Andrej Mironow am Samstag in Slawjansk erschossen – Erinnerungen an einen großen Menschenrechtler und Friedensaktivisten

Text: Sarah Reinke

Andrej Mironow, Sowjetdissident, Bürgerrechtler, Menschenrechtsverteidiger, Friedensaktivist war als Übersetzer eines italienischen Journalisten in der Ostukraine. Am Abend des 24. Mai wurde er gemeinsam mit seinem Kollegen erschossen. Alle, die Andrej Mironow kannten, die russischen Menschenrechtler, seine Kolleginnen und Kollegen von der Organisation Memorial, Journalisten aus vielen Ländern, die er in die Kriegsregionen, zum Beispiel in Tschetschenien begleitet hatte, Menschen in Tschetschenien, denen er geholfen hat, sind erschüttert. Sie sagen einerseits, dass es Zeugen geben muss, Journalisten, die vor Ort sind, um zu berichten, damit die Öffentlichkeit von den Verbrechen, der Gewalt, dem sinnlosen Krieg im Osten der Ukraine erfährt. Andere fragen, wie man diesen Krieg stoppen kann, der nun auch das Leben von Andrej Mironow und eines hervorragenden Fotografen aus Italien, Andrea Roncelli, gefordert hat.

Hier die Übersetzung des Textes von Stanislaw Dmitriejewskij von der Organisation für russisch-tschetschenische Freundschaft aus Nischnij Nowgorod, der selbst ein verfolgter Menschenrechtler in Russland ist:

In Erinnerung an Andrei Mironow

Stanislaw Dmitrijewskij (im Blog Swobodnoe Mesto), 25.05.2014

Mein Gott, ist es entsetzlich: Andrej Mironow ist tot. Aus irgendeinem idiotischen Grund schien mir immer, dass diesem so wunderbaren und lieben Menschen niemals etwas zustoßen könnte…

Igor Kaljapin (Vorsitzender des „Komitee gegen Folter“ in Russland Anm.d. Red.) und ich habe Andrej im Januar 1995 in Nasran (Hauptstadt Inguschetiens Anm. d. Red.) kennengelernt. Am nächsten Tag fuhren wir nach Grosny (das war unsere erste Reise in ein Kriegsgebiet), von wo er gerade zurückgekehrt war. Mit einem ganzen Haufen tödlichen Metalls, so wurde er bei Memorial auch genannt: der Zuständige für Altmetall. Er hat uns einen ganzen Abend lang erzählt, der Einsatz welcher Waffentypen – die verschiedenen Munitionsexemplare waren auf dem Tisch ausgebreitet – durch welche Völkerrechtskonventionen in dichtbesiedelten Gebieten verboten ist. Von diesem Vortrag gibt es auch einen Videomitschnitt. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um Streumunition. Dabei hat er erklärt und gezeigt, wie man nicht detonierte Blindgänger von Streumunition auf sichere Art und Weise unschädlich machen kann. Seit diesem Tag sind wir befreundet.

Mit seiner Inhaftierung 1985 war Andrej wahrscheinlich einer der letzten politischen Gefangenen der Sowjetunion. Als ihm 1987 unter der Bedingung, sich nicht mehr gegen die sowjetischen Behörden zu engagieren, seine Freilassung angeboten wurde, lehnte er entschieden ab.

Während des ersten Tschetschenienkrieges hat er Tschetschenien quasi nicht verlassen, nicht so wie wir Touristen. Er hat sich mit beiden Kriegsparteien befasst und immer eine strenge Unparteilichkeit gewahrt. Auch in der gefährlichsten Zeit zwischen den Kriegen, als die Republik Tschetschenien durch Entführungen und Lösegelderpressungen in Atem gehalten wurde, fuhr er dorthin. Er kannte alle Kommandeure und hat sich niemals bei jemandem einschmeicheln wollen – er hat sogar einmal Basajew in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht als Terroristen bezeichnet. Er war mit allen äußerst ehrlich, fast schon mit kindlicher Naivität. Dafür respektierten ihn sogar die abgezocktesten Typen, was es ihm ermöglichte viele Menschen zu retten. Übrigens hat er selbst davon praktisch nie etwas erzählt, höchstens mal ein Paar Anekdoten über irgendeine absurde Situation. Er war unglaublich bescheiden, ein richtiger russischer Intellektueller.

Anfang der Zweitausender zerstritt sich Andrej mit einzelnen Leuten aus der damaligen Führungsspitze von Memorial, da sie seiner Meinung nach zuließen, dass die hohen Ansprüche der Bürgerrechtsarbeit verwässert wurden. Als Außenstehender maße ich mir nicht an, zu entscheiden, inwieweit er damit Recht hatte. Aber er war vollkommen aufrichtig und ablehnend gegenüber allen Arten von Intrigen eingestellt. Andrej beherrschte mehrere europäische Sprachen, unter anderem Italienisch, Spanisch und Englisch, und fing an, als Übersetzer für ausländische Journalisten in Russland und in Krisengebieten zu arbeiten.

2001 kam er mit einem ausländischen Korrespondenten zum Gerichtsprozess von Jurij Budanow (ein russischer Oberst, der ein 18-jähriges tschetschenisches Mädchen vergewaltigte und ermordete, einziger Prozess wegen eines solchen Verbrechens in Russland überhaupt Anm. d. Red.) , an dem ich als öffentlicher Ankläger teilnahm. Am verhängnisvollen 15.Juli 2009 half er uns, die Präsentation unseres Buches „Ein internationaler Strafgerichtshof für Tschetschenien“ zu organisieren. Ich erinnere mich daran, wie ich mit ihm und Arkadij Babtschenko (Russ. Schriftsteller, der als Soldat in Tschetschenien kämpfte und darüber ein Buch veröffentlichte, Anm. d. Red.) , die sich dann anscheinend kennengelernt haben, in einem Taxi saß und Andrej über sein Strafverfahren wegen seiner Dissidentenaktivitäten erzählte. Nach ein paar Stunden erfuhren wir von dem Mord an Natascha Estemirowa… Es ergab sich, dass Andrej mit einem Piloten zusammen wohnte, der im ersten Tschetschenienkrieg Grosny genau an den Tagen bombardiert hatte, als Andrej in der Stadt gewesen war. Mironow hat ihm ständig ins Gewissen geredet und von den umgekommenen Alten und Kindern erzählt: „Wie konntest du nur?“…

Er war ein vollkommen furchtloser Mensch. Als wir 2000 oder 2001 zu Besuch bei dem heutigen politischen Gefangenen Ruslan Kutajew waren, wurde unser Auto im Bezirk Urus-Martanowski von einem Panzerwagen aus beschossen. Andrej hat eine erstaunliche Ruhe bewahrt und zeigte überhaupt keine Gefühlsregung, als ob es sich um eine alltägliche Angelegenheit handeln würde. Und diese Ruhe hat sich natürlich auch auf uns andere übertragen.

Ich habe mich nie mit ihm über seine Einstellung zur Religion unterhalten, irgendwie kam mir das als ein sehr persönliches Thema vor. Als Natalja Estemirowa umgebracht wurde, habe ich mir ein kleines Gebet ausgedacht: „So nimm nun, Herr, die Seele deiner verblichenen Dienerin Natalja und all derer, die, auch wenn sie nicht mit ihrem Verstand an dich glaubten, mit ihren Herzen für deine Wahrheit brannten und ihr Leben für ihre Nächsten hingaben.“

Vor ein paar Jahren sind dann alle zu Facebook gewandert, aber Andrej wollte seine Zeit nicht dafür verschwenden (und die sozialen Netzwerke sind auf jeden Fall Zeitverschwendung). Wir hatten unregelmäßigen Kontakt, meistens über Skype. Das letzte Mal hat er mich vor ungefähr anderthalb Wochen angerufen und gesagt, dass er schon seit längerem in der der Ukraine ist und jetzt gerade im Donezker Gebiet. Ich habe ihm sehr kurz von unseren Aktionen in Nischnij Nowgorod gegen die Annexion der Krim und Schlägereien mit Nationalisten erzählt. Ich hatte es sehr eilig, da ich von der Arbeit nach Hause musste, obwohl es ihn sehr interessiert hat. Ich habe versprochen am nächsten Tag anzurufen, Links zu den Videos zu schicken und sich mal wieder richtig zu unterhalten. Angerufen habe ich aber nicht… Das ist eines jener Versäumnisse, die man sich unmöglich verzeihen kann. Hätte ich das nur gewusst…

Verzeih mir, Andrej!

So Gott will, werden wir uns in der Ewigkeit wieder sehen!

Und weitere Erinnerungen an Mironow:
http://www.memo.ru/d/198407.html
Aleksandr Tscherkassov, Leiter der internationalen Menschenrechtsorganisation Memorial gedenkt Andrej Mironows

http://www.memo.ru/d/198406.html
Svetlana Gannuschkina, Leiterin der Organisation „Bürgerhilfe“, die sich besonders für Flüchtlinge in Russland einsetzt, und Mitglied von Memorial schreibt einen Text über Andrej Mironow

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