„Zu unseren Hauptforderungen gehören Gleichberechtigung und Glaubensfreiheit“

GfbV-Nahostreferent, Dr. Kamal Sido, und Muhiddin Sheikhali, Generalsekretär der Kurdischen Demokratischen Einheitspartei in Syrien, redeten bei Tee und Stromausfall über die Lage in Syrien, die Autonomieverwaltung im kurdischen Kanton Afrin und die Hoffnungen für die Zukunft.

Muhiddin Sheikhali und Kamal Sido

Muhiddin Sheikhali (links) und Kamal Sido im Büro der Kurdischen Demokratischen Einheitspartei in Syrien im Februar 2015.

Im Februar 2015 reiste unser Nahostreferent Dr. Kamal Sido durch den kurdischen Kanton Afrin in Syrien. Dabei traf er viele verschiedene Personen, mit denen er über ihr Leben und die Situation in Syrien sprach. Einer von ihnen war Muhiddin Sheikhali, Generalsekretär der Kurdischen Demokratischen Einheitspartei in Syrien. Sheikhali wird als eine der wichtigsten kurdischen Persönlichkeiten Syriens angesehen. Sein Einfluss zeigte sich  zuletzt im Oktober 2014, als er maßgeblich dazu beigetrug, dass syrisch-kurdische Organisationen in Duhok, Irakisch-Kurdistan, eine enge Zusammenarbeit vereinbarten.

KS: Wie bewerten Sie die Lage in Afrin momentan?

Sheikhali: Die Lage in Afrin ist mehr oder weniger ruhig. Seit Kriegsbeginn haben wir zehntausende Kriegsflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens hier aufgenommen. Es handelt sich um Menschen aus Aleppo, aus Homs, aus Hiretan. All diese Menschen leben hier mit uns, unter uns. Sie leben in Sicherheit, soweit wir die Sicherheit für alle gewähren können. Es gibt keine kriegerischen Auseinandersetzungen in Afrin und wir haben hier weder die islamistischen Gruppen des IS noch die al-Nusra Front.  Deshalb können die Menschen hier in Frieden leben.

KS: Afrin ist ein kurdisch dominierter Kanton. Werden dadurch nicht-kurdische Menschen hierbenachteiligt oder von Kurden diskriminiert?

Sheikhali: Nein, das tun wir nicht. Die meisten Flüchtlinge hier sind nicht-kurdisch. Sie sind in die Stadt Afrin, aber auch in die Dörfer gekommen. Wir haben sie aufgenommen, weil wir, nicht nur unsere Partei sondern die gesamte kurdische Nationalbewegung, eine säkulare, demokratische Bewegung sind. Niemand wird von uns diskriminiert. Zu unseren Hauptforderungen gehören ja Ziele wie Gleichberechtigung und Glaubensfreiheit für alle. Ich würde sagen, dass sich die Flüchtlinge hier wohl fühlen, sonst würden sie nicht hier bleiben.

Syrische Flüchtlinge passieren einen Checkpoint in der Nähe von Afrin. Viele Menschen sind vor dem Krieg im Land in die kurdischen Gebiete Syriens geflohen.

KS: Ich meine nicht nur ihre Partei, ich meine die Autonomieverwaltung. Werden die Flüchtlinge von der Autonomieverwaltung diskriminiert?

Sheikhali: Die Autonomieverwaltung mit alle ihren Institutionen, einschließlich der Polizei, versuchen nach Kräften den Flüchtlingen zu helfen. Arabische Flüchtlinge gehen ihren Berufen nach, in der Regel sind sie Händler, Handwerker oder Schneider. Wenn es Probleme gibt, dann sind sie allgemeiner Natur und nicht auf die arabischen Flüchtlinge bezogen. Unsere Partei hätte in jedem Fall mitbekommen, wenn es zu Übergriffen gekommen wäre. Wir haben 9 bis 10 Parteizentralen im autonomen Gebiet Afrin als Anlaufstelle für jeden Bürger, unabhängig der Religion oder Ethnie. Bei Übergriffen und Diskriminierung wären sie sicherlich zu uns gekommen und hätten uns davon berichtet.

KS: Sie wissen, dass in Syrien auch ein schiitisch-sunnitischer bzw. ein alevitisch-sunnitischer Konflikt existiert. Kommt es aufgrund der Zugehörigkeit zum Alevitentum oder Schiitentum zu Übergriffen?

Sheikhali: Wir Kurden in dieser Region sind multireligiös. Wir sind zwar mehrheitlich sunnitisch, aber wir haben auch zwei kleine Gemeinschaften, die Yeziden und die Aleviten. Nach meinen Kenntnissen gibt es keine Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit zum Yezidentum oder Alevitentum.

Ein yezidischer Flüchtling aus Aleppo arbeitet jetzt als Tankwart in Afrin. Das Benzin gibt es in kleinen Fässern und wird manuell in die Autos gefüllt.

Yezidischer Flüchtling aus Aleppo in Afrin

Foto: Kamal Sido

KS: Kann eine Person offen sagen, dass er Yezide oder Alevit ist?

Sheikhali: Ja, das können sie. Wir haben auch einige ismailitische Flüchtlinge in Afrin aufgenommen, die aus Aleppo stammen. Und es sind auch Schiiten aus Nubbol oder al-Hazara nach Afrin geflohen. Diese Tatsache gibt Hoffnung, denn sowohl die arabisch-sunnitische als auch die arabisch-schiitische Bevölkerung hatte mehrheitlich die antikurdische Politik des Baath-Regime unterstützt. Arabische Mitglieder der Baath-Partei arbeiteten damals Hand in Hand gegen uns Kurden und unterschieden sich in ihrer antikurdischen Politik kaum voneinander. Zu uns sagten sie, ihr seid Kurden und wir sind Araber. Mit dieser schwierigen Vergangenheit im Blick sind wir sehr froh darüber, dass es zu keinen Racheakten der syrischen Kurden gegenüber den Flüchtlingen hier in Afrin kommt.

KS: Die Nationalbewegung ist sehr säkular eingestellt, gleichzeitig höre ich hier in Afrin fünfmal am Tag die Rufe des Muezzins zum Gebet.  Wie genau kann man sich den Umgang mit Religion hier vorstellen?

Sheikhali: Unsere kurdische Nationalbewegung will, dass es zu einer strengen Trennung zwischen Religion und Staat kommt. Aber natürlich kann jeder das glauben, was er will. Der Umgang unseren Menschen mit Angehörigen anderer religiöser Gemeinschaften und Ethnien ist sehr kultiviert. Die Türen der Moscheen sind immer offen. Wir hatten früher auch eine armenische Kirche hier in Afrin. Heute ist sie leider heruntergekommen und das Grundstück wurde verkauft und neu bebaut. Wir hätten sie gern wieder restauriert, wenn die Ruinen noch da wären.

Muhiddin Sheikhali und seine Kurdische Demokratische Einheitspartei in Syrien wollen eine säkulare Autonomieregion, in der Menschen verschiedener Religionen und Ethnien friedlich miteinander leben können.

KS: Gibt es denn noch Christen in Afrin?

Sheikhali: Wir haben einige alteingesessene Armenier hier in Afrin. Aber es sind sehr wenige. Die christlichen Flüchtlinge, die hierher kommen, bleiben nur für eine Übergangszeit und wandern weiter in die Türkei aus, sobald das möglich ist.

KS: Die aktuelle Autonomieverwaltung ist nicht demokratisch gewählt worden. Wie ist sie daher ihrer Meinung nach aus europäischer, aus deutscher Sicht einzuschätzen?

Sheikhali: Diese Verwaltung ist nur deswegen entstanden, weil es ein Vakuum gab, nachdem die staatlichen Behörden sich zurückgezogen hatten. In dem Moment was wichtig, schnell und effektiv das Leben der Bevölkerung hier zu organisieren. Bei dieser Aufgabe spielt diese Verwaltung eine sehr positive Rolle. Sie organisiert den Alltag hier nach Kräften. Gleichzeitig geht von dieser Verwaltung überhaupt keine Gefahr für die Nachbarn aus. Aus diesem Grunde bitte ich darum, und appelliere an die deutsche Bundesregierung, an alle europäischen Regierungen und an Menschenrechtsorganisationen, die Autonomieverwaltung zu unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass die autonome Verwaltung geschützt und durch die Mitarbeit von anderen Parteien und Organisationen gestärkt wird. Eine Unterstützung dieser Autonomieverwaltung kommt dem Frieden nur zugute, denn eine Stärkung der Autonomieverwaltung wird auch eine politische Lösung und somit eine Demokratisierung des ganzen Landes fördern. Gleichzeitig benötigen unsere Menschen hier dringend humanitäre Hilfe. Nur so kann unsere Region ihre Stabilität erhalten.

In Afrin kommt es immer wieder zu Stromausfällen. Rohstoffe wie Öl und Benzin sind knapp und deswegen sehr begehrt.

Syrien_Foto_SerminFaki

Foto: Sermin Faki

KS: Was brauchen Sie am dringendste in diesem Moment: Strom, Wasser, Medikamente?

Sheikhali: Ein großes Problem haben wir mit der Stromerzeugung. Sie sehen, dass wir in diesem Moment auch wieder keinen Strom haben. Eine weitere große Schwierigkeiten ist es für uns, Trinkwasser bereitzustellen. Wir haben zwar genug Wasser, aber dieses muss bearbeitet werden. Dafür brauchen wir große Mengen an Chlor. Wir würden uns wünschen, dass wir dafür die Unterstützung aus Deutschland hätten. Aber auch unser Gesundheitssystem muss gestärkt werden. Medizinisches Personal muss ausgebildet und Krankenwagen und bestehende Krankenhäuser mit neuen Geräten ausgerüstet werden. Und wir brauchen Nahrungsmittel für Kinder. In diesem Zusammenhang appelliere ich an unseren Nachbarstaat, die Türkei, und bitte die Regierung in Ankara, einen Grenzübergang direkt nach Afrin zu öffnen, damit Hilfsgüter importiert und unsere Menschen unabhängig von der militärischen und politischen Lage ein- und ausreisen können.

KS: Auch unsere Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) fordert seit 2012 die Öffnung von drei Grenzübergängen: einer nach Afrin, einer nach Kobani und einer nach Qamishli.

Sheikhali: Eigentlich gab es früher sogar zwei Grenzübergänge nach Afrin, Maydan Ekbaz im Norden und Hamam im Westen. In der Vergangenheit hat das Baath-Regime in Damaskus in Zusammenarbeit mit der Türkei diese Grenzübergänge jedoch geschlossen. Gleichzeitig wurden zwei Grenzübergänge im arabischen Gebiet geöffnet. Das Ziel dahinter war, dass die mehrheitlich kurdische Region Afrin nicht von den Grenzübergängen profitiert. Sie sehen, dass hier eine Übereinstimmung besteht zwischen dem Regime in Damaskus und der Regierung in Ankara: Beide verfolgen antikurdische Ziele. Dabei besteht immer noch die Möglichkeit, die Straßen zu den Grenzübergängensehr schnell wieder herzustellen. Daher bitten wir noch einmal die Regierung in Ankara, einen der alten Grenzübergänge nach Afrin wieder zu öffnen. Die türkische Regierung kann den Grenzübergang auch kontrollieren, wenn sie Sicherheitsbedenken haben. Wir sind Nachbarn mit der Türkei und wollen auch gute nachbarschaftliche Beziehungen. Im Übrigen glauben wir, dass ein positiver Umgang mit der türkischen Regierung und der Autonomieverwaltung hier in Afrin aber auch in Kobani und Qamishli auch im Interesse der Türkei ist. Ein guter Umgang würde die Kurdenfrage im eigenen Land entschärfen. Wir bitten daher die deutsche Bundesregierung, diesbezüglich mit der Regierung in Ankara zu sprechen.

KS: Andere Gebiete in Syrien stehen unter der Kontrolle des Regimes oder der Opposition. Ist die Lage in diesen Regionen vergleichbar mit der in Afrin?

Sheikhali: Der Unterschied zu den anderen Regionen ist sehr groß. Nicht weit von hier, in Atmeh, herrscht die al-Nusra Front. Der Osten von Aleppo ist unter der Kontrolle von IS. Wir in Afrin hingegen versuchen, eine zivile Gesellschaft aufzubauen. Natürlich haben wir hier Schwierigkeiten, aber insgesamt haben wir jetzt eine gute Grundlage für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Sowohl in der Kurdenregion als auch in ganz Syrien. Viele reiche Kaufleute aus Aleppo investieren heute hier in Afrin. Das würden sie nicht tun, wenn sie nicht glauben würden, dass ihr Kapital sicher ist. Ich habe persönlich Kaufleute gefragt, warum sie nicht in der Türkei investieren. Dort gibt es sicherere Strukturen. Sie sagten mir: Wir können genauso gut hier investieren. Es ist viel einfacher, später irgendwann wieder nach Aleppo zurückzukehren. Aus Gaziantep wäre das nicht so leicht.  Außerdem wollen sie nicht auswandern. Sie wollen in Syrien bleiben.

Das Interview wurde am 7. Februar 2015 geführt.

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