Saids Triumph: Ein Leben ohne Sklaverei

Foto: Michał Huniewicz/Flickr [Symbolbild] 

Beim Wort Sklaverei denken wir an Sklavenschiffe nach Amerika und Plantagenarbeit. Wir denken an Kinofilme, die uns eine scheinbar längst vergangene Zeit wieder aufleben lassen. Tatsächlich existiert Sklaverei auch heute noch, wie zum Beispiel in Mauretanien. Doch die Geschichte von Said, der sich aus der Sklaverei befreite, gibt Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

von Abidine Ould-Merzough und Michaela Böttcher

Kinder lachen laut und toben über die Wiesen. Es riecht nach Sonnencreme und Chlor. Das Schwimmbad ist bis auf den letzten Meter gefüllt. Der Sommer zeigt sich von seiner besten Seite. Die Schulkinder freut das sicherlich am meisten. Müssen sie doch nicht in stickigen Büros auf einen Bildschirm starren oder in der glühenden Hitze mit einem Presslufthammer arbeiten. Nein, sie haben Pause vor dem nächsten Schuljahr. Viele von ihnen denken vielleicht noch nicht mal an den Tag, wenn sie wieder ins Schulgebäude zurück müssen. Aber einige von ihnen freuen sich (heimlich) vielleicht schon drauf. Said ist einer von ihnen. Nun gut, er wird nicht seine freie Zeit im Schwimmbad verbringen. Aber vielleicht steht er dafür am Strand des Atlantiks, um ihn herum vermischen sich die Geräusche von Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens, mit dem Rauschen der Wellen. Und er lächelt, denn er weiß, dass er nach den Ferien weiter zu Schule gehen kann. Das ist nicht selbstverständlich, denn Said war die ersten 14 Jahre seines Lebens ein Sklave. 14 Jahre, in denen er einer von ungefähr 500.000 Menschen war, die in Mauretanien in Sklaverei leben müssen.

Sklaverei ist in Mauretanien auch mehr als 30 Jahre nach der offiziellen Abschaffung noch immer weit verbreitet. Weltweit sollen ungefähr 30 Million Menschen in einer Art von Versklavung oder Unfreiheit leben, aber in keinem anderen Land ist Leibeigenschaft so institutionalisiert wie in Mauretanien. Höchste gesellschaftliche Kreise, Regierungsbeamte und lokale Behörden versuchen immer wieder zu vertuschen, dass es Sklaverei in ihrem Land gibt. Teilweise sind sie sogar selbst Sklavenhalter. Und das, obwohl Sklaverei seit 2007 unter Strafe gestellt ist.

Rund 90 Prozent der bis zu 500.000 Sklaven Mauretaniens sind Frauen und Kinder.

Ein Leben in Sklaverei ist vor allem die traurige Realität für viele Haratin, einer schwarzafrikanischen Volksgruppe, die von den im Land herrschenden Arabern und Berbern diskriminiert wird. Sie gelten als Nachfahren früherer Sklaven. Arabische Berber, auch bekannt als Beydanes, hatten die damals entlang des Flusses Senegal lebende Volksgruppe überfallen und anschließend versklavt. Die Hierarchie hat sich bis heute kaum gelöst: Die Beydanes bilden die ethnische Elite des Landes während viele Haratins hingegen noch als „Eigentum“ eines Sklavenhändlers gelten. Zwar werden Sklaven in Mauretanien nicht mehr offen auf Märkten gehandelt, aber sie können verschenkt, vermietet oder ausgeliehen werden. Zudem ist Sklaverei immer noch vererbbar. Wer als Kind einer Sklavin geboren wird, bleibt Sklave und gehört den „Herren“ der Eltern.

Auch Said wurde als Sklave geboren. Seine Mutter Salka hatte ihm und seinem jüngeren Bruder Yarg ihren Status vererbt. Da sie somit ohne Rechte oder offizielle Dokumenten waren, die ihren Status in Mauretanien festlegten, konnte der „Besitzer“ der Mutter mit den beiden Kindern machen, was er wollte und so wurden sie von der Mutter getrennt. Said musste 14 Jahre lang, wie die meisten Sklaven in Mauretanien, unentgeltlich Hausarbeit leisten, Viehherden hüten oder auf den Feldern arbeiten. Tag und Nacht kümmerte er sich um die Kamele seines „Herrn“, führte sie in die Wüste. Doch 2011 änderte Said sein Schicksal. Gerade einmal 14 Jahre alt floh er zu seiner Tante, die ihn aufnahm und seinen Fall Anti-Sklaverei-Aktivisten meldete. Einer von ihnen war Biram Dah Abeid, der wohl bekannteste Aktivist in Mauretanien und selbst ein Nachfahre von Sklaven. Seine Organisation Initiative für die Wiederbelebung der Abschaffung (IRA) unterstützt Sklaven, die sich von ihren „Herren“ lösen wollen. Denn das Gesetz zur Bestrafung der Sklaverei wird nur halbherzig umgesetzt. Sklavenhaltern droht oft keine Strafverfolgung und die Behörden scheinen eher die Sklaverei-Problematik vertuschen zu wollen anstatt sie zu bekämpfen. Aber als Biram auf Said traf, sollten sie in Mauretanien etwas grundlegend ändern: Gemeinsam mit seinem Bruder Yarg, den die IRA befreit hatte, und der Hilfe der Anti-Sklaverei-Aktivisten verklagte Said seinen ehemaligen „Herrn“. Und zum ersten Mal, vier Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes 2007, wurde 2011 ein Sklavenhalter für schuldig befunden und verurteilt. Die Höhe fiel gering aus und der Verurteilte kam später auf Kaution frei. Dennoch war das Urteil wichtig für alle Sklaven. Es war ein erster Erfolg, Sklavenhalter strafrechtlich zu belangen.

Said freut sich auf das kommende Schuljahr. Der Junge, der als Kind nie eine Schule besuchen durfte, wird ab nächstem Schuljahr aufs Gymnasium gehen.

Said_2015

Saids Geschichte könnte damit zu Ende sein. Doch auch nach dem Gerichtsprozess kämpfte er weiter, für sich und seine Zukunft. Als Sklave hatte er nie eine Schule von innen gesehen, als er floh konnte er weder schreiben noch rechnen. Also beschloss er, gemeinsam mit seinem Bruder zu Biram Dah Abeid und seiner Frau Leila Ahmed Khliva zu ziehen und endlich eine Schule zu besuchen. Das Paar unterstützte die Kinder bei ihrem Wunsch und meldete beide in einer Privatschule in der Nähe ihres Hauses an. Fünf Jahre lernte Said fleißig, spielte Fußball und umarmte jeden Tag in der Freiheit. Nun zahlt sich seine harte Arbeit aus: Als Klassenbester wurde er für eine weiterführende Schule, ein collège, empfohlen. Es war sicherlich kein einfacher Weg, den Said gehen musste. Umso beeindruckender sind sein Mut und seine Zielstrebigkeit. Es ist fast so, als wäre ein in Hollywood ausgedachtes Märchen wahr geworden. Mit dem dazu gehörigen Happy End.

[Zu den Autoren]

ABIDINE OULD-MERZOUGH ist Europa-Repräsentant der Initiative für die Wiederbelebung der Abschaffung (IRA). Er hat den Fall Said seit der Flucht des Jungens begleitet.

MICHAELA BÖTTCHER ist Online-Redakteurin bei der Gesellschaft für bedrohte Völker. In ihrem Studium der Mittleren und Neuen Geschichte und Englischen Philologie beschäftigte sie sich mit Postkolonialismus.

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