#BringBackOurGirls – Jetzt erst Recht!

von Michaela Böttcher

Unsere Zeit ist schnelllebig geworden. Das Gestern scheint fast genauso lange her wie Sachen, die vor Monaten oder Jahren passiert sind. Wer kann sich schon daran erinnern, was heute vor sechs Monaten passiert ist? Aber es gibt 219 Schülerinnen, die sich jeden Tag daran erinnern. Wahrscheinlich jede Minute und jede Sekunde. Denn heute vor sechs Monaten sind diese Mädchen aus den Hostels, die sie als Unterkunft während ihrer Schulzeit nutzen, im Norden Nigerias von Kämpfern der Terrorgruppe Boko Haram entführt worden. Ursprünglich waren sogar 276 Mädchen verschleppt worden, doch einigen gelang es zu fliehen. Von den übrig gebliebenen 219 gibt es bis heute kein Lebenszeichen.

In einer beispiellosen Kampagne haben sich im Juni und Juli 2014 weltweit mehr als eine Million Menschen im Internet für die Freilassung der Mädchen engagiert. Die Kampagne #BringBackOurGirls ging durch die Medien. Michelle Obama hat sich für sie eingesetzt. Genauso wie Malala, die mittlerweile für ihren außergewöhnlichen Einsatz für Bildung und Rechte von Mädchen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Zu Recht.

Malala Yousafzai, die neue Friedensnobelpreisträgerin, beteiligte sich an der #BringBackOurGirls-Kampagne. Im Juli 2014 besuchte sie in Nigeria Mädchen, die der Gefangenschaft entkommen konnten.

Malala Yousafzai, die neue Friedensnobelpreisträgerin, beteiligte sich an der #BringBackOurGirls-Kampagne. Im Juli 2014 besuchte sie in Nigeria Mädchen, die der Gefangenschaft entkommen konnten.

Doch was ist seitdem aus der Kampagne geworden? Die InitiatorInnen setzen sich weiter ein. Sie haben sogar für diese Woche aufgerufen, die Kampagne wieder groß aufzunehmen. In Nigerias Hauptstadt Abuja protestierten gestern Familienangehörige und UnterstützerInnen vor dem Sitz des Staatspräsidenten Goodluck Jonathan. Aber was ist mit all den InternetaktivistInnen? Wo sind die ganzen Schilder? Auf meiner Facebook-Startseite habe ich keins gesehen. Kobani wird diskutiert, vielleicht ein bisschen Ebola. Ansonsten reihen sich da eher Katzenvideos aneinander und Artikel, die mir erklären wollen, warum Mila Kunis und Ashton Kutcher ein tolles Paar sind. Oder wie ich mein Leben mit fünf kleinen Regeln effizienter gestalte.

Das soll alles kein Vorwurf sein. Tipps für Effizienz sind nicht schlecht und Katzenvideos wahrscheinlich der geheime Grund, warum das Internet tagtäglich von so vielen Menschen benutzt wird. Aber ich bedauere es, dass dazwischen kein Platz für echtes Mitgefühl und Interesse bleibt. Wenn wir wegschauen, was bleibt dann? Eine nigerianische Regierung, die sich von der Boko-Haram-Sekte vorführen lässt. Und eine internationale Gemeinschaft, die 219 Mädchen vergessen hat.

[Zur Autorin]

Michaela Böttcher

MICHAELA BÖTTCHER ist Onlineredakteurin bei der Gesellschaft für bedrohte Völker e.V. Sie hat einen M.A. in Englischer Literaturwissenschaft und in Mittlerer und Neuerer Geschichte. In ihrer Abschlussarbeit forschte sie über sexuelle Gewalt als Kriegswaffe. Bis heute zählen die Auswirkungen von Krieg und Konflikten auf Frauen und Mädchen zu ihren Schwerpunktthemen.

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