Von Menschenrechtsarbeit und Tierliebe

Inse Geismar, Pressereferentin der GfbV, erklärt, warum das Hündchen Timo, der vor unserem Büro ausgesetzt und dadurch ein neues Zuhause fand, unsere Arbeit beeinflusst hat.

von Inse Geismar

Leise zitternd saß im Herbst 2013 ein dünner gelber Hund vor unserer Tür. Sein Herrchen oder Frauchen konnte offenbar nicht mehr für ihn sorgen und hatte ihn bei uns am Treppengeländer angebunden in der Hoffnung, dass wir ihm ein neues Zuhause geben würden. Das freundlich-sanfte Tier trug ein kleines Pappschild am Halsband: Timo 1-2-3. Leider hatte niemand von uns spontan Platz für einen Hund und so fasste sich unser Kollege Patrick Strehl ein Herz und machte sich mit Timo zu Fuß auf den Weg ins Tierheim. Das war ein Glück: Am Ufer der Leine, die durch Göttingen fließt, trafen die beiden einen Freund von Patrick. Gerührt von der Geschichte des dünnen Hundes entschied sich Cristian Emma ganz spontan: „Der bleibt bei mir!“

Timo fand bei Cristian und seiner Frau Jacqueline ein liebevolles Zuhause. Und bei uns war eine neue Idee geboren: Wir wollten unseren Bildkalender für das Jahr 2015 dem besonderen Band zwischen Mensch und Tier widmen.

Timo genießt sein neues Zuhause. Hier hat er Cristian und Jacqueline Emma sowie GfbV-Mitarbeiter Patrick Strehl (Mitte) mit auf einen Ausflug ins Grüne genommen.

Timo genießt sein neues Zuhause. Hier hat er Cristian und Jacqueline Emma sowie GfbV-Mitarbeiter Patrick Strehl (Mitte) mit auf einen Ausflug ins Grüne genommen.

Bei der Fotorecherche waren wir immer wieder überrascht, wie unterschiedlich, aber auch wie ähnlich die Bindung zwischen Mensch und Tier in unterschiedlichen Kulturen sein kann. Allein die Rolle, die dem „besten Freund des Menschen“ zugewiesen wird, hat so viele Facetten schon bei uns: Da gibt es Such- und Wachhunde, Blinden-, Jagd- und Schäferhunde. Und in Anatolien und Tibet verteidigen wehrhafte Schutzhunde wie die mächtigen Kangal und die riesigen Dho Kyi die ihnen anvertrauten Viehherden sogar gegen Wölfe und Bären. Bei den Inuit im hohen Norden waren die Kraft, Ausdauer und Genügsamkeit der Schlittenhunde noch vor wenigen Jahrzehnten überlebenswichtig, bis das motorisierte Schneemobil sie mehr und mehr ersetzte.

Wir wollten jeden Monat ein anderes Tier und „seine“ Menschen vorstellen

Wir wollten aber keinen „Hundekalender“ machen, sondern jeden Monat möglichst ein anderes Tier und „seine“ Menschen vorstellen. Wir dachten da auch an Pferde, Esel, Mulis, Dromedare und Kamele, Yaks und Wasserbüffel. Sie alle sind nach wie vor bewährte Reit-, Last- und Zugtiere in vielen Gesellschaften, auch wenn Motorschlitten, Lastwagen, Traktor und Geländewagen inzwischen fast in jedem Winkel der Erde zu finden sind. Große Viehherden werden in Australien oder Amerika sogar vom Helikopter oder Kleinflugzeug aus überwacht und gelenkt. In unwegsamem Gelände ist jedoch noch immer Muskelkraft gefragt – auch bei der Almwirtschaft hoch in den europäischen Alpen oder beim Holzrücken in schwer zugänglichen Wäldern.

Indigene Gemeinschaften nutzen zum Teil noch Wolle und Milch, Fleisch, Fell, Sehnen, Haut und Knochen, Eier und Federn ihrer Tiere für Kleidung, Behausung, Nahrung und Schmuck. Das Ansehen eines Dinka im Südsudan wird ganz wesentlich davon bestimmt, wie viele Tiere er besitzt, und Rinder sind oft noch immer die „Währung“, in der die Höhe des Brautpreises festgelegt wird. Es werden aber auch manche Neuerungen eingeführt, um vom Untergang bedrohte Traditionen weiterleben zu lassen oder indigenen Gemeinschaften ein besseres Auskommen zu verschaffen. So ist die Jagd mit Steinadlern bei den Kasachen in der Mongolei keine reine Männerdomäne mehr. Mindestens eine junge Frau und ein Mädchen lernen die Kunst der Falknerei von ihren Vätern. Bei den Ashaninka im brasilianischen Amazonasgebiet sind Imkerei und Schildkrötenzucht Erfolg versprechende Projekte einer Regenwaldschule, die unser Förderverein für bedrohte Völker unterstützt und die sowohl der Ernährungssicherheit als auch der Arterhaltung dienen.

Auf ganz andere Weise ist die Gemeinschaft der Bishnoi mit den Hirschziegenantilopen in der nordindischen Wüste Thar verbunden. Bei uns werden die zartgliedrigen Gazellen häufig im Zoo gehalten – die Bishnoi verehren sie als heilig. In ihrer Region sind die Wildtiere über die Jahrhunderte so zutraulich geworden, dass sie mit den Menschen in den Dörfern in Freiheit zusammenleben. Ein Schicksal wie den Tempelelefanten, die in Indien ebenfalls als heilige Tiere verehrt und ihr Leben lang an der Kette gehalten werden, bleibt ihnen erspart.

Es war oft nicht leicht, eine Fotoauswahl zu treffen

Es war oft nicht leicht, die Fotoauswahl für unseren Kalender zu treffen. Wir haben so viele atmosphärische, mitreißende oder anrührende Bilder gefunden, dass wir oft hin- und hergerissen waren, welches uns nun einen ganzen Monat lang begleiten sollte. Unsere Faszination und Freude an den Motiven, die Profi-, aber auch Amateurfotografen eingefangen haben und deren Besonderheit man manchmal erst bei näherem Hinschauen erkennt, möchten wir mit euch teilen.

Diashow_Kalenderblätter

Hier findet ihr den Link zu unserem Fotokalender „Zarte Bande“. Der Reinerlös aus dem Verkauf des Kalenders kommt unserer Menschenrechtsarbeit zugute. Auf der Rückseite der Monatsblätter könnt ihr euch über die Lage der jeweiligen Gemeinschaften informieren.

[Zur Autorin]

INSE GEISMAR ist Ethnologin und arbeitet seit fast 30 Jahren für die GfbV. Als erste GfbV-Aktionsreferentin organisierte sie zahlreiche Aufsehen erregende Demonstrationen, Mahnwachen und Menschenrechtsaktionen, bevor sie das Pressereferat übernahm.

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