„Das haben wir nicht verdient“: Die Angst der Roma-Flüchtlingskinder vor Abschiebung

Der Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland wird für dieses Jahr auf 800.000 geschätzt. Um Platz für sie zu schaffen, sollen vor allem Roma aus dem Kosovo abgeschoben werden. Darunter Hunderte Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Doch was bedeutet das für die Flüchtlingskinder? Wir lassen fünf von ihnen zu Wort kommen.

Šaban*: „Die Duldung macht uns zu Menschen zweiter Klasse“

Ich bin 15 Jahre alt und habe drei ältere Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester. Mein ältester Bruder war bei der Flucht meiner Eltern zwei Jahre alt. Wir anderen sind alle in Deutschland geboren. Meine Eltern entschlossen sich 1988 für die Flucht aus dem Kosovo, als meinem Vater angedroht wurde, dass er von der serbischen Armee zwangsmobilisiert werden könnte. Nur in der Flucht aus dem Kosovo sahen sie eine Rettung.

Seit 26 Jahren leben meine Eltern nun in Duldung. Ich bin sozusagen in den Status hineingeboren. Alle 2 bis 6 Monate wird er verlängert. Die kurze Gültigkeit einer Duldung und die Auflagen, die damit verbunden sind, haben das normale Leben unserer Familie unmöglich gemacht. Die seit Jahrzehnten geltende Residenzpflicht[1] machte es praktisch unmöglich, dass sich meine Eltern richtig betätigen. Mein Vater war im Kosovo Busfahrer, aber kein Busunternehmen oder eine Firma, die einen Fahrer brauchte, wollte ihn beschäftigen, weil sein Duldungsstatus und die Gebietsbeschränkung auf einen Landkreis eine normale Arbeit für den Arbeitgeber unmöglich machte. Dazu kommt die ewige Angst vor der Abschiebung, die meine Eltern langsam krank und depressiv macht.

Auch für mich gab und gibt es wegen der Duldung immer wieder traurige Momente. Ich konnte nicht mit zur Klassenfahrt ins Ausland. Und manchmal werde ich von einigen Mitschülern wegen der Herkunft meiner Eltern und meiner eigenen Herkunft regelrecht gemobbt. Als ob Deutschland nicht auch meine Heimat wäre und als ob ich in meinem Alter etwas dafür tun könnte, die komplizierte Situation meiner Eltern zu verbessern. Aber natürlich habe ich hier auch viele Freunde. Hier ist meine Heimat.

Ich möchte hier bleiben, ein sorgloses Leben führen und endlich einen anderen Status als „Duldung“ haben. Er diskriminiert uns, macht uns krank. Er macht uns zu Menschen zweiter Klasse. Mein größter Traum und auch ein großer Traum meiner Eltern ist es, ein Mal im Leben einen Urlaub zu machen. Das, was für die meisten selbstverständlich ist, muss auch uns endlich gegönnt werden.

Zeko*: „Deutschland ist unsere Heimat“

Ich bin 8 Jahre alt und komme aus Göttingen. Hier bin ich auch geboren. Meine Eltern stammen aus dem Kosovo, wo auch mein ältester Bruder geboren wurde. Sie leben nun schon seit 15 Jahren in Deutschland. Ich selbst war noch nie im Kosovo und meine Eltern reden auch nicht so viel darüber, wie es im Kosovo ist. Ich weiß nur, dass es schlimm für sie war, dass sie fliehen mussten. Und ich weiß auch, dass man im Kosovo Albanisch und Serbisch redet. Aber das kann ich nicht sprechen. Ich spreche zu Hause mit meinen Eltern Romanes und mit allen anderen, also mit meinen Geschwistern und mit meinen Freunden, Deutsch. In Deutschland habe ich alle meine Freunde. Ein paar an der Schule und ganz viele auch in unserer Nachbarschaft. Mit den Nachbarskindern spiele ich nach der Schule oft draußen oder wir gehen Fußball spielen.

Sport verbindet. Flüchtlingskinder weltweit spielen in Aufnahmeeinrichtungen und mit Nachbarskindern gemeinsam Fußball.

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Ich denke, es wäre schlimm für mich und meine Familie wenn wir in das Kosovo gehen müssten. Wir kennen dort ja niemanden. Und wie soll ich dort reden und mich verständigen? Ich glaube nicht, dass dort jemand Deutsch sprechen kann. Ich verstehe auch nicht, warum wir zurück müssen. Deutschland ist doch unsere Heimat!

Jelena*: „Unsere Zukunft hängt an einem seidenen Faden“

Unsere Großfamilie, unsere Großeltern, Eltern und Geschwister sowie unsere zwei Onkel mit deren Ehefrauen kamen 1999 aus dem Kosovo nach Deutschland. Wir leben nun schon seit 15 Jahren in Göttingen. Unser Großvater erzählte oft, dass wir in Lipljan ein schönes Haus hatten. Niemand hätte geahnt, dass es zum Krieg kommen würde. Doch der Krieg brach aus und unsere Großfamilie kam nach Deutschland. Inzwischen sind wir drei Ehepaare und 19 Kinder. Unsere Oma wohnt bei uns. Der Großvater ist letztes Jahr gestorben. Meine Schwester war noch Baby, als unsere Familie flüchtete. Wir anderen Kinder sind in Deutschland geboren. Aufgewachsen sind wir alle hier. Deutsch ist unsere Muttersprache. Wir sprechen zu Hause auch Romanes, aber untereinander und mit unseren Freunden reden wir auf Deutsch.

Wir sind dankbar, dass wir hier leben dürfen. Wir sind in Vereinen und machen bei Theaterprojekten mit. Unsere Eltern haben es leider schwer, eine Arbeit zu finden. Ihnen fehlt die richtige Qualifizierung. Nach vielen Ablehnungen sind sie deprimiert und unglücklich. Unser seit Jahren ungelöster rechtlicher  Status macht unsere Eltern und uns auch kaputt. Momentan haben wir eine Duldung bis Ende September. Unsere Zukunft hängt wirklich an einem seidenen Faden.

Jahrelang haben die Behörden bereits Druck auf unsere Familien ausgeübt, haben uns verängstigt und wollten uns aus dem Land jagen. Man will uns aus unserem vertrauten Umfeld herausreißen und in ein fremdes Land ins Elend schicken. Das wäre eine Bestrafung für uns. Und das haben wir nicht verdient!

Rahim*: „Kosovo fühlt sich nicht wie Heimat an“

Ich bin vor 22 Jahren im Kosovo geboren. Zusammen mit meinen Eltern bin ich von dort aus nach Deutschland geflohen. Damals war ich noch ein Kleinkind, weshalb ich mich nicht an die Flucht erinnere. Aber meine Eltern haben mir erzählt, dass wir mit dem Auto zuerst über die deutsche Grenze bis nach Oldenburg gekommen sind. Dort wurden wir zu unserer Flucht und unseren Gründen, warum wir nun in Deutschland sind, befragt. Danach ging es für uns nach Nordhorn in Niedersachsen. Hier lebe ich nun schon sehr lange mit meiner Familie. Mein Vater ist mittlerweile leider gestorben, weshalb meine Mutter für uns Kinder allein aufkommen muss. Ich würde mir wünschen, dass ich endlich einen Job finde, um meine Mutter finanziell zu unterstützen. Die Arbeitssuche wäre leichter mit einem Aufenthaltstitel. Denn seit unserer Ankunft in Deutschland haben wir alle nur eine Duldung.

Flüchtlingskinder in einer Aufnahmeeinrichtung in Berlin spielen in einem Raum, der als Kindergarten eingerichtet wurde.

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Ich habe mir seit unserer Flucht natürlich ein Leben in Deutschland aufgebaut. Das Kosovo fühlt sich nicht wie meine Heimat an, nur weil ich dort geboren wurde. Ich bin in Deutschland zu Hause. Über das Kosovo habe ich nur aus den Erinnerungen meiner Eltern und auch aus den Nachrichten erfahren. Ich weiß, dass es im Kosovo jedoch noch schwieriger ist, einen Job zu finden. Viele Menschen dort leben auf der Straße und müssen betteln. Besonders für uns Roma ist die Situation im Kosovo schwierig. Von Freunden meiner Eltern und von Familienangehörigen, die im Kosovo leben, weiß ich, dass sie vor allem mit viel Diskriminierung zu kämpfen haben. Ich habe von Menschen gehört, dass sie auf offener Straße verprügelt und beschimpft worden sind, nur weil sie Roma sind. Das ist doch schrecklich.

Nedjo*: „Schule ist ein Stück Normalität in meinem ungewissen Leben“

Ich bin vor 16 Jahren im Kosovo geboren. Zusammen mit meinen Eltern bin ich 1999 von dort aus nach Göttingen geflohen. Daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern, ich war ja noch ein Baby. Manchmal erzählen mir meine Eltern von dieser Flucht, aber nie sehr viel. Es war sehr schrecklich und traumatisch für sie.

Ich gehe in die 10. Klasse einer Sonderschule und werde in einem Jahr meine Schule beenden. Ich habe ein wenig Probleme mit dem Deutschen, weil meine Eltern mir nicht so gut beim Lernen helfen können. Aber eigentlich schickt man jedes Kind, dessen Eltern nicht Deutsche sind, auf diese Sonderschule. Ich meine, ich bin doch genau so klug wie ein Kind deutscher Eltern! Am besten bin ich in Mathe. Vor allem Geometrie mag ich richtig gern. Nach meiner Schule möchte ich gern eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker machen. Ich stelle es mir schön vor, diesen Beruf auszuüben, mein eigenes Geld zu verdienen und eine Beschäftigung zu haben, die mir Spaß machen wird.

Manchmal fragen mich die Menschen, ob ich mich gut in Deutschland eingelebt habe. Das finde ich merkwürdig. Schließlich bin ich ja hier aufgewachsen. In was sollte ich mich da einleben?

In Deutschland leben wir jetzt schon seit 15 Jahren nur mit einer Duldung, die immer nur für 3 Monate verlängert wird. Das strengt mich an, immer unter diesem Druck zu stehen, dass wir nicht wissen, ob und wann wir abgeschoben werden. Für meine Eltern ist es auch schwer mit der Duldung. Sie haben keine Arbeit und führen kein normales Leben wie all unsere Nachbarn. Meine Mutter ist total fleißig und engagiert sich auch ehrenamtlich, aber eine richtige Arbeit würde ihr natürlich viel besser gefallen. Deswegen sind wir Kinder auch echt froh. dass wir in die Schule gehen können. Die Schule bedeutet für uns ein Stück Normalität und Kontinuität in unserem sonst so ungewissen Leben.

 

*Name von der Redaktion geändert. Die richtigen Namen und vollständigen Aussagen der Flüchtlingskinder liegen uns vor.

[1] Residenzpflicht ist eine Auflage für in Deutschland lebende Asylbewerber und Geduldete, die die Betroffenen verpflichtet, sich nur in dem von der zuständigen Behörde festgelegten Bereich aufzuhalten.

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4 Gedanken zu “„Das haben wir nicht verdient“: Die Angst der Roma-Flüchtlingskinder vor Abschiebung

  1. Genau das ist für mich e i n Beweis dafür, der die humanitäre Absicht unserer Regierung in der Asyl- und Flüchtlingspolitik ad absurdum führt! Es sind und bleiben für mich Verbrecher, die das Humankapital Mensch nach Belieben hin- und herschieben! Eine Schande, wer diese Leute unterstützt! Eine Blauäugigkeit, wer an die Echtheit der zelebrierten, wie auch eingeforderten „Willkommenskultur“ glaubt! Wenigstens die hier bereits sind, sollten bleiben dürfen! Für alle andern müssen die Zustände in den Heimatländern verändert werden!

  2. Ich warte auf den Zeitpunkt, dass sich die GfbV mal für die Deutschen als bedrohtes Volk einsetzt. Vielleicht werde ich dann wieder Mitglied.

  3. Bin auch Asylbewerber aus Balkan, und weiss ganz pünktlich was wartet diese Kindern und Leuten nach dem Abschibung, in diesen „Heimaten“. Und wőnsche das niemand, Niemand.

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