blicken möchte, bleibt das Grauen jedoch weiterhin im Gedächtnis der Menschen. „Reconciliation“ – Aussöhnung wird von der Regierung propagiert. Doch dieses aufgezwungene Vergeben fällt nicht leicht. Nicht zuletzt, weil Opfer und Täter Tür an Tür miteinander leben und auskommen müssen. Zu viele der Ruander wurden zu Tätern im Jahr des Genozids, als dass man sie alle wegsperren könnte.

Bapfuye Buhagazi – die „lebenden Toten“, so werden diejenigen genannt, deren Schmerz zu tief sitzt, als dass sie sich je von den Ereignissen von 1994 erholen könnten. Seit 2010 kommt es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Regierung Ruandas ordnete die Handgranaten- und Bombenanschläge der radikalen Hutu-Gruppe FDLR zu, die vom Nachbarland Kongo aus agiert und an der „Hutu-Power“ gegen die Tutsi festhält.

An die Vergangenheit erinnern, jedoch gleichzeitig in die Zukunft schauen, so lautet das Motto des ruandischen Präsidenten Kagame. Als „Singapur“ Afrikas sieht er sein Land. Mit der Unterstützung anderer Nationen, der Entwicklungshilfe, seinen Umweltschutzreformen und der Gesundheitsvorsorgung (bspw. eine in Kooperation mit Deutschland etablierte Krankenversicherung) möchte er Ruanda voranbringen. Die Wachstumsrate von über sieben Prozent, sowie die Frauenquote von um die 50 Prozent im Parlament scheinen ihn in seinem Bestreben zu bestätigen. Jedoch zählt Ruanda weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt.

Auch wird der autoritär regierende Kagame oftmals in seinem Handeln kritisiert. Nicht selten kommt es vor, dass Oppositionelle verfolgt werden und regimekritische Medien geschlossen werden. Er lässt keine andere Meinung als die seine gelten. Er gewinnt die Wahlen mit bis zu über 90 Prozent der Stimmen, was er auch dem Umstand zu verdanken hat, dass gegnerische Politiker vor den Wahlkämpfen weggesperrt werden oder Parteien nicht zu den Wahlen zugelassen werden.

Kagame weist wiederholt Frankreich und Belgien eine Mitschuld zu. Er nennt sie „Akteure“ und „Komplizen“ der Massaker und weist ihnen bei der „politischen Vorbereitung“ der Massenmorde eine „direkte Rolle“ zu. Frankreich gesteht sich, wie der Rest der Weltgemeinschaft, ein Versagen ein, weist jedoch die Vorwürfe Kagames streng zurück und schreibt ihm hingegen eine entscheidende Rolle bei dem Abschuss der Maschine des Präsidenten Juvénal Habyarimana 1994 zu.

So wird das Grauen des Völkermordes noch lange im Gedächtnis der Ruander bleiben, jedoch verbunden mit der Hoffnung auf eine bessere und friedvolle Zukunft. Damit sich der Genozid nie wiederholen wird.

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