GfbV-Mitarbeiter erinnern sich an den Mauerfall

Foto: Andreas Krüger

25 Jahre ist es her, dass Bürgerinnen und Bürger in der DDR auf die Straße gegangen sind, um ihre Bürgerrechte einzufordern. Sie formten den Ruf „Wir sind das Volk!“ zum demokratischen Grundprinzip unserer Zeit. Bis heute wird er auf Demonstrationen und Protesten, bei denen sich Menschen für ihre Rechte einsetzen, in verschiedenster Weise genutzt. Zum Jubiläum des Mauerfalls erinnern sich GfbV-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an den 9. November 1989 und an die Atmosphäre, die zu der Zeit ganz besonders war.

Inse Geismar, Pressereferentin:

Am 10. November 1989, nachdem ich die Grenzeröffnung in den Nachrichten gehört hatte, setzte ich mich zusammen mit einer guten Freundin in meinen klapprigen Opel Kadett und fuhr Richtung Grenze. Göttingen liegt nur 25 Kilometer davon entfernt. Doch 10 Kilometer vor der Grenze wussten wir, dass wir es an diesem Tag niemals in den Osten schaffen würden. Uns kamen riesige Kolonnen mit Trabis entgegen. Es knatterte und es war eine irre Stimmung. Die Leute winkten aus ihren Autos, klopften uns aufs Autodach und freuten sich. Uns liefen die Tränen. Es war einfach überwältigend. Und gleichzeitig war da eine Ungewissheit: Ist das wahr? Kann das so bleiben? Hält das auch? Das schwang dann auch ein paar Tage noch mit. Die Angst war da, dass das nur eine kurzfristige Sache war. Für Wochen bin ich dann mit meinem späteren Mann zusammen fast jeden Tag nach der Arbeit noch losgefahren – in den Osten. Und dort wurden wir ganz oft angehalten. Menschen sprangen vor das Auto und sagten, sie hätten gerade Kuchen gebacken oder etwas gekocht und luden uns zum Essen ein. Auch vor dem Mauerfall war ich öfter in der DDR. Gerade in den letzten Monaten davor bin ich hingefahren, um bei den Montagsdemonstrationen dabei zu sein. Es war beeindruckend, wie viele Menschen zu der Zeit für die Demokratie aufgestanden sind.

Leipzig, Montagsdemonstration

Tilman Zülch, Generalsekretär:

Ich hatte zwei Akten – eine beim Landesverfassungsschutz in Hamburg wegen meines Engagements gegen den Völkermord in Biafra und eine bei der Stasi. Letzteres fand ich 1986 heraus, als ich am Grenzübergang Friedrichstraße in Berlin in die DDR einreisen wollte. Ein Grenzbeamte kam auf mich zu und sagte: „Herr Zülch, stellen Sie sich mal hier hin.“ Er ließ mich ewig warten und sagte dann: „Sie sind in der DDR nicht mehr willkommen.“ Zwei Volkspolizisten brachten mich zurück zur S-Bahn-Haltestelle und ich war sehr frustriert. Wir hatten Mitglieder in der DDR und auch Abonnenten unserer Zeitschrift. Einer erzählte mir, dass er ab 1976 unsere Zeitschrift abonniert und bis zum Mauerfall lediglich zwei Ausgaben erhalten hatte. Die restlichen Ausgaben hatten ihn nie erreicht. Nach dem Mauerfall begann dann eine andere Zeit, die DDR-Bürger lebten richtig auf. Ost-Zeitungen druckten meinen offenen Brief an die Mitglieder des neuen DDR-Parlaments ab, in dem ich aufzählte, wie die nationalsozialistischen Konzentrationslager durch die Sowjetunion und ostdeutsche Kommunisten weiter benutzt worden waren. Und wir erhielten Briefe von Sorben, einer slawischen Minderheit in der Lausitz, die befürchteten, dass der Kohlebergbau ihr Zuhause zerstören würde. Dieses Problem ist auch heute wieder da.

Volkspolizisiten auf der Berliner Mauer 1989

Foto: MarkGuitarPhoto

Ulrich Delius, Asienreferent:

Am Abend des 9. Novembers 1989 war in Göttingen noch nichts zu spüren. Aber am nächsten Morgen ging ich aus dem Haus und über der Straße hing wie so eine Art Dunstglocke und überall standen Trabis. Die ganze Straße voll. Wohin du gucktest, nur Trabis. Das war schon irre. Vor dem Gemüseladen unter unserem GfbV-Büro gab es eine Traube von Leuten, die da standen und sich die Früchte anschauten. Der Besitzer des Ladens verschenkte die Früchte. Leute gaben in der Straße aus ihren Fenstern Erbsensuppe aus. Tag für Tag die gleiche Situation. Die Zeit war sehr ergreifend. Die Veränderungen waren überall zu spüren. Und in Göttingen war auch jedem klar, was das bedeutet. Mein Bruder lebte zu der Zeit in Bonn, der kannte die Mauer nur aus dem Fernsehen. Während in Göttingen jeder die Grenze bewusst wahrgenommen hat, denn die Stadt lag 25 Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. Hinter Göttingen war gefühlt das Ende der Welt. Da war Schluss. Und von einem Tag auf den anderen änderte sich das.  Meine Frau und ich fragten uns, ob wir in die DDR fahren könnten. Der Zaun war zwar offen, aber kontrolliert wurde ja noch immer. Da meine Frau Französin ist, durften wir es nicht.

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Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker:

Ich war am 9. November 1989 bei einem GfbV-Kongress für verfolgte Jeziden und Assyrer, also religiöse Minderheiten, aus dem Nahen Osten in Hannover. Unser Gast bei der Konferenz, Shlemon Yonan, Assyrer aus Westberlin, kam mit sehr großer Verspätung an.Direkt bei seiner Ankunft erzählte er uns, dass er im Stau gestanden hätte zwischen lauter Trabis und Wartburgs. Da haben wir uns sehr gewundert. Klar, es lag in der Luft, dass irgendwas passieren würde auf Grund der ganzen Flüchtlingsströme von DDR-Bürgern in den Westen, die Ungarn-Flüchtlinge, Prager Botschaft. Aber trotzdem war es so surreal, so unvorstellbar. Wir haben gedacht, Shlemon Yonan bindet uns einen Bären auf. Abends habe ich die Bilder vom Tanz auf der Berliner Mauer im Fernsehen gesehen. Ich hab nur gedacht: Das ist verrückt. Das ist Kino. Das hat irgendeiner erfunden. Das geht doch gar nicht, dass diese Mauer, wo so viele Menschen umgekommen sind, weil sie von Ost nach West wollten, plötzlich so harmlos ist, dass die Leute darauf tanzen und Stückchen raus brechen. Auch heute, nach so vielen Jahren, kriege ich immer noch eine Gänsehaut, wenn ich davon erzähle. Es ist immer noch sehr bewegend für mich.

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Kamal Sido, Nahostreferent:

1989. 9. November, da war ich in der Hauptstadt von Libyen, in Tripolis. Genauer gesagt auf dem „Grünen Platz“, der heute „Platz der Revolution“ heißt. Dort habe ich auf Bilder von Gaddafi, „dem großen Führer der libyschen Revolution“ geschaut. Danach bin ich in ein Hotel gegangen, um mich mit Bekannten aus meiner Heimat Syrien zu treffen. Im Hotel lief der Fernsehen und im libyschen Staatsfernsehen „Al Jamahiriya“ zeigten sie Bilder aus Berlin. Gaddafi freute sich über den Mauerfall, denn in seinem „grünen Buch“ plädierte er dafür, dass jedes Volk das Recht auf Selbstbestimmung hat. Durch die Proteste der Deutschen für die Einheit hat sich Gaddafi somit bestätigt gefühlt. 6 Wochen vor dem Mauerfall hatte ich Moskau, wo ich studiert hatte, verlassen. Damals konnte man schon spüren, dass die Sowjetunion kurz vor dem Zerfall stand. Während meines Studiums hatte ich einen Mann aus Ostdeutschland kennen gelernt, der der DDR sehr loyal gegenüber war. Vor kurzem, nach über 30 Jahren, habe ich ihn wieder getroffen. Er erinnerte sich, dass ich ihm in den achtziger Jahren bereits von Kurdistan erzählt habe und sagte traurig: „Kamal, vor 32 Jahren warst du auf der Suche nach einem Staat, den du immer noch nicht hast. Und ich habe meinen Staat zwischenzeitlich verloren.“

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Sandy Naake, Redakteurin der GfbV-Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“:

Wo ich am 9. November war, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich war erst neun Jahre alt und bin im Oktober 1989, an dem Tag, als die DDR ihren 40. Jahrestag feierte, noch Thälmann-Pionier geworden. Ich wusste, dass ich in einem Gebiet wohnte, was speziell war. Ich komme aus Schnellmannshausen in Thüringen. Das war damals Sperrgebiet; 5 Kilometer weiter war die Grenze. In unser Gebiet ist man deswegen nur mit Erlaubnis reingekommen. Immer, wenn wir aus der Region gefahren sind oder wieder rein, war da ein Schlagbaum und dann wurden die Papiere kontrolliert. Und dann waren da im Fernsehen auf einmal Menschen, die auf einer Mauer stehen. Ich konnte das gar nicht verstehen. In der Weihnachtszeit bin ich mit meiner Familie dann das erste Mal in den Westen gefahren – nach Eschwege. Ich dachte, ich bin im Märchen. Alles war so bunt und es gab so viele Lichter. Ich kam mir vor wie in einer Traumwelt.

Foto: Raphaël Thiémard

Daniel Matt, Aktionsreferent:

Ich komme ursprünglich aus Bad Harzburg. Das liegt direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. In Eckertal – dem letzten Ortsteil von Bad Harzburg vor der Grenze – konnten wir die Grenzanlagen sehr deutlich sehen und auch die Grenzsoldaten, die da in Gruppen bewaffnet rumgelaufen sind. Wir haben sie als Kinder immer gerufen, aber die durften natürlich nicht auf unsere Rufe reagieren. Am 9. November saß ich vor dem Fernseher und hab zusammen mit meinen Eltern und meinem Bruder die Bilder aus Berlin von der Grenzöffnung gesehen, wie die Massen nach Westberlin geströmt sind. Ich erinnere mich noch genau, dass meine Grundschullehrerin – ich war damals in der vierten Klasse – am nächsten Morgen „von einem historischen Ereignis, das wir so nicht nochmal erleben werden“ gesprochen hat. Ich erinnere mich auch an lange Schlangen aus den Banken wegen des Begrüßungsgeldes und an die Supermärkte, die fast leer gekauft waren zu der Zeit. Aber am meisten erinnere ich mich an eine sehr positive Stimmung. Menschen, die wir im Supermarkt oder auf der Straße getroffen hatten, wurden spontan direkt zu uns nach Hause eingeladen. Wir wurden wiederum von Familien in der ehemaligen DDR aufgefordert, sie zu besuchen. Und da waren wir nicht die Einzigen. Zu der Zeit war das Gang und Gäbe.

Foto: Andreas Krüger

Jasna Causevic, Referentin für Südosteuropa und Flüchtlinge:

Am 9. November 1989 saß ich zufällig mit meinem Mann vor dem Fernseher in unserer Wohnung in Sarajevo. Ich sagte zu ihm: „Endlich ein Ende der tragischen Teilung.“ Das Problem war mir bekannt. Als Germanistikstudentin las ich viel und hatte die ganze Tragödie über die Literatur mitbekommen. Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ – eine Liebesgeschichte, in der das Paar durch die Mauer getrennt wird – fällt mir zum Beispiel sofort wieder ein. Wir hatten auch immer zwei Dozenten und Dozentinnen an der Uni, die jeweils aus der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen DDR gekommen sind. Zu Sprachübungen bekamen wir Texte aus Zeitungen von beiden deutschen Staaten. Und Auslandssemester verbrachten wir sowohl in der Bundesrepublik als auch in der Deutschen Demokratischen Republik. Das ehemalige Jugoslawien gehörte zu den sogenannten blockfreien Staaten, was bedeutete, dass wir keiner Seite im Kalten Krieg zuzuordnen waren. Aber wir hatten sehr viel Mitgefühl mit den Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik. Wir wussten, welche Schwierigkeiten sie haben, ihr Land zu verlassen. Den Fall der Mauer habe ich nicht so emotional wie die Deutschen miterlebt, aber mir war bewusst, welche Tragödie mit dem Fall der Mauer nun zu Ende ging. Was ich nicht ahnte, waren die Konsequenzen des Mauerfalls: der Zusammenfall der UdSSR und danach des ehemaligen Jugoslawiens.

Kunst an der Westberliner Mauer

Foto: Abhijeet Rane

Michaela Böttcher, Onlineredakteurin:

An den Mauerfall direkt kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war damals fünf Jahre alt und hatte wenige Monate zuvor ein kleines Schwesterchen bekommen. Das war für mein junges Leben Aufregung genug. Aber ich weiß noch, dass ich immer Jungpionier werden wollte. Meine große Schwester und meine Cousine hatten beide schon dieses blaue Halstuch, das Jungpioniere getragen haben. Ich war darauf total neidisch, weil das bedeutet hat, dass man schon groß war. Dann ist man nämlich nicht mehr im Kindergarten und damit auch nicht mehr wie ein Baby. Mit dem Tuch war man in meinen Augen fast schon erwachsen. Das war auch alles, was ich damit assoziiert habe. Dass das eine politische Indoktrinierung war, habe ich mit fünf Jahren noch nicht verstanden. Heute bin ich mir deshalb vielleicht mehr bewusst, dass Massenbewegungen eine große Faszination auf Kinder ausüben können.

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