„Curry my yoghurt“ – Sprachenpolitik in Irland ist ein schlechter Scherz

Foto: William Murphy/Flickr

Die Herabwürdigung der irischen Sprache und Diskriminierung ihrer Sprecher ist noch immer Wesensmerkmal der britischen Herrschaft in Irland. Doch es gibt Hoffnung.

von Kaan Orhon

Kurz vor meinem letzten Irland-Urlaub Anfang November tauchte in den sozialen Netzwerken irischer Freunde immer wieder derselbe unsinnige Satz auf: „Curry my yoghurt“. Der Sinn dieses kurzlebigen Phänomens erschloss sich mir erst, als ich in Irland angekommen war.

Ausgangspunkt war der Auftritt eines pro-britischen Abgeordneten im nordirischen Regionalparlament Anfang November. Gregory Campbell, Mitglied der unionistischen Democratic Unionist Party, begann seinen Redebeitrag vor dem Plenum mit dem Satz: „Curry my yoghurt can coca coalyer“. Der gelesen unsinnige Satz klingt ähnlich wie die Formulierung, mit der irisch-sprachige Abgeordnete ihre Redebeiträge beginnen: „Go raibh maith agat, Ceann Comhairle“, zu Deutsch „Vielen Dank Frau Sprecherin/ Herr Sprecher“.

Strassenschild in Kinsale

Zweisprachige Straßenschilder in Kinsale, im Südosten von Irland. Straßenschilder sind im ganzen Land sowohl in englischer als auch in gälischer Sprache beschriftet. © Bob Freund/Flickr

So unpassend das Nachäffen einer anderen Sprache in einer Institution wie einem Parlament sein mag, es steht leider für mehr als nur den Mangel an Takt eines Einzelnen. Verbale Angriffe auf die irische Sprache und ihre Sprecher durch pro-britische Politiker haben System. Nicht nur Campbell hat sich bereits in der Vergangenheit durch ähnliche Ausfälle hervorgetan, auch zahlreiche andere unionistische Politiker nutzen das Parlament und andere politische Gremien für Demonstrationen vermeintlicher kultureller Überlegenheit. Beliebt ist die Titulierung des Irischen als „Koboldsprache“ (leprechaun language).

Sprache ist im Norden von Irland und besonders im kulturell geteilten Belfast ein Politikum. Dabei wird die irische Sprache von den pro-britischen Unionisten als Element irischer Kultur abgelehnt; sie werfen irisch-nationalistischen Politikern vor, die Sprache zu instrumentalisieren und empfinden ihre Verwendung in öffentlichen Institutionen als Provokation. So wies Campbell alle Forderungen nach einer Entschuldigung nachdrücklich zurück und setze sogar nach, als er behauptete, dass seine Toleranz überstrapaziert werden würde, wenn er „bis zum Erbrechen“ Irisch hören müsse. Wie er denken viele führende Vertreter der mehrheitlich protestantischen unionistischen Bevölkerungsgruppe. Sie wähnen sich in einem Kulturkampf – und fürchten ihn zu verlieren. Nachdem Anfang des Jahres britische, aber auch internationale Medien über steigendes Interesse von Protestanten an der irischen Sprache berichteten, riefen Politiker und der traditionell sehr einflussreiche protestantische Oranier-Orden öffentlich dazu auf, die Sprache nicht zu erlernen. Sie sei Teil einer politischen Agenda, die in ein vereinigtes, katholisch geprägtes Irland führe.

Gaelisches Graffiti

Ein gälisches Graffiti an einer Hauswand. Übersetzt heiß es: „Gib nicht auf, während du am Leben bist.“  © cyocum/Flickr

Im Parlament sperren sich die politischen Repräsentanten des Unionismus erfolgreich gegen Reformen zugunsten der irischen Sprache, doch in der Gesellschaft gibt es Bewegung: selbst in protestantischen Wohngegenden entstehen Sprachlernzentren und private Kurse, die Zahl der irisch-sprachigen Schulen (Gaelscoil) steigt trotz ewig knapper Finanzen und tausende Kinder erlernen dort die Sprache, indem Irisch als Unterrichtssprache in allen Fächern und in der alltäglichen Kommunikation zwischen Lehrenden und Schülern verwendet wird. Und auch im Bereich der Erwachsenenbildung macht das Irische Fortschritte. So ist zu hoffen, dass die von der UNESCO als gefährdet eingestufte Sprache trotz der Widerstände der Politik eine Zukunft hat. Vielleicht bringt sie sogar verstärkt Menschen mit unterschiedlichem kulturellem und religiösem Hintergrund zusammen. Das könnte helfen, die Gräben in der Gesellschaft zu überwinden.

Tír gan teanga, tír gan anam.“ („Ein Land ohne Sprache ist ein Land ohne Seele.“)

– der Dichter und Revolutionär Pádraig Pearse

[Zum Autor]

Kaan OrhonKAAN ORHON hat Islamwissenschaften an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studiert. Neben seiner Arbeit bei der GfbV und seinem Engagement beim Rat muslimischer Studierender & Akademiker interessiert sich Kaan Orhon besonders für Irland. Seit 2011 reist er mindestens einmal im Jahr dorthin.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s