Theaterprojekt „Heimat. Heimat?“ im Grenzdurchgangslager Friedland

Sieben Jugendliche sitzen auf dem Boden, die Augen geschlossen. Sie lassen die vergangenen Stunden Revue passieren. Was war das schönste „Foto“ des Tages? Heraus kommen sieben verschiedene Bilder, Gefühle und Gedanken. Die Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren sind Teil des einwöchigen Theaterprojekt „Heimat. Heimat?“ des Domino Vereins aus Göttingen. Sie haben am Montag den ersten Tag im Übergangslager Friedland verbracht, wo sie in dieser Woche mit Flüchtlingen Theater spielen, tanzen, rappen und Erfahrungen austauschen.

von Veronika Vogel

Das Flüchtlingslager Friedland ist seit 1945 als Grenzdurchgangslager bekannt, zunächst als erste Anlaufstelle für Flüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer aus dem ehemaligen Ostpreußen. Inzwischen kommen jedoch Flüchtlinge aus aller Welt hierher. Über 4 Millionen Menschen hat das Lager in seiner Geschichte aufgenommen, allein in den ersten sieben Monaten des Jahrs 2014 waren es 7.058. Tausend Betten stehen ihnen zur Verfügung.

Zurzeit ist das Lager jedoch überfüllt, zusätzliche Räume werden mit Betten ausgestattet und Container für Familien aufgestellt. Deutschland hat sich zwar bereit erklärt, insgesamt 20.000 syrische „Kontingentsflüchtlinge“ aus den Nachbarstaaten des Bürgerkriegslandes aufzunehmen, doch weit mehr kommen auf illegalem Wege hierher. Allein im Zeitraum von Januar bis September 2014 wurden in Deutschland 23.575 Erstanträge auf Asyl von Syrern gestellt. Ich höre die Geschichte eines Ladenbesitzers aus Aleppo. Früher war er ein wohlhabender Mann, jetzt ist er vom Wohlwollen deutscher Behörden abhängig. Seine Flucht hat ihn über die Türkei, durch verschiedene arabische Staaten und schließlich mit 230 anderen Flüchtlingen auf einem Boot über das Mittelmeer nach Europa geführt.

Gleich bei der Ankunft spürt man die lähmende Langeweile im Lager. Die erste Übung mit den jugendlichen Flüchtlingen läuft nur schleppend an, doch nach einem gemeinsamen Spaziergang zum Heimkehrer-Mahnmal lockert sich die Stimmung trotz Sprachbarrieren. Es wird auf Englisch, Russisch und Arabisch übersetzt und noch immer werden nicht alle Sprachen, die man um sich herum hört, abgedeckt. Einige der jugendlichen Flüchtlinge, die heute noch begeistert mitmachen, werden in den nächsten Tagen nicht mehr teilnehmen können; sie werden auf andere Aufnahmeorte verteilt.

Die Fingerabdrücke dürfen vor Erreichen des Ziellandes nicht ins System der europäischen Behörden gelangen. Das ist unter den Flüchtlingen allgemein bekannt. Einige ergänzen es bei ihren Erzählungen, nein, ich habe meine Fingerabdrücke erst in Deutschland abgegeben. Zum Glück. Die Angst rührt aus den Regeln des Abkommens Dublin II. Gemäß dieser Verordnung sind die europäischen Staaten, in denen die Flüchtlinge zuerst registriert wurden, für sie zuständig. Die Bundesregierung prüft daher viele Asylanträge gar nicht erst, sondern schiebt die Menschen in das Land ab, in dem sie zum ersten Mal auf europäischem Boden registriert wurden. Deutschland schleicht sich damit aus der Verantwortung; stattdessen müssen Länder wie Italien, Ungarn oder Malta übermäßig viele Flüchtlinge aufnehmen.

Um halb fünf gibt es Abendessen im Lager. Die Jugendlichen aus Göttingen gehen zurück in den Raum und machen noch einige Improvisationsübungen. Der elfjährige Selim* sitzt dabei. Spricht man ihn an lächelt er herzlich. Man merkt, dass er kein Wort versteht. Und doch scheint er die Abwechslung zu genießen, schaut sich die Abläufe genau an und spielt dann einfach mit. Pantomime schlägt Brücken zwischen jenen, die keine Worte teilen.

Am Sonntag, den 2. November, findet um 16 Uhr im Speisesaal des Lagers eine Aufführung statt, in der die Jugendlichen die Ergebnisse der vergangenen Woche präsentieren werden. Eine Wegbeschreibung findet sich hier.

*Namen geändert

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2 Gedanken zu “Theaterprojekt „Heimat. Heimat?“ im Grenzdurchgangslager Friedland

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