Trauer um Vivian – Brief aus dem Gefängnis von Leonard Peltier

Foto: Sheila Steele/Flickr

Der indianische Bürgerrechtler Leonard Peltier sitzt seit 38 Jahren unschuldig im Gefängnis. Er soll verantwortlich sein für den Tod zweier FBI-Beamter, die im Lakota-Reservat Pine Ridge in Süd Dakota 1975 ums Leben kamen. Trotz erwiesener Formfehler und Behinderung der Verteidigung konnte weder eine Revision noch eine Neuaufnahme des Verfahrens erwirkt werden. (Für weitere Hintergrundinformationen zum Fall Peltier, klickt hier.) Leonard Peltiers jüngere Schwester Vivian ist kürzlich gestorben. Der Brief ist sein Abschied von ihr.

Heut morgen erfuhr ich durch meine Nichte Kari Ann, dass meine Schwester Vivian verstorben ist. Sie war meine kleine Schwester, 67 Jahre alt. Sie wurde von vielen Krankheiten gepeinigt und die lange Reise für einen Besuch bei mir war zu beschwerlich für sie; deshalb hatte ich sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe immer noch meine Schwester Betty Ann und alle die Halbbrüder und –schwestern. Aber auch von ihnen habe ich die meisten seit vielen Jahren nicht gesehen.

Zweifellos wird man mir nicht erlauben, wegen Vivian und ihrer Familie nach Turtle Mountain (das Heimatreservat Peltiers; d. Ü.) zu gehen.

In Zeiten wie diesen ist die Machtlosigkeit, die sich mit meinem Aufenthalt hier verbindet, am schwersten zu ertragen. Als mein Vater starb und meine Schwester Robin und mein Bruder Alan, durfte ich sie nicht noch einmal sehen und verabschieden und diese Erinnerungen sind schmerzlich für mich.

Vivian starb an den Begleiterscheinungen der Diabetes. Auch ich leide an dieser Krankheit, ebenso viele Familienmitglieder und Verwandte in anderen Stammesvölkern (im Original: tribal nations; d. Ü.).

Ich werde versuchen müssen, meine Zeit mit der Erinnerung an sie als kleines Mädchen und schöne junge Frau zu füllen. Sie war gerade 27, als ich ins Gefängnis kam.
Ich bedauere, dass ich jetzt nicht für sie und unsere Familie da sein kann. Ich habe viele Jahre lang versucht, in ein Gefängnis in den nördlichen Plains in der Nähe meiner Familie verlegt zu werden, aber ebenso wie meine Freilassung auf Bewährung, auf die ich Anspruch habe, seit Jahren abgelehnt wird, werde ich in einem Hochsicherheits-Staatsgefängnis (USP) festgehalten und es wird mir nicht erlaubt werden, zu ihrer Beerdigung nach Hause zu kommen. Hätte man mich in ein Gefängnis mit einer niedrigeren Sicherheitsstufe verlegt, wofür ich anspruchsberechtigt bin, hätte man mir vielleicht erlaubt, wegen ihr dort zu sein, sofern ich meine Reisekosten zu einem örtlichen Gefängnis und die Kosten für Reise, Verpflegung und Unterbringung von zwei oder drei Aufsehern – in meinem Fall drei – hätte aufbringen können.

Zwischen meiner Zelle hier in Florida und meiner Heimat Turtle Mountain in Nord Dakota liegen 2.000 Meilen (ca. 3.218 km; d.Ü.), mehr als 30 Stunden Fahrt in einem guten Auto, und daher konnte meine Familie mich nur selten besuchen.

Heute fühle ich mich noch machtloser als sonst. Nichts scheint mehr normal zu sein. Selbst an diesem gewaltvollen und chaotischen Ort stehe ich normalerweise mit beiden Füßen fest am Boden, doch jetzt fühle ich mich verloren und ohne Kraft, für meine Familien da zu sein, wo sie mich am meisten braucht.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit, meine lieben Freunde

Im Geiste von Crazy Horse

Doksha

Leonard

Leonard Peltier ist im Gefängnis Schriftsteller und Künstler geworden. Seine Trauer um seine kleine Schwester drückt er deswegen in einem Gedicht aus.

Im Gedenken an Vivian Peltier

Von Leonard Peltier

Meine liebe kleine Schwester, es tut mir so leid, ich hätte da sein müssen, um Dir zu helfen.

Wir beide haben viel zusammen durchgemacht.

Tief in mir hüte ich viele Erinnerungen, Und sie werden immer ein Teil von mir bleiben.

Ich erinnere mich an uns als kleine Kinder, Das Leben war nie leicht für uns. es gab Zeiten, da hatten wir Angst, auch ich hatte Angst, aber ich versuchte mutig auszusehen.

Ich fühlte eine Verantwortung, Dich zu beschützen und für Dich zu sorgen.

Du sollst wissen, ich habe nie behauptet, perfekt zu sein, ich habe Fehler gemacht, aber nie vorsätzlich.

Du bist meine kleine Schwester, ich habe Dich immer geliebt, ich bin stolz auf die wunderbare Frau, die Du geworden bist.

Du warst eine liebende Mutter und Großmutter, eine fürsorgliche Tante, Aber für mich wirst Du immer sein, Meine kleine Schwester. Der Schöpfer hat Dich aus Deinen irdischen Verpflichtungen entlassen, Du hast vollendet, weshalb Du hierher geschickt wurdest.

Wenn Du jetzt aufsteigst mit den mächtigen Adlern, Erinnere Dich an mich, ich werde immer sein, Dein Bruder.

Ihr könnt euch für Leonard Peltier einsetzen, indem ihr die Petition „Free Leonard Peltier“ (in Englisch) unterschreibt. Und ihr könnt Brief an Präsident Obama schicken, der sich für die Freilassung von Peltier einsetzen soll. Wie das geht, erfahrt ihr hier.

Brief und Gedicht wurden beide von Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker der GfbV, übersetzt. Der Brief erreichte uns über unser GfbV-Beiratsmitglied Claus Biegert, der sich seit Jahren für die Freilassung von Leonard Peltier einsetzt. Das Gedicht wurde über den Newsletter von http://www.leonardpeltier.info/ verbreitet.

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