Mord und Straflosigkeit: Der gefährliche Alltag der Guaraní-Kaiowá in Brasilien

Foto: Ninja Midia/Flickr

Brasilien. Das Land des Fußballs und bald auch der Olympischen Spiele. Doch neben dem Sport gibt es in Brasilien eine Schattenseite, die vor allem die indigenen Gemeinschaften ertragen müssen. So auch die Guaraní-Kaiowá, die für ihr Recht auf Land kämpfen und dabei tagtäglich ihr Leben riskieren. Antonio ist einer von ihnen.

von Yvonne Bangert

Was ich vor kurzem durch die brasilianische katholische Menschenrechtsorganisation CIMI erfahren habe, liest sich auf den ersten Blick wie ein Thriller:

Es ist Samstag, 7. Februar 2015, 11 Uhr morgens. Ein junger Mann, nennen wir ihn Antonio Guaraní, ist auf dem Heimweg von der Arbeit in Navirai in Brasiliens Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Er ist zu Fuß unterwegs auf der Landstraße BR-163. Am Straßenrand hausen,  wie vielfach in diesem Bundessstaat im Herzen des südamerikanischen Wirtschaftswunderlandes, Guaraní-Kaiowá-Indianer in Barackensiedlungen. Sie haben ihr angestammtes Land an Großgrundbesitzer verloren, kämpfen um die offizielle Anerkennung ihrer Gebietsansprüche. Auch die Gemeinschaft von Antonio zwischen den Städten Juti und Navirai, dem sogenannten Indigenen-Gebiet Santiago Kue, fordert ihr angestammtes Land zurück.

Menschenrechtsorganisationen und internationale Medien, wie etwa die BBC, stellen eine besonders hohe Mord- und Selbstmordrate unter der indianischen Bevölkerung in Mato Grosso do Sul fest. Viele Guaraní wurden bereits getötet, als bewaffnete Milizen, die von Großgrundbesitzern bezahlt werden, sie von ihren eigenen Ländereien vertrieben.   Aber auch jede Alltagssituation kann für die Guaraní gefährlich werden. Das zeigt das traurige Beispiel von Marinalva Manoel, die im November 2014 auf dem Rückweg aus Brasilia, wo sie die Landrechte ihrer Gemeinschaft verteidigt hatte, tot am Rande einer Straße gefunden wurde. Sie soll laut Anklage erst vergewaltigt und dann erstochen worden sein.

Sollte Antonio nun das nächste Opfer sein? Als er auf der Höhe eines Postens der Straßenpolizei angekommen ist, kommen ihm 20 aggressiv auftretende Bewaffnete in Trucks, Personenwagen und auf Motorrädern entgegen, umkreisen ihn und verschleppen ihn schließlich auf das einen Kilometer entfernte Land der Fazenda Central. Dort wird er verhört, soll die Namen der Anführer des indigenen Dorfes Kurupi nennen. Starr vor Angst kann er gerade noch herausbringen, dass er nicht aus diesem Dorf kommt. Dann beginnen die Bewaffneten, auf ihn einzuprügeln, richten ihre Schusswaffen auf ihn, befehlen ihm mehrmals sich zu Scheinexekutionen niederzuknien, bedrohen ihn damit, ihn in einem nahegelegenen Gewässer zu ertränken. Mit Gewalt soll der junge Guaraní-Kaiowá zur „Kooperation“ genötigt werden. Sechs Stunden dauert sein Martyrium. Unter Morddrohungen gegen etliche Kaiowá-Führer der Gegend lassen die Männer ihn schließlich am Straßenrand zurück.

Dieses Verhalten hat System. Die von Großgrundbesitzern angeheuerten Söldner ziehen in der ganzen Umgebung herum, um zu verhindern, dass die Guaraní ihr angestammtes Territorium zurückerlangen. Sie haben sogar ihre eigenen Stützpunkte, die meist in der Nähe von Posten der Autobahnpolizei liegen. Von dort aus beobachten sie mit Vorliebe die Bewegungen der Guaraní, um dann im geeigneten Moment gegen die Indianer vorzugehen. Beklagen die Guaraní sich darüber, bleibt dies ohne Folgen. Und die Politik schaut tatenlos zu. Ist Brasilien, das aufstrebende Schwellenland und wichtigster Handelspartner der Bundesrepublik in Lateinamerika, also ein menschenverachtender Polizeistaat, der seine indigenen Bürger nicht vor der Willkür bewaffneter Milizen schützt? Die Frage mag hart klingen, aber der 17jährige Antonio Guaraní hat diese Gewalt am eigenen Leib erfahren. Wie viele müssen folgen, bis die Regierung endlich reagiert?

[Zur Autorin]

Yvonne Bangert

YVONNE BANGERT ist seit mehr als 30 Jahren für die GfbV in Göttingen tätig, zunächst als Redakteurin der Zeitschrift “pogrom“ und der Internetseiten, seit 2005 als Referentin für indigene Völker.

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