Wenn die Hautfarbe zum Verhängnis wird – Albinismus in Tansania

Foto: angs school/Gustavo Lacerda (zugeschnitten)

Misstrauen und Argwohn wohin du auch gehst, flüstern sobald du dich wegdrehst. Ein Leben mit Angst, Schrecken und Selbstzweifel. Für Menschen mit Albinismus ist das in Tansania der Alltag, denn sie gelten als Aussätzige, als sonderbar und verwunschen. Deshalb werden sie diskriminiert, gejagt und getötet. Doch es gibt Hoffnung.

von Malin Woch

In Tansania gibt es die meisten Albinos in ganz Afrika. Rund 8.000 sind bei der Tanzania Albino Society registriert, tatsächlich ist die Dunkelziffer wohl noch um einiges höher. Wegen ihres Aussehens werden sie diskriminiert und ausgeschlossen. Ein jahrhunderte alter Aberglaube bezeichnet sie als „zuru zuru“, als lebende Geister. Gefangen zwischen dem Irdischen und dem Jenseits, nicht Mensch, unsterblich. Auch, so der Aberglaube, besitzen diese Geister magische Kräfte. Deshalb verkaufen einige traditionelle Heiler aus Albinohaut, -knochen oder –blut hergestellte Tränke und Pulver, die Reichtum versprechen. So entsteht eine regelrechte Jagd auf Albinos, die von grenzübergreifenden kriminellen Banden und Unternehmern immer weiter angeheizt wird.

Der Aberglaube zerstört Familien

Nachdem der Aberglaube seit vielen Jahren fast vergessen war, erwacht er in den letzten zehn Jahren wieder von neuem. Banden überfallen Albinos in der Nacht und berauben sie gewaltsam eines Armes, eines Beines, ein paar Finger oder anderer Körperteile. Nur selten überleben die Opfer diese Überfälle, da sie binnen kürzester Zeit verbluten. So sehen Mütter hilflos dabei zu wie ihre Kinder sterben und Kinder werden zu Waisen, weil ihre Eltern Albinos waren. Anwohner verraten ihre Nachbarn und manchmal verkaufen Eltern sogar ihre Kinder, um aus der Armut zu entfliehen. Denn die traurige Wahrheit ist, dass  man für ein Körperteil mehrere zehntausend Euro bekommt. Allein im Jahr 2008 gab es in Tansania um die 40 registrierte Morde und Verstümmelungen von Albinos, doch auch hier ist die Dunkelziffer vermutlich sehr viel höher.

Da viele Eltern ihre von Albinismus betroffenen Kinder nicht ausreichend schützen können, bringen sie sie in Heime speziell für Albinos. Mit einem hohen Zaun werden die Kinder dort zu ihrem eigenen Schutz von der Außenwelt abgeschottet und nachts von bewaffneten Sicherheitsmännern beschützt. Das größte von ihnen ist das Buhangija Center in Shinyanga. Hier leben Kinder mit Albinismus mit blinden und tauben Kindern zusammen und werden weder ausgegrenzt noch diskriminiert. Hier können sie zur Schule gehen, ohne auf dem Schulweg um ihr Leben fürchten zu müssen. Doch von solchen Heimen gibt es in Tansania viel zu wenige.

Die Regierung versucht zu helfen

Die Regierung von Tansania hat das Problem erkannt. In ganz Tansania werden Internatsschulen für Albinos vom Staat eröffnet und auch auf anderen Wegen setzt sich die Regierung für die Rechte der Albinos ein. Zusammen mit der Tanzania Albino Society wurden mehrere Augenkliniken und Krankenhäuser errichtet, in denen Albinos eine kostenlose Behandlung erhalten. Denn die helle Hautfarbe stellt auch noch ein anderes Problem für die Albinos dar. Da ihnen Melanin, ein Pigment, das Haut und Augen vor der Sonne schützt, fehlt, haben fast alle Albinos sehr schlechte Augen. Viele leiden dazu an Hautkrebs. Bislang konnten sie sich eine Behandlung nicht leisten, doch durch diese Kliniken ist eine Besserung in Sicht. Und sie haben eine wichtige Fürsprecherin. Im Parlament sitzt die an Albinismus erkrankte Al-Shymaa Kway-Geer. Sie engagiert sich für die Rechte der Albinos, fordert ein Ende der schrecklichen Jagd und leistet Aufklärungsarbeit. Sie möchte erreichen, dass die tansanische Bevölkerung die Krankheit besser versteht. Langfristig ist das notwendig, denn andere Maßnahmen der Regierung, wie ein Verbot von traditionellen Heilern, waren machtlos im Kampf gegen den Aberglauben und wurden nach kurzer Zeit bereits wieder aufgehoben.

Doch auch über die Grenzen Tansanias hinaus ändert sich langsam das Bild von Albinos. Ein Grund ist Shaun Ross, der weltweit auf einem ganz anderen Weg für ein neues Bild der Krankheit sorgt. Er ist afrikanischer Herkunft, Albino und wohl eines der gefragtesten amerikanischen Models, grade weil er nicht wie jeder andere aussieht. Er ist auf den Laufstegen der Welt zu Hause und war bereits in mehreren Musikvideos, unter anderem von Lana del Rey, zu sehen. Und auch andere Albino-Models wie Diandra Forrest oder die Chinesin Connie Chiu geben Anlass zur Hoffnung, dass Albinos in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen werden.

In Tansania, wo der Aberglaube noch groß und die internationalen Models unbekannt sind, wird das nicht reichen. Man kann jedoch seit 2011 beobachten, dass die Zahl der Albinomorde, dank des Einsatzes der Regierung, Al-Shymaa Kway-Geers und einigen anderen, zurückgeht. Das gibt Hoffnung für die Zukunft. Eine Zukunft, in der Albinos weltweit in Sicherheit leben können.

[Zur Autorin]

Foto_Malin WochMALIN WOCH war 2014 Praktikantin in der GfbV-Onlineredaktion. Nach ihrem Schulabschluss hat sie ein Jahr als Freiwillige in einer Jugendwohngruppe gearbeitet. Nun möchte sie gerne Internationale Soziale Arbeit studieren. Darüber hinaus interessiert sie sich besonders für Afrika und Südamerika. Ihr Wunsch ist es, eines Tages mal nach Afrika zu reisen.

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