Kein (innerer) Frieden im Flüchtlingslager Friedland

Foto: Eva Lutter

Das Grenzdurchgangslanger in Friedland organisierte am 21. März 2015 einen Tag der offenen Tür. Batol Kobeissi war dabei und traf dort auf Mohammad, einen syrischen Flüchtling, der eher wieder zurück in den Bürgerkrieg gehen würde, als in die Mühlen der EU-Asylpolitik zu geraten.

von Batol Kobeissi

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich endlich in Deutschland angekommen bin. Seitdem habe ich jedoch schlaflose Nächte und fürchte, dass ich bald wieder abgeschoben werde.“, erzählt der 25-jährige Mohammad, der vor zwei Wochen im Grenzübergangslager von Friedland angekommen ist. Er ist vor 18 Monate aus seinem Heimatland Syrien geflüchtet und hat seine Frau und Sohn dort zurückgelassen. Auf der eineinhalbjährigen Flucht wurde er in Bulgarien verhaftet und einen Monat lang im sogenannten Elchowo-Gefängnis misshandelt. Die Polizisten verweigerten ihm das Essen und Trinken, bis er Fingerabdrücke abgab. „Sogar zur Toilette durfte ich nicht gehen. Ich wollte aber keine Fingerabdrücke geben, denn ich wusste, dass Deutschland mein Ziel ist“. Letztendlich konnte er dem Druck der Polizisten nicht standhalten und hinterließ unfreiwillig seine Fingerabdrücke. Diese sind ab diesem Zeitpunkt in der europäischen und für alle Mitgliedsstaaten zugänglichen Datenbank EURODAC verfügbar. Nach dem Dubliner Übereinkommen, das die Asylanträge für alle EU-Staaten völkerrechtlich festlegt,  ist der europäische Mitgliedstaat, in welchem der Asylsuchende als erstes registriert wurde, für die Durchführung eines Asylverfahrens zuständig. Durch EURODAC kann das nachgewiesen werden. In Mohammads Fall steht in der Datenbank, dass Bulgarien für seinen Asylantrag verantwortlich ist. Der deutsche Staat könnte ihn also jederzeit zurück nach Bulgarien schicken.

Zum ersten mal in seiner Geschichte gab es im Flüchtlingslager Friedland einen Tag der offenen Tür. Über 1.000 Besucherinnen und Besucher kamen und nutzen die Chance, sich mit Flüchtlingen zu unterhalten. Foto: Eva Lutter

Zum ersten mal in seiner Geschichte gab es im Flüchtlingslager Friedland einen Tag der offenen Tür. Über 1.000 Besucherinnen und Besucher kamen und nutzen die Chance, sich mit Flüchtlingen zu unterhalten. Foto: Eva Lutter

Mohammad ist nur einer der vielen Flüchtlinge, mit denen ich am Tag der offenen Tür in Friedland rede. Mit mir sind noch fast 1000 weitere Menschen da, die die Gelegenheit genutzt haben, sich zum allerersten Mal das Grenzübergangslager anschauen. Die Landesaufnahmeeinrichtung, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die Caritas sowie viele andere Einrichtungen organisierten den ganzen Nachmittag Führungen und Vorträge über das Asylverfahren und das Leben der Flüchtlinge während des Aufenthaltes in Friedland. Wenn die Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung ankommen, erhalten sie eine sogenannte „Laufkarte“, in der wichtige Termine und Personaldaten stehen. Und so bekam an diesem Tag auch jeder Besucher einen Laufzettel, der über alle Angebote und Anlaufpunkte informierte.

Seit seiner Gründung im Jahr 1945 war das Flüchtlingslager für mehr als 4.000.000 Menschen die erste Anlaufstelle in der Bundesrepublik Deutschland. Es war ursprünglich für Spätaussiedler gedacht, heute jedoch werden Menschen aus verschiedensten Nationalitäten aufgenommen. Momentan stammen die meisten aus Syrien und dem Irak.  Im Zuge des arabischen Frühlings entwickelte sich in Syrien Ende 2011 ein gewaltiger Bürgerkrieg zwischen Truppen der Regierung von Präsident Baschar Al-Assad, den Kämpfern verschiedener Oppositionsgruppen sowie islamistischen Gruppierungen. Laut den Vereinten Nationen sind 220.000 Menschen ums Leben gekommen, ca. 2,6 Millionen sind aus ihrem Land geflüchtet und mehr als 9 Millionen sind Binnenflüchtlinge. Deutschland hat nach Angaben des Bundesinnenministeriums etwa 43.000 von ihnen aufgenommen. Die Lage der Flüchtlinge hat sich seit 2014 weiter verschlechtert, seitdem im Norden des Irak die radikalislamistischen Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) Terror und Gewalt verbreiten. Zu den Flüchtlingen aus Syrien kommen nun weitere 2,2 Millionen vertriebene Menschen aus dem Nordirak. Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht und somit sind auch in Zukunft mehr Flüchtlinge zu erwarten. Doch die Europäische Union will ihre Grenzen schließen: statt in die Flüchtlinge zu investieren, möchte die EU Ägypten und Tunesien Geld geben, um Bootsflüchtlinge abzufangen, bevor diese Europa erreichen.

Die Anlaufstelle der Caritas stellte ihre Aufgabengebiete während des Tags der offenen Tür in Form von Laufzetteln dar. Foto:  Batol Kobeissi

Die Anlaufstelle der Caritas stellte ihre Aufgabengebiete während des Tags der offenen Tür in Form von Laufzetteln dar. Foto: Batol Kobeissi

Mohammad hat den Weg bis nach Deutschland geschafft, aber sicher ist er hier nicht. „Lieber kehre ich in mein Heimatland zurück, als nach Bulgarien abgeschoben zu werden“, versicherte Mohammad. Deutschland macht manchmal Ausnahmen bei Abschiebungen, doch bis das Verfahren endgültig abgeschlossen ist, kann es sehr lange dauern. Bis dahin bleibt Mohammad weit entfernt von seiner Familie. Allein mit der Angst, dass ihnen etwas passieren könnte, solange sie noch in Syrien bleiben müssen.

[Zur Autorin]

BATOL KOBEISSI studiert Politikwissenschaft und Arabistik an der Universität Göttingen. Dieses Jahr wird sie beides mit einem B.A. abschließen. Neben ihrer Studium engagiert sich Batol ehrenamtlich für Flüchtlinge in Deutschland.

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3 Gedanken zu “Kein (innerer) Frieden im Flüchtlingslager Friedland

  1. Was soll man von diesem Mohammed halten? Zuerst lässt er Frau und Kind allein in Syrien zurück (warum genau, wird nicht näher erklärt) und dann sagt er laut Text auch noch, er ginge eher wieder nach Syrien zurück, als dass er sich nach Bulgarien abschieben lasse. Bulgarien ist also schlimmer als Syrien? Und auf einmal könnte er wieder zu Frau und Kind?

  2. Der Weg von Syrien nach Deutschland ist sehr teuer, man muss pro Person circa 6000-10000 Euro bezahlen. Viele Schlepper nehmen zudem keine Familien mit kleinen Kindern mit. Die Menschen verkaufen alles, was sie haben, um die Reise hierher für eine Person bezahlen zu können. Die Familie kann man, wenn man schließlich Asyl bekommt, legal und sicher (mit dem Flugzeug) per Familienzusammenführung hierher holen. Die Frage ist klar zu beantworten, ob Bulgarien schlimmer sei als Syrien. Vielleicht herrscht in Bulgarien kein Bürgerkrieg, aber die Umstände dort sind miserabel, es gibt so viele Mafiabanden, die Flüchtlinge töten und es gibt keine Sozialleistungen. In einem fremden Land, wo man die Sprache nicht kann und niemand kennt, ist es nicht so einfach, anzukommen und anzufangen zu arbeite, zumal die Bulgarierer nicht einmal Jobs finden. Lieber sterbe ich mit Ehre in meinem Heimatland in der Nähe meiner Familie, anstatt dass ich langsam und gedemütigt sterbe oder leblos weiter zu lebe.

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