Acht Indigene bei Konflikten im Südwesten Guatemalas ermordet

Foto: Luis Roberto Lainez

In der Nacht vom 19. auf den 20. September sind in Guatemala acht Indigene ermordet worden. Die unterlassene Hilfe der Polizei während der Konflikte wird  nur durch die Reaktion der guatemaltekischen Regierung übertroffen: Sie setzte die konstitutionellen Rechte der Bewohner in der Region als Reaktion auf die Morde in den betroffenen Gebieten außer Kraft.

von Céline Sonnenberg

Nicht zum ersten Mal führt der geplante Bau einer Zementfabrik nah an indigenen Gemeinden im Verwaltungsbezirk San Juan Sacatepéquez im Südwesten von Guatemala zu Konflikten; seit 2007 kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Anwohner, die zum Großteil der indigenen Ethnie Kakchiquel, einer Untergruppe der Maya angehören, fürchten um die Wasserqualität durch Umweltverschmutzung und um die Auswirkungen der Zementfabrik auf ihr Land.

Bereits seit 2007 protestieren die Kakchiquel gegen den Bau der Zementfabrik wie hier bei einem Protestmarsch der Frauen 2009. https://www.flickr.com/photos/puchica/3721777582/in/photostream/

Bereits seit 2007 protestieren die Kakchiquel gegen den Bau der Zementfabrik wie hier bei einem Protestmarsch der Frauen 2009.

Als 2013 mit dem Bau der Zementfabrik nach einer Investition von 720 Millionen US-Dollar begonnen wurde, wurden massive Proteste der indigenen Bevölkerung einfach ignoriert. Die Fabrik soll 2017 mit der Produktion beginnen. Der Streit über die Zementfabrik entzweit nicht nur die indigenen Anwohner und die Arbeiter der Zementfabrik, auch innerhalb der Gemeinden scheiden sich die Geister und Gegner und Befürworter der Zementfabrik stehen sich gegenüber. Oft enden diese Konflikte blutig, 26 Menschen sind in den letzten Jahren durch die Streitigkeiten zu Tode gekommen.

Zusätzlich zum Bau der Zementfabrik belastet auch der Bau einer Straße die indigenen Gemeinden

Zusätzlich zum Bau der Zementfabrik ist eine Straße geplant, die eine indigene Gemeinde durchschneiden soll und für die Grundwasserquellen zugeschüttet und Anwohner umgesiedelt werden müssen. Nachdem in Los Pajoques in Loma Alta, etwa 30 Kilometer von der Haupstadt Guatemala-Stadt entfernt, Gegner der Straße gewaltsam gezwungen wurden ihre Häuser zu verlassen und andere unter massivem Druck gedrängt wurden ihre Grundstücke zu verkaufen, eskalierte die Situation und endete in blutigen Kämpfen. In die Luft abgefeuerte Schüsse verletzten zwei Anwohner, die später im Krankenhaus verstarben. Daniel Pascual, der bei den Auseinandersetzungen dabei war und Anführer der protestierenden Bauern ist, erkannte einige der Schützen: Es waren Mitarbeiter der Zementfabrik.

Die Unfähigkeit der Polizei zu Handeln ließ den Konflikt eskalieren

Während der Verfolgung der Schützen nahmen Mitglieder der indigenen Gemeinde vier von ihnen gefangen. Der Rest der Schützen verletzte noch zahlreiche Menschen, bevor sie flüchteten. Als wäre diese Situation nicht schon schlimm genug, ist vor allem die unterlassene Hilfestellung der Regierung empörend. Obwohl die Gemeindemitglieder umgehend die nationale Polizei verständigten und um ihren Schutz baten und diese ein baldiges Kommen ankündigten, kam die Polizei nie am Tatort an. Mitglieder der indigenen Gemeinde wollten die vier Gefangenen eigentlich an die Polizei übergeben. Das war jedoch durch das Nicht-Erscheinen der Polizei unmöglich und machte eine Eskalation des Konflikts faktisch unumgänglich. In der Nacht wurden im Laufe der Auseinandersetzungen Autos und Häuser angezündet und zahlreiche Menschen verletzt. Neben den beiden indigenen Opfern, die im Krankenhaus ihren Verletzungen erlagen, wurden während der nächtlichen Kämpfe weitere sechs Indigene ermordet, die noch am Tatort verstorben. Die zahlreichen Schüsse aus verschiedenen Kalibern und Machetenhiebe, die die Körper der Verletzten und Toten aufweisen, zeigen, wie brutal die Kämpfe auf den Straßen waren.

Die Regierung Guatemalas reagiert auf die Situation mit der Aufhebung von verfassungsmäßigen Rechten

Mittlerweile ist in der Konfliktregion der Notstand ausgerufen worden. Es gilt das Kriegsrecht. Konstitutionelle Rechte, wie das Recht auf Versammlungen und freie Rede, sind für 15 Tage einfach außer Kraft gesetzt. In den frühen Morgenstunden des 24. September sind etwa 1000 Polizisten und Soldaten, Kleintransporter mit geladenen Maschinengewehren und ein Panzer nach San Juan gesendet worden. Dass diese militärische Präsenz unter den indigenen Anwohnern eher mehr Angst und Unruhe streut ist nicht überraschend. Berichte erzählen von der Zerstörung von Privateigentum und der Einbehaltung persönlicher Dokumente durch die Einsatzkräfte, angeblich im Rahmen von nicht genehmigten Hausdurchsuchungen.

Die Aussetzung von grundlegenden Verfassungsrechten ist in keinem Fall geeignet, um Konflikte zu lösen

Diese Aktionen gegen die Gemeinden sind ein absolut falsches Zeichen der guatemalaschen Regierung und ein Missbrauch ihrer Macht. Auch 2008 war ein Notstand in San Juan ausgerufen worden, 2012 wurden in Santa Cruz Barillas die Rechte der Bevölkerung eingeschränkt nachdem gegen ein Staudamm-Projekt protestiert wurde. Auch bei Protesten gegen eine Silbermine in San Rafael las Flores nutzte die Regierung angebliche Sicherheitsmaßnahmen, um schwer bewaffnetes Personal in die Konfliktzonen zu entsenden. Legitime Proteste so zu unterdrücken verstößt gegen alle Menschenrechte, ist ineffektiv und wird von der Regierung Guatemalas in unverhältnismäßig vielen Fällen genutzt. Rechtzeitige, die Rechte der Zivilbevölkerung achtende Polizeieinsätze werden benötigt, nicht der ständige Ausruf eines „Notstandes“ während dem Polizeigewalt geduldet wird und die Bevölkerung massiv unterdrückt werden kann. Die Aussetzung von grundlegenden Verfassungsrechten ist in keinem Fall geeignet, um Konflikte zu lösen. Das Ziel muss die Verhinderung derartiger Gewaltverbrechen durch vorbeugende Maßnahmen  sein, eine nachträgliche Lösung reicht nicht aus, besonders bei Konflikten wie diesem, die der Regierung schon lange bekannt sind!

Gemeinsam mit den Gemeinden in Guatemala trauern wir um: Damián Vicente Camel (16), Hermelindo Pacoj Chacaj (17), Cecilio Raxón Matz (19), José Pacoj Chcaj (23), Bernardo Pacoj Guamuch (68), Marcelo Pococ Max (46), Justo Raxßón Chocón (Alter unbekannt) und das achte Opfer, dessen Name noch nicht öffentlich gemacht wurde.

[Zur Autorin]

Foto_Celine Sonnenberg

CÉLINE SONNENBERG studiert Internationale Beziehungen an der Universität Malmö (Malmö högskola). Nächstes Jahr wird sie ihren Bachelor of Arts abschließen. Céline arbeitete als Freiwillige auf einem Pferdegestüt in der Nähe von Santiago de Chile und reiste durch Südamerika. Seitdem interessiert sie sich besonders für die Situation der indigenen Gemeinschaften in Lateinamerika.

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