Der syrische Bürgerkrieg und die Komplexität des Nahen Ostens: Zu Gast bei den Drusen in Israel

Zwei Wochen reiste GfbV-Nahostreferent Kamal Sido durch Israel. Er traf orthodoxe Juden, fastende Palästinenser und gut gelaunte Armenier. Doch sein Interesse war größer: Er fuhr in den Norden Israels, um die religiöse Minderheit der Drusen kennen zu lernen und ihren Alltag an der syrischen Grenze zu erleben.

von Kamal Sido

Die israelische Sonne brannte auf mich nieder, als ich am 16. Juli 2015 in Nahariya ausstieg. Ich war mit dem Zug aus Tel Aviv gekommen. Vor dem Bahnhof nahm mich ein lächelnder, 80-jähriger Mann in Empfang: Jamal Ali sollte mich die nächsten zwei Tage begleiten. Ich war nach Nahariya gekommen, um mich mit der drusischen Religionsgemeinschaft in der Region bekannt zu machen. Und ich wollte herausfinden, wie sie auf die mehr als angespannte Lage im Nahen Osten reagieren. Traurige Bekanntheit erhielten die Drusen zuletzt vor zwei Monaten, im Juni 2015: Radikalislamisten von der al-Nusra-Front und von den mit ihr verbündeten Gruppen der syrischen islamistischen Opposition hatten im Nordwesten Syriens 20 Drusen ermordet. Das Blutbad ereignete sich in der Bergregion „Simaq“ in der Provinz Idlib. Eine Region, die 17 drusische Ansiedlungen mit höchstens 30.000 Einwohnern hat.

Eine muslimische Konfession oder eigenständige Religionsgemeinschaft: Der Glaube der Drusen

Jamal Ali, mein Begleiter in Nahariya, ist Druse und stammt aus Pek’in (auf Arabisch al-Buqia), einer israelisch-drusischen Stadt in Galiläa mit etwa 5.500 Einwohner. In ganz Israel sollen 125.000 Drusen leben, die meisten von ihnen vor allem im Norden des Landes. Ihre Muttersprache ist Arabisch und sie bekennen sich selbst zum Islam. Außenstehende sehen das mitunter anders: „Die Drusen sind eine Sekte und haben mit dem Islam nichts zu tun. Sie beten nicht, sie fasten nicht und sie pilgern nicht nach Mekka…“ kommentiert ein Leser den arabischen Beitrag von Al Jazeera unter dem Titel „Wer sind die Drusen und wie verhalten sie sich in dem unruhigen Nahen Osten?“

Jamal Ali

Jamal Ali ist stolzer Druse und wohl einer der besten Reisebegleiter, die man sich vorstellen kann.

Die Drusen selbst bezeichnen sich als „al-Muwaḥḥidun“, also Monotheisten, die an die Einzigartigkeit von Gott glauben. Es ist ein arabischer Begriff, der verschiedenen muslimischen Gruppierungen zugeschrieben wird. Eine andere Bezeichnung, die sich die Drusen selbst zuschreiben, ist „Bani Maaroof”: Es bedeutet, dass sie Nachfahren der ‚Menschen von göttlichen Taten‘ sind. Im heutigen Gebrauch wird es als ‚Menschen der guten Taten‘ verwendet.

Obwohl der Glaube der Drusen stark von schiitischen, vor allem von den ismailitischen Traditionen, geprägt ist, sind die Unterschiede zum Islam so groß, dass man von einer eigenständigen Religion und nicht von einer Richtung des Islam sprechen kann. Die Drusen interpretieren den Koran oft ganz anders als Sunniten und Schiiten. Sie glauben auch an die Seelenwanderung – etwas, dass es im muslimischen Glauben nicht gibt. Da die Drusen fest der Auffassung sind, dass alles von Gott vorbestimmt wird, lehnen sie eine Missionierung oder Konvertierung kategorisch ab. Man kann also nur als Druse geboren werden – einen anderen Weg in die Religionsgemeinschaft gibt es nicht. So gesehen haben die Drusen viele Ähnlichkeiten mit den Yeziden, den Ahl-e Haqq oder den Zoroastriern, die im heutigen Kurdistan oder im Iran zu Hause sind.

Im Herzen Druse, in der Verfassung israelischer Staatsbürger

Drusische Fahnen wehen im Wind

In den drusisch-israelischen Gebieten wehen stolz die bunten Flaggen der Drusen neben den israelischen. Beide Fahnen symbolisieren die Identität der religiösen Minderheit.

Wie auch Yeziden, Zoroastrier und Ahl-e Hagg sind die Drusen in verschiedenen Ländern ansässig: Außerhalb Israels leben 700.000 Drusen in Syrien, ca. 280.000 im Libanon sowie eine sehr geringe Zahl in Jordanien. Im Gegensatz zu der für Drusen bedrohlichen Situation in Syrien und im Libanon fühlen sich ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Israel sicher: Auf vielen Dächern weht die aus fünf Farben bestehende drusische Fahne, was in Syrien nicht ohne weiteres möglich wäre. In den israelischen Gebieten können sich die Menschen zum Drusentum bekennen – was sie auch selbstbewusst demonstrieren, genauso wie ihre Loyalität zum Staat Israel. Sie leisten wie alle Israelis, wenn sie 18 Jahre alt werden, Wehrpflicht. Israel ist eins der wenigen Länder weltweit, die eine Wehrpflicht für alle Bürgerinnen und Bürger hat: Frauen müssen zwei Jahre in der Armee dienen, Männer drei Jahre. Ausgenommen von dieser Regelung sind ultraorthodoxe Juden, schwangere, verheiratete und nicht-jüdische Frauen sowie israelische Araber. Die Drusen, jedoch, zählen nicht in diese Ausnahme. Kein Wunder also, dass ich zum Beispiel unter den israelischen Soldaten auf den Straßen von Jerusalem immer wieder Drusen getroffen habe. „Auch wenn es unter den Drusen vereinzelt Militärdienstverweigerer gibt, ist die überwiegende Mehrheit der Drusen stolze Bürger des Staates Israel“, sagte mir ein Druse in Nahariya, den ich in arabischer Sprache angesprochen habe.

Drusischer Polizist

Ich spreche auf meinen Reisen Menschen einfach auf der Straße an. So erfahre ich viele inoffizielle Informationen und gewinne neue Freunde, wie diesen drusischen Polizisten.

Über diese Loyalität zum Staat Israel erfuhr ich mehr, als ich einen israelischen pensionierten Offizier drusischer Volksangehörigkeit zu Hause besuchte. Bei Frühstück und Mate-Tee (ein Aufgussgetränk aus Südamerika) erzählte er mir über andere drusische höhere Offiziere in der israelischen Armee. Auch über die Bedrohung der Drusen in Syrien durch radikale Sunniten haben wir gesprochen. Allen Drusen ist die prekäre Lage ihrer Glaubensbrüder und -schwestern im benachbarten, vom Bürgerkrieg zerstörten Land bewusst. Viele von ihnen haben direkte Verwandte oder Freunde auf der syrischen Seite der Grenze. Die Drusen würden tun, was sie können, um ihre Glaubensbrüder in Syrien zu unterstützen, versicherte mir der Offizier.

Brüder in Krieg und Frieden: Drusen in Israel und Syrien

Der pensionierte Offizier war nicht der Einzige, mit dem ich über die Lage drusischer und anderer Minderheiten in Syrien sprach. Auch der geistige Führer der Drusen in Israel, Sheikh Muwaffak Tarif, berichtete mir über seine Bemühungen, Drusen in Syrien zu schützen. Als Sprecher und Abgesandter aller israelischen Drusen trifft er sich regelmäßig mit Vertretern der israelischen Regierung, aber auch mit amerikanischen und europäischen Diplomaten. Seine Funktion resultiert aus einer langen drusischen Tradition, die auf einem Mix aus demokratischen und Geburtsprivilegien basiert: Ein geistiger drusischer Rat, der sich aus den al-Sais‘, den religiösen Führern der Ortschaften und Gebiete, zusammensetzt, wählt in der Regel unter den Söhnen eines früheren Sheikhs das neue Oberhaupt der Drusen. Anschließend muss die israelische Regierung die Wahl des Oberhauptes aber formell bestätigen.

Mit drusischen Führer (r.) und Jamal Ali

Bei Tee und leckerem Gebäck sprach ich mit Sheikh Muwaffak Tarif über Syrien und den drusischen Alltag an der Grenze. Auch Jamal Ali war dabei.

In den Gesprächen mit den Drusen vor Ort zeigte sich die Komplexität des Nahen Ostens: Die pro-iranische, schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon kämpft auf Seiten des syrischen Regimes gegen die Opposition. Israel, wiederum, hat ein direktes Interesse an einer Schwächung der Hisbollah-Miliz und so glauben einige Drusen, vor allem die auf den Golanhöhen, dass Israel die syrischen Rebellen unterstützt. Israelische Stellen widersprechen dieser Darstellung, geben aber zu, verwundete Syrer aus humanitären Gründen in israelischen Krankenhäusern zu behandeln. Diese Allianz scheint auf dem alten Prinzip zu basieren, nachdem der Feind meines Feindes mein Freund ist. Denn Tatsache ist, dass die syrische bewaffnete Opposition weitgehend von Radikalislamisten unterwandert ist, die von sunnitischen Mächten wie den arabischen Golfstaaten, der Türkei aber auch einigen westlichen Regierungen unterstützt oder zumindest geduldet wird. Ende Mai hatte der arabischsprachige katarische TV-Sender Al Jazeera den Chef der al-Nusra-Front, Abu Mohammed al Golani, zu Gast. Die al-Nusra-Front gehört zu al-Qaida und kämpft in Syrien gegen das Regime von Baschar al-Assad. Al Jazeera behandelte Golani wie ein Staatsoberhaupt und gab ihm die Möglichkeit, stundenlang seine Ansichten kundzutun. Der Islamistenchef drohte mit „Rachefeldzügen gegen diejenigen, die Sunniten angegriffen haben“. Auch forderte er alle Nicht-Sunniten dazu auf, „sich dem wahren Islam“ zu zuwenden.

Die Ängste der Drusen, Christen, Ismailiten, Schiiten und anderer nicht-sunnitische Minderheiten vor einem Sieg der syrischen bewaffneten Opposition sind berechtigt. Nicht nur die al-Nusra-Front oder der barbarische „Islamische Staat“ (IS) sondern nahezu alle bewaffneten Gruppen wollen die Einführung der Scharia, des „islamischen Rechts“, in Syrien. Da die Minderheiten in einem Scharia-Staat kaum leben können, ist die ablehnende Haltung der 300.000 bis 700.000 syrischen Drusen gegenüber der islamistischen Opposition in Syrien verständlich. Allerdings haben die Drusen, die in den von Israel 1967 annektierten syrischen Golanhöhen leben, ihren eigenen Blickwinkel auf das Geschehen in Syrien. Die meisten der etwa 20.000 Drusen auf dem Golan hielten nichts von der „syrischen Revolution“. Dennoch gibt es unter ihnen einige, die einen Wechsel des syrischen Regimes befürworten. Diese meinen, dass „Radikalislamisten in Syrien sich nur kurze Zeit halten werden“. Danach würde ein demokratisches Staatssystem entstehen, das die Rechte aller Syrer garantieren werde.

Iftar bei der al-Aqsa-Moschee

Während des Iftars, also dem Abendessen während des Ramadanmonats, finden sich viele gläubige Muslime auf dem Gelände des Felsendoms in Jerusalem zusammen, um gemeinsam zu essen.

Diese hoffnungsvolle Prognose ist sehr trügerisch. In meinen Gesprächen mit arabischen und anderen Sunniten auf dem Hof der al-Aqsa-Moschee und des Felsendoms an einem der letzten Tage des islamischen Fastenmonates in Jerusalem zeigte ein anderes Bild. Viele Sunniten denken noch immer, dass ein Scharia-Staat die islamische Welt „retten“ könnte.

Fest steht, dass Diktatoren wie Baschar al-Assad in jedem Fall bekämpft werden müssen. Der radikale politische Islam darf aber keine Alternative zu solchen Regimen sein. Islamisten zu unterstützen ist die falsche Antwort auf diktatorische Regime oder Bürgerkriege. In dieser Frage waren sich nahezu alle meine Gesprächspartner in Israel einig, egal ob sie drusisch, syrisch-orthodox, armenisch-orthodox oder jüdisch waren. Nur ein multiethnisches und multireligiöses Staatssystem kann Menschen- und Minderheitenrechte gewährleisten. Denn Minderheiten wie die Drusen müssen die Freiheit haben entscheiden zu können, wer sie sind und wie sie leben möchten.

[Zum Autor]

Kamal SidoKAMAL SIDO ist GfbV-Nahostreferent. Er steht in direktem Kontakt zu verschiedenen ethnischen und religiösen Minderheiten im Nahen Osten und deren Exilverbänden im Ausland. Doch ab und an macht er sich selbst auf den Weg, um die Lage vor Ort zu erkunden.

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Ein Gedanke zu “Der syrische Bürgerkrieg und die Komplexität des Nahen Ostens: Zu Gast bei den Drusen in Israel

  1. […] empfehle ihnen ausdrücklich die Lektüre seines Beitrages „Der syrische Bürgerkrieg und die Komplexität des Nahen Ostens„. Insbesondere informiert Dr. Sido u.a. auch über seine Begegnungen mit […]

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