„Islamischer Staat“ – ein neues „Kalifat“ im Nahen Osten

von Leonie Staas

Der Terror hat einen neuen Namen – ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien). Seit Anfang Juni dominieren die Attacken der Terrorgruppe die Medien – der Ableger von al-Qaida feierte eine erschreckende Erfolgsgeschichte bei der Eroberung weiter Teile des West- und Nordiraks sowie Syriens. Vor allem die Eroberung der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul am 10. Juni war ein Schock für die Staatengemeinschaft. Mittlerweile hat die Gruppe in den besetzten Gebieten ein Kalifat ausgerufen – eine längst ausgestorbene islamische Regierungsform – und noch dazu ihren Namen geändert – sie heißt jetzt „Islamischer Staat“ (IS) und macht damit unmissverständlich klar, dass sie sich zur Errichtung des islamischen Gottesstaats längst nicht mehr auf Syrien und den Irak beschränkt. Selbst der al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri hat sich inzwischen von ISIS distanziert. Ideologisch primitiv und militärisch konsequent kämpfen sie für ihren Herrschaftsanspruch, den sie von der mittelalterlichen Landkarten ableiten.

Wie ist „IS“ entstanden?

Die ISIS hat ihre Ursprünge in der „Tawhid und Dschihad“- Gruppe, die sich 2003 zum Kampf gegen die Besetzung der Amerikaner im Irak formierte. 2004 schwor die Organisation al-Quaida die Treue und war viele Jahre eher als „al-Qaida im Irak (AQI)“ bekannt. Mitte Mai 2010 erklärte ISI („Islamischer Staat im Irak“) Abu Bakr al-Baghdadi zu ihrem neuen Anführer. 2012 rief al-Qaida-Anführer Aiman az-Zawahiri die Muslime im Irak, in Jordanien, im Libanon und in der Türkei zum Kampf gegen das Assad-Regime auf. Somit begann die offene Beteilung des damaligen „ISI“ im syrischen Bürgerkrieg. Dort gehörte sie neben der Nusra-Front, mit der sie sie seither teils kollaboriert und sich teil bekämpft, zu den al-Qaida zugehörigen Akteuren. Der Hintergrund der Abspaltung des ISIS von al-Qaida liegt darin, dass al-Baghdadi die Operationen nicht auf den Irak beschränken wollte, sondern auch in Syrien tätig ist und in naher Zukunft in der gesamten Levante aktiv werden will (daher die alternative Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und der Levante“, ISIL). Dagegen vertritt al-Zawahiri (al-Qaida) die Überzeugung, eine Konzentration der einzelnen Organisationen auf genau abgegrenzte Operationsgebiete sollte stattfinden, um möglichst große Wirksamkeit zu erzielen. Im April 2013 schließlich gab al-Baghdadi den neuen Namen der Organisation Islamischer Staat im Irak und der Levante bekannt, also „ISIL“ oder „ISIS“. Offiziell Gründete sich die Organisation also erst 2013 – sie ist noch jung, und noch dazu nicht besonders groß. „Experten schätzen die Stärke der extremistischen Gruppe auf etwa 10 000 Mann.“, wie die Süddeutsche Mitte Juni berichtet – die irakische Regierung dagegen befehligt über 900.000 Mann. Wie aber konnte eine solche Organisation in so kurzer Zeit solch gewaltige Landstriche einnehmen?

Verbreitungsgebiet

Zu diesem Gebiet gehören mittlerweile praktisch alle Grenzübergänge zwischen dem Irak und Syrien, dazu einen weiteren, strategisch wichtigen Grenzposten zwischeTerritorial_control_of_the_ISIS.svgn dem Irak und Jordanien. Isis überrollt international anerkannte Grenzen und hat auf diese Weise bereits Kontrolle über ein Gebiet erlangt, das so groß ist wie Jordanien. Es reicht von Aleppo und Rakka in Syrien bis Mossul im Nordirak und nach Süden fast bis nach Bagdad. Die Menschen dort bereiteten sich auf einen Angriff vor, und am 13. Juni legte das religiöse Oberhaupt der Schiiten im Irak, Großajatollah Ali al-Sistani, seine Zurückhaltung ab und rief zum Kampf gegen die sunnitischen Extremisten auf. Jeder, der eine Waffe tragen könne, solle sich den irakischen Sicherheitskräften anschließen. Im Juli 2014 haben IS-Kämpfer in Mossul und Tal Afar schiitische und sufistische Moscheen und Heiligtümer zerstört, darunter auch das Mausoleum von Ahmed Rifai, eines Nachkommen Mohammeds.

Wer unterstützt „IS“ und wie finanzieren sie sich?

IS verfügt über eine hervorragende Organisation und ist aus der Luft oft nicht zu erkennen, da sie bei ihrem Vormarsch weitgehend auf den Gebrauch von Großmaschinerie wie Panzern verzichtet. Weil sich viele Sunniten seit Jahren von der Maliki-Regierung unterdrückt fühlen, konnten die ISIS-Kämpfer besonders in von Sunniten bewohnten Gebieten sehr schnell vorrücken. Vor allem aber verfügt die Gruppe über sehr großzügige finanzielle Mittel. Diese, wie bspw. von der schiitisch irakischen Regierung vorgeworfen, beziehe sie aus den Golfstaaten – Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und den Emiraten – zu dem dortigen breit gefächerten Unterstützernetzwerk zählen auch millionenschwere Scheichs und religiöse Stiftungen.

Dieses Gefüge ist nur nachzuvollziehen, wenn man den seit dem 7. Jahrhundert währenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten miteinbezieht – den beiden verschiedenen Konfessionen der islamischen Religion. Die Mehrheit unter den Muslimen weltweit stellen die Sunniten – anders ist es aber im Irak und im Iran, wo es eine schiitische Mehrheit gibt. Der Iran hat sich zur Schutzmacht der Schiiten und gleichzeitig zur Regionalmacht etabliert. Daher besteht ein Bündnis zwischen der iranischen Regierung und dem irakischen Präsidenten al-Maliki, ebenfalls Schiit. Der syrische Diktator Assad ist zwar Alewit, diese fühlen sich aber eher dem Schiitentum zugehörig und werden von radikalen Sunniten gleichermaßen als Ungläubige betrachtet. Auch für Assad stellt der mächtige Iran eine wichtige Schutzmacht dar. Die Motivation der sunnitischen Golfstaaten sei der Kampf der ISIS gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad in Syrien gewesen (Deutsche Welle). Inzwischen sei sich die Regierung Saudi-Arabiens jedoch auch der Gefahren bewusst. Saudis stellen inzwischen das größte Kontingent ausländischer Kämpfer bei der ISIS. Wenn diese Kämpfer zurückkommen, droht die Gefahr, dass sie sich gegen das saudische Regime wenden. Auch der Türkei gegenüber gab es zahlreiche Vorwürfe, die ISIS aus Interesse an einem Machtsturz Assads sowie einer Eindämmung der kurdischen Dominanz im Norden Syriens heraus die ISIS finanziell und moralisch zu unterstützen. Bei dem komplexen Konflikt rund um die ISIS spielen also ethnische, religiöse und nationale Gruppierungen eine Rolle, ebenso wie geopolitische Machtinteressen um die Dominanz in Nahost.

Doch die Gruppe scheint auch ohne diese großzügigen Unterstützer längst in der Lage, sich selbst zu finanzieren. Bei der Einnahme der nordirakischen Stadt Mossul haben die Kämpfer der ISIS in der dortigen Zentralbank 500 Milliarden irakische Dinar erbeutet, umgerechnet mehr als 420 Millionen US-Dollar. 30.000 Regierungssoldaten sollen desertiert sein, dabei fielen den rund 800 IS-Kämpfern riesige Waffenlager und hochmoderne US. Black. Hawk-Hubschrauber in die Hände. Eine bedeutende Rolle spielen auch die unter Kontrolle gebrachten Ölfelder im Norden Syriens. Mit Lastwagen wird das Öl über die Grenze in die Türkei transportiert. Außerdem hat die ISIS ein komplexes Konzept systematischer Erpressung in den besetzten Gebieten entwickelt. Es wird weiterhin vermutet, dass die Organisation in Gegenden, die sie vollständig kontrolliert, Steuern erhebt – beispielsweise in Raqqa im Nordosten Syriens.

Der Konflikt mit der syrischen pro-westlichen Opposition – Theorien einer Verschwörung

Neben dem Assad-Regime gehören im Syrischen Bürgerkrieg vor allem die Freie Syrische Armee und kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG) zu den Gegnern von ISIS. Nachdem ISIS Anfang Januar einige bedeutende syrische Aktivisten in ihren Gefängnissen ermordet hatte, brachen zunehmend offene Kämpfe zwischen ISIS und den Rebellen aus, welche mehr und mehr Zulauf erfuhren. Mehrere Vermittlungsversuche zwischen ISIS und den Rebellen scheiterten. Anfang Februar 2014 hatte ISIS unter den syrischen Rebellengruppen keinen einzigen Verbündeten mehr.

Aufgrund der Massenverhaftungen und Hinrichtungen der ISIS von syrischen Aktivisten und Rebellen und der mangelnden Beteiligung an Kämpfen gegen das Assad-Regime wurde ISIS unterstellt, von Kräften des Diktators unterwandert zu sein und gegen die Revolution zu arbeiten. Auf der anderen Seite fiel auf, dass Präsident Baschar al-Assad die ISIS im Vergleich zu anderen Rebellengruppen weitgehend verschont ließ, ihr Erstarken ungerührt hinnahm und begrüßte. Strategisch ist dies nur zu gut nachzuvollziehen – die ISIS erledigt für den Diktator alle Feinde und vereinfacht den Konflikt. Nebenbei wird der westlichen Welt anschaulich gezeigt, was dem Land droht, sollte es Assad an der Spitze nicht mehr geben – die Bevölkerung wendet sich ihm wieder zu, „lieber Assad als die al-Quaida!“. Er scheint nunmehr fester im Sattel zu sitzen als je zuvor. Womöglich wird er sich schon bald nur  noch auf ISIS konzentrieren müssen, und das mit der Bevölkerung auf seiner Seite. Assad ist der wahre Gewinner der jüngsten Ereignisse. Demnach kursieren Verschwörungstheorien, die ISIS sei ein Werkzeug des Bündnisses Assad-Maliki-Rohani(Iran).

Selbstwahrnehmung der Terrorgruppe

Die radikalen Argumente zieht IS aus dem Islam, daher fühlen sie sich im Recht, und dieses Recht sei absolut unverhandelbar, denn die Quelle sei Gott. Die Überzeugungen der Gruppe stammen teils aus dem Koran, teils von fundamentalistischen Theologen, teils von Terroristen. Nach Sayyid Kutb, dem Vordenker der Muslimbrüder, kann man sich die Wahrheit des Islams nicht anlesen, man muss sie erkämpfen, notfalls mit Waffengewalt. Das Töten ist demnach nicht nur erlaubt, sondern Pflicht. Nur im konkreten Einsatz für den Islam liegt der wahre Glaube. Doch diese Art der Revolution nach Kutb richtet sich nicht hin zu einer liberalen Lebensweise, sondern hin zu dem einen unbezweifelbaren Gott. Für Fundamentalisten garantiert nur die Scharia Gerechtigkeit. Die Interpretationen der Fundamentalisten dieses islamischen Rechts zwingt in vielen Fällen zum Töten. Die radikale Interpretation des „Dschihad“ (Heiliger Krieg) ist ein Feldzug gegen alle Feinde Gottes, und dazu gehören nicht nur, wie vielfach verbreitet, die westliche Welt, sondern bspw. auch „feindliche“ Muslime. Die Islamisten sind überzeugt, von Ungläubigen umgeben zu sein, die vernichtet werden müssen. Christen und Juden sind die größten Feinde, denn sie glauben nicht nur an Allah, ihnen wird auch unterstellt, den Islam vernichten zu wollen. Hinzu kommt das Versprechen vom Paradies für die Selbstmordattentäter: Wenn du den Heiligen Krieg nicht auf Erden gewinnst, dann gewinnst du dennoch Paradies.

Wie soll ein solcher Gottesstaat – das Kalifat – aussehen?

Die Isis erkennt kein anderes Gesetzbuch als den Koran an. Im Gegensatz zur global tätigen al-Qaida beansprucht IS ein klar umrissenes Territorium. Diesen Anspruch legitimiert die Organisation durch die islamische Geschichte. In den Gebieten des „Kalifats“ riefen die Terroristen einen 16-Punkte-Katalog aus, so auch in Mossul. Hier verkündeten sie das Verbot von Alkohol, Rauchen, Glücksspiel, Gesang, religiösen Schreinen und Heiligenverehrung sowie des schiitischen Islam. Dieses „göttliche Gesetz“ beinhaltet angeblich schariagerechte Hinrichtungen, Kreuzigungen, Amputationen und Folter von vermeintlichen Heiden, Mördern, Verrätern, Ehebrechern, Dieben oder anderen „schlechten Muslimen“. Diese unglaubliche Brutalität und theologische Ignoranz, die einerseits primitiv wirkt, wird andererseits von hochprofessionellen Mitarbeitern der ISIS via Twitter und Internet einer schockierten Welt in Form von Video und Bildmaterial veröffentlicht. Die Terrororganisation soll bspw. körperlich oder psychisch kranke Menschen entführt und sie anschließend „benutzt“ haben, um Selbstmordattentate durchzuführen.

Erst kürzlich wurde eine weitere Offensive der Islamisten bekannt: in Mossul seien Häuser und Grundstücke, die von Christen oder Shiiten bewohnt wurden, mit entsprechenden Buchstaben markiert („N“ für „Nasara“ = Christen, „R“ für „Rafidha“ = Ablehnende, gemeint sind Shiiten). Viele Angehörige dieser Religionsgemeinschaften schweben jetzt in noch größerer Gefahr vor gezielten Angriffen der Islamisten. Die Gesetze des „Kalifats“ widersprechen den Menschenrechten und dem Völkerrecht.

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Staat#mediaview/Datei:Territorial_control_of_the_ISIS.svg

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