Tag der Trauer in Bosnien und Herzegowina – Die Situation nach den noch immer andauernden Überschwemmungen und Erdrutschen in Bosnien und Herzegowina

Gestern war in beiden Entitäten von Bosnien und Herzegowina, der Republika Srpska und der Föderation von BiH, Trauertag wegen den zahlreichen Opfern und dem unermesslichen Schaden, entstanden durch die seit dem 15.Mai dauernden Überschwemmungen und Erdrutsche.

Bis jetzt gibt es über 30 Tote, noch immer gelten jedoch viele Menschen als vermisst, Hunderttausende von Menschen sind ohne jegliches Hab und Gut geblieben. Zahlreiche Städte, insbesondere im Norden des Landes, wo die Situation noch immer sehr akut ist (darunter Orasje, Brcko, Bijeljina und Odzak),in Zentralbosnien, im Drina-Tal und im Westen des Landes wurden vollkommen überschwemmt. In zahlreichen Teilen des Landes, insbesondere in der Umgebung von Zenica, Zepce, Tuzla, Vlasenica und Sarajevo haben sich Erdrutsche aktiviert und ganze Dörfer verschluckt. Es sind etwa 2.000 Erdrutsche aktiv, davon ein Grossteil auf Minenfeldern.  Die evakuierten Menschen, die gerettet werden konnten, wagen sich nicht mehr in ihre Häuser, da immer wieder Häuser und sogar auch ganze Dörfer von der Erde verschluckt werden. Eine Million Menschen ist ohne Trinkwasser geblieben, mindestens 230 Schulen sind zerstört und funktioniren nicht. Zahlreiche Verkehrsstrassen und Brücken sind zerstört. Viele Wasser- und Stromleitungen sind zerstört, so dass  die Menschen in einer Grosszahl von Orten noch immer ohne Strom und fliessend Wasser sind. Allein in Gracanica sind 250 Fabriken und Firmen vollkommen überschwemmt und zerstört worden, darunter auch alle Produktionsmaschinen. Im Moment gibt es eine grosse und akute Gefahr der Aktivierung von Minen, die von den angestiegenen Flüssen wie auch von den Erdrutschen verschoben und in Städte und Dörfer mitgerissen haben. Alle Bänder, mit denen die bekannten Minenfelder gekennzeichnet wurden, sind ebenfalls weggeschwemmt und abgerissen worden, so dass niemand mehr mit Sicherheit sagen kann, wo sich die Minen und nichtexplodierte  Bomben heute befinden. Alle Gebiete, die bis jetzt als sicher und geräumt galten, sind ab der Zeit des 15. Mai wieder potentiell gefährlich. Insbesondere bei der Reinigung der Strassen und der Häuser können die Menschen sehr leicht Minen aktivieren, die von der Flut dorthin gespült wurden.

So wurde das Dorf Celebici bei Cerska vollkommen zerstört, während die Menschen, bosniakische Rückkehrer, noch in ihnen waren. Nur wenige konnten noch rechtzeitig aus den Häusern fliehen, viele wurden mit ihren Häusern mitgerissen. Einige der Betroffenen konnten nachträglich aus den Ruinen geborgen werden, für die alte Rückkehrerin Hanifa Celebic kam jedoch jede Hilfe zu spät. Der Erdrutsch im Dorf Celebici ist 2 km lang. Die örtliche kleine Moschee des Dorfes wurde zusammen mit den Häusern ins Tal gerissen. Nun ist von ihr nur noch das Minarett zu sehen. Auch die Zufahrtsstrasse in dieses Dorf ist vollkommen zerstört, so dass dieses Dorf im Moment nur mit Hubschraubern erreichbar ist. Neben diesem Dorf sind auch zahlreiche weitere Dörfer bei Vlasenica, die hauptsächlich von Rückkehrern bewohnt werden, betroffen. Nach ersten Anzeichen der Aktivierung des Geländes flohen die Menschen aus ihren Häusern. Viele von ihnen sind noch immer in den Wäldern, nur wenige konnten bei Verwandten und Freunden oder in Kollektivzentren Unterkunft finden.

Im Dorf Dobor bei Modrica gab es auch schon ein Todesopfer. Das Dorf wurde in nur wenigen Stunden vollkommen vom Fluss Bosna überschwemmt. Da die Zufahrtsstrasse als erstes überschwemmt wurde, gab es für die Menschen keine Möglichkeit, das Dorf zu verlassen. Auch im Dorf Dobor haben bosniakische Rückkehrer gelebt. Die Menschen versuchten sich dort zu retten, in dem sie in die oberen Stockwerke oder auf die Dächer der Häuser stiegen. Das Wasser im Dorf stieg bis zu vier Meter an, so dass der Grossteil der Häuser bis zum Dach überschwemmt wurde. Es folgte eine dramatische Rettungsaktion mit Hubschraubern bei der die Menschen mit Seilen von ihren Dächern in die Hubschrauber hochgezogen wurden. Für einen der Rückkehrer, Bahrija Skula, scheiterte die Rettungsaktion. Der kranke Greis fiel vom Seil des Hubschraubers und ertrank. Seine Leiche konnte bis heute nicht geborgen werden.

Die Dörfer Serici und Kolici bei Zenica sind vollkommen von der Aussenwelt abgeschnitten. Beide Dörfer befanden sich auf der Spitze einer Anhöhung und die Erde rutschte von beiden Seiten des Berges ab. Zahlreiche Häuser wurden mitgezogen und Hunderte von Menschen verloren in Sekunden ihr Heim und jegliches Hab und Gut. Auch diese Dörfer sind im Moment vollkommen von der Aussenwelt abgeschnitten und können nur mit Hubschraubern erreicht werden. Die Menschen konnten glücklicherweise rechtzeitig ihre Häuser verlassen und sind in die Wälder geflohen. Tagelang irrten sie herum, bis sie von Hubschraubern und Helfern aus Slowenien gerettet wurden.

Eine ähnliche Situation herrscht auch in den Dörfern Bistrice, Zeljezno Polje und Topcic Polje, Nemila und Dutzenden anderer Dörfer in der Umgebung bei Zenica.

Der örtliche Friedhof im Dorf Serici wurde auch vom Erdrutsch erfasst und Hunderte von Gebeinen der Toten wurden ins Tal gerissen und befinden sich nun grossteils auf der Erdoberfläche und werden von wilden Tieren zerstreut. Das Dorf Janja bei Bijeljina, in dem ausschliesslich bosniakische Rückkehrer leben, wurde vollkommen überschwemmt. Über 3.000 Hauser der Rückkehrer in diesem Dorf waren beinahe vollkommen unter Wasser. Die Rückkehrer, die nur mit grösster Mühe ihre Häuser nach dem Krieg wiederaufgebaut haben, sind heute wieder ohne jegliches Hab und Gut. Neben den überschwemmten Häusern haben diese Menschen, die grösstenteils von Landwirtschaft und Viehzucht gelebt haben, auch die gesamte Ernte wie auch ihr Vieh verloren.

Die Situation in den Orten Orasje, Samac, Brcko und vielen anderen im Norden des Landes ist noch immer sehr kritisch. Alle Männer sind an der Sicherung der Deiche und Dämme an den Flüssen Sava und Bosna rund um die Uhr engagiert. Es gibt auch zahlreiche Helfer aus anderen Teilen des Landes, die Flüsse durchbrechen die Dämme jedoch immer wieder und überschwemmen anliegende Dörfer. Man kämpft um jeden Milimeter des Landes. Durch den radikalen Wetterwechsel ist die Situation wie dort so auch in den anderen betroffenen Gebieten des Landes jedoch sehr alarmant. Der plötzliche Einbruch von hohen Temperaturen bringt Unmassen von Schlangen, Ratten, Fliegen und Mücken, so dass eine grosse Gefahr des Ausbruchs von Epidemien droht. In einigen Teilen der betroffenen Gebiete sind schon Krätze verzeichnet. Erschwert wird die Situation ebenfalls von den zahlreichen Kadavern der ertrunkenen Tiere auf den Strassen der Orte, insbesondere Kühe, Schweine, Hühner, Hunde etc. Gelbsucht, Anthrax, Escherichia coli, West-Nil-Virus und andere Krankheiten drohen sich jetzt rapid im Land auszubreiten. In Maglaj und Doboj und den anderen schwer betroffenen Gebieten der Überschwemmung wird den Menschen bereits geraten, die ganze Zeit und insbesondere bei der Reinigung der Häuser und Strassen Masken zu tragen.

Ein Interview mit dem Präsidenten Izetbegovic kann man hier sehen (in englischer Sprache): http://www.klix.ba/vijesti/bih/izetbegovic-u-emisiji-christiane-amanpour-stete-se-mjere-u-milijardama-eura/140520008

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