Festnahmen im Mordfall Nemzow: Warum führt die Spur in den Nordkaukasus?

Foto: Jay/Flickr

Tschetschenen sollen den Mord an Nemzow begangen haben. Schon wenige Stunden nach der Tat am 27. Februar 2015 kursierten Gerüchte, dass das Fluchtauto ein inguschetisches Kennzeichen gehabt habe. Nun wurden fünf tschetschenische Männer verhaftet. Die Spur führt also wieder in den Nordkaukasus. Warum ist das so?

von Sarah Reinke

Seit Ende der 1990er Jahre, also mit Beginn des zweiten Kriegs in Tschetschenien, ist die „tschetschenische Spur“ ein feststehender, fast sprichwörtlicher Begriff in Russland. Terrorattentate, Geiselnahmen, Selbstmordattentate, immer war sie da, die Verbindung nach Tschetschenien. Die russischen Medien, treu auf Putin-Kurs, trugen neben vielen Politikern dazu bei, dass die Tschetschenen gleichgesetzt wurden mit Terroristen, Islamisten, Kriminellen. Auch international hat sich dieses Bild weitgehend durchgesetzt – die Attentäter des Marathons in Boston waren zwei junge Tschetschenen, in Syrien und der Ukraine kämpfen tschetschenische Einheiten –  und sie gelten als besonders brutal, als islamistisch und kriminell. Ein ganzes Volk wird hier kollektiv verunglimpft. Die Folgen trägt die tschetschenische Zivilbevölkerung im Nordkaukasus, aber auch Tschetschenen, die als Flüchtlinge in Russland leben oder versuchen, sich in Europa eine neue Zukunft aufzubauen. Die meisten von ihnen flohen vor den Kriegen, die zwischen 1994 und 1996 und 1999 bis 2009 wüteten. Bis zu 160.000 Menschen wurden in der Zeit in der kleinen Kaukasusrepublik getötet, schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt. Bis heute herrscht kein Frieden. Der Kampf gegen den bewaffneten Untergrund dient Ramzan Kadyrow als Vorwand für Gewalt und Terror und Willkürherrschaft gegen die Bevölkerung Tschetscheniens.

Dieses Mal jedoch deutet die Spur nicht zum terroristischen Untergrund in Tschetschenien, sondern zum „Oberhaupt“ der Republik, Ramzan Kadyrow. Seit 2004 regiert Kadyrow Tschetschenien mit eiserner Hand: Morde, Folter, Verschwinden lassen, grassierende Korruption und eine Atmosphäre der Angst prägen das Leben der Bevölkerung, die durch die beiden Kriege in den letzten 20 Jahren völlig traumatisiert ist. Der russische Präsident Putin jedoch hält seine Hand über Kadyrow, egal, was ihm an Menschenrechtsverletzungen oder Verbrechen zu Last gelegt wird.  Mit Nemzow wurde nun ein weiterer Kritiker Kadyrows ermordet. Die Liste von Gegnern des tschetschenischen Präsidenten und auch von Putin, die in den letzten Jahren ums Leben kamen, ist lang:  Anna Politkowskaja, Natalja Estemirowa, Zarema Sadullaeva, Sulim Jamadajew, Umar Israilov – um nur ein paar von ihnen zu nennen.

Die enge Verbundenheit zwischen Putin und Kadyrow mag verwirrend erscheinen. Doch beide lehnen den Westen und seine Werte wie Demokratie und Menschenrechte ab. Während Putin die Rolle der Orthodoxie und eines russischen Nationalismus stärkt, propagiert Kadrow den so genannten traditionellen tschetschenischen Islam. In Tschetschenien darf er seine Idee des Islams ungehindert durchsetzen. Frauen müssen sich verschleiern und gelten als Eigentum ihrer männlichen Familienangehörigen, Polygamie ist erlaubt. Kadyrow gibt den Rahmen dafür vor, wie der Glaube ausgelebt werden darf. Dabei lebten die Tschetschenen einen traditionell moderaten Islam, folgten dem Adat, dem Gewohnheitsrecht im Nordkaukasus. Doch in Tschetschenien gilt nur das Gesetz Kadyrows. Nicht einmal die russische Verfassung zählt in seinem selbst geschaffenen Reich.  Häuser mutmaßlicher Terroristen werden niedergebrannt, deren Verwandte ausgewiesen und Frauen dürfen nur mit Kopftuch in öffentlichen Gebäuden auftreten.

Putin stört das alles nicht. Erst gestern verlieh der russische Präsident den „Orden der Ehre“ an seinen Statthalter in Tschetschenien. Nur einen Tag vorher hatte Kadyrow einen der im Mordfall Nemzow Festgenommenen als „tief gläubigen Moslem und russischen Patrioten“ bezeichnet. Alle, die sich für Menschenrechte, Demokratie und ein Ende der Straflosigkeit für politische Morde einsetzen, müssen diese Auszeichnung als Schlag ins Gesicht empfinden.

Weshalb unterstützt Putin also den tschetschenischen Präsidenten? Die Antwort ist Realpolitik pur: Kadyrow garantiert die relative Ruhe in Tschetschenien und ist Putin hundertprozentig loyal gegenüber. Und Kadyrow spricht aus, was Putin nicht aussprechen kann, so zum Beispiel dass er persönlich in die Ostukraine fahren würde, um an der Seite der Separatisten zu kämpfen. Und manchmal, so auch die Vermutungen der russischen Opposition, führt Kadyrow auch die Handlungen aus, die Putin aus politischen Gründen nicht umsetzen kann. Der Mord an Nemzow könnte eine davon gewesen sein.

Einer der mutmaßlichen Mörder, Zaur Dadajew, gehörte zehn Jahre lang zur Führungsebene der „Sewer“ Einheit des tschetschenischen Innenministeriums – eine Einheit, die direkt Ramzan Kadyrow unterstehen. Der Bruder des obersten Kommandeurs der Einheit,  Adam Delimchanow, ist ein enger Freund von Kadyrow und Abgeordneter im russischen Parlament. Von 2009 bis 2012 war er international zur Fahndung ausgeschrieben. Die Vereinigten Arabischen Emirate vermuteten, dass er hinter dem Attentat auf Kadyrows Rivalen Sulim Jamadajew steht, der 2009 in Dubai ermordet wurde.

Die enge Verbindung vom mutmaßlichen Täter zur tschetschenischen Führung deutet auf Ramzan Kadyrow als Drahtzieher. Ist er die Katze, die die Maus vor den Mauern des Kremls abgelegt hat, wie mehrere Journalisten die Täterschaft bildlich beschreiben? Gut möglich, dass Dadajew die Tat auf sich nimmt und auch gleich das Motiv, seinen islamischen Glauben, mitliefert, um von den eigentlichen Auftraggebern abzulenken. Wer weiß schon, was ihm im Gegenzug versprochen wurde oder welche alte Rechnung noch offen war?

Auch wenn die eigentlichen Täter und ihre Auftraggeber wohl, wie in vielen anderen Fällen, nicht herausgefunden werden, so ist doch die Stigmatisierung der Tschetschenen fest etabliert. Kadyrows Verbrechen und die „tschetschenische Spur“ haben längst dafür gesorgt, dass die Tschetschenen kollektiv verurteilt werden. In Russland selbst gelten sie seit langem als Terroristen, Kriminelle und Islamisten. Die Welt hat dieses Bild übernommen, ohne die Hintergründe  zu erklären und zu differenzieren.

[Zur Autorin]

SARAH REINKE ist Leiterin des GfbV-Büros in Berlin und gleichzeitig Referentin für die GUS-Staaten. Sie verfügt über tiefgreifende Kenntnisse der Lage bedrängter Minderheiten in dieser Region, hält ständig Kontakt zu Betroffenen und gibt ihnen eine Stimme.

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