„Sisters in Spirit“ – vom sichtbaren Kampf der Unsichtbaren

Foto: Andre Vandal/Flickr

Michèle Audette ist eine der Frauen, die man sich getrost zum Vorbild nehmen kann. Selbst erlebte Ungerechtigkeit hat sie angespornt, politisch aktiv zu werden und etwas zu verändern. Und das hat sie auch geschafft. Audette ist es zu verdanken, dass eine der größten Menschenrechtsverletzungen im heutigen Kanada endlich wahrgenommen wird.

von Yvonne Bangert

Michèle Audette weiß, was es bedeutet, unsichtbar zu sein. Denn offiziell ist sie als Ureinwohnerin Kanadas nicht vorhanden. 2013 ist sie Präsidentin der Native Women’s Association of Canada (NWAC), dem 1974 gegründeten Dachverband von 13 Frauenorganisationen der First Nations, Inuit und Métis  in ganz Kanada. Sie ist eine Sprecherin der Innu, eines subarktischen indianischen Volkes, stammt aus der Innu-Gemeinschaft Mani Utenam in Quebec. Doch den Status und damit die Anerkennung als Indigene besitzt sie nicht. Ihre Mutter hat einen Mann ohne diesen Status geheiratet. Damit verloren sie und ihre Kinder diese offizielle Anerkennung als Angehörige der kanadischen First Nations und alle damit verbundenen Rechte. Nur Frauen sind von dieser Gesetzgebung betroffen. Männer behielten damals in solchen Mischehen ihren Status als  offiziell anerkanntes Mitglied einer First Nation. Diese Ungerechtigkeit hat Audette in ihrem Kampf um die indigenen Rechte in Kanada und insbesondere die Rechte der Frauen beflügelt. Als sie 1998 mit 27 zur Präsidentin der Québec Native Women gewählt wird, einer der 13 Mitgliedsorganisationen der NWAC, ist sie eine der jüngsten Frauen in einem solchen Amt. Dann steigt sie in die Politik ein, ist zwischen 2004 und 2009 Vizeministerin für den Status von Frauen unter dem damaligen Premier von Québec Jean Charest. Danach kehrt sie zur Menschenrechtsarbeit zurück und wird 2012 zur Präsidentin der NWAC gewählt, ein Posten, den sie nach zweieinhalb Jahren aus persönlichen Gründen an Interims-Präsidentin Dr. Dawn Harvard abtritt.

© Thien/Flickr

Eine indigene Aktivistin spricht während des siebten, jährlich stattfindenden Gedenkmarsches der „Sisters in Spirit“. Foto: Thien/Flickr

Mit ganzem Einsatz hat Audette sich dem Schicksal der vermissten und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen, den „Stolen Sisters“, gewidmet. 2010 veröffentlichte die Native Women’s Association of Canada eine Untersuchung über 582 solcher Fälle zwischen 1960 und 2010. Danach konnte die bundesweite Frauenorganisation der kanadischen First Nations, Métis und Inuit keine weiteren Daten sammeln, denn sie verlor die Förderung durch Regierungsgelder. Mehr als ein Drittel (39 %) der in der Studie “What their Stories tell us, Research findings from the Sisters in Spirit Initiative” erfassten Frauen wurde in der vergleichsweise kurzen Frist nach dem Jahr 2000 registriert. Das sind fast 20 vermisste und ermordete Frauen jedes Jahr, ein neues Opfer in fast jeder zweiten Woche. Dennoch: Von der wahren Opferzahl ist dies weit entfernt. Selbst die kanadische Bundespolizei RCMP bestätigte inzwischen 1.181 Fälle vermisster und ermordeter indigener Frauen und Mädchen zwischen 1980 und 2012, von denen 1.017 ermordet wurden. Das Schicksal der anderen Frauen und Mädchen ist bis heute nicht geklärt.

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Eine in Gedanken verlorene Aktivistin während des Protest zur Aufklärung der Vermissten- und Todesfälle indigener Frauen in Vancouver. Foto: WayneG/Flickr

Kanadischen indigenen Frauen wie Michele Audette ist es zu verdanken, dass das Thema überhaupt wahrgenommen wurde. Ihr Einsatz kann die Frauen nicht zurück bringen, aber er kann endlich für Gerechtigkeit sorgen. Und Michelle Audette weiß, dass es nur gemeinsam möglich war: „Es war nicht nur die kleine Gruppe von Büromitarbeitern, die das Thema auf die nationale Tagesordnung brachte, sondern eine menschliche Flutwelle von Ehrenamtlichen, Unterstützern und Familienangehörigen, die den Mut hatten, das erste Samenkorn zu legen, und letztlich auch die Medien, die uns den Namen „Schwestern im Geiste“ (Sisters in Spirit) gaben.“

[Zur Autorin]

Yvonne BangertYVONNE BANGERT ist seit mehr als 30 Jahren für die GfbV in Göttingen tätig, zunächst als Redakteurin der Zeitschrift “pogrom“ und der Internetseiten, seit 2005 als Referentin für indigene Völker.

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