Frauen im Krieg – Krieg gegen Frauen

Foto: Endre Vestvik via Flickr (zugeschnitten)

Am 31. Oktober 2000 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1325. Sie fordert Akteure auf, die Rechte von Frauen in Kriegs- und Konfliktgebieten zu gewährleisten. Es war das erste Mal, dass im Rahmen der Vereinten Nationen Forderungen laut wurden, Frauen und Mädchen vor Vergewaltigung, Zwangsprostitution und anderen Formen sexualisierter Gewalt zu schützen. Auch sollen gemäß der Resolution mehr Frauen an Friedensverhandlungen beteiligt werden. Die Bilanz nach 15 Jahren sieht jedoch erschreckend aus.

von Juliane Henska

Egal ob Vergangenheit oder Gegenwart, nah oder fern: Gewalt gegen Frauen und Kinder wird überall und ständig verübt. Besonders in Kriegs- und Konfliktgebieten sind Zivilistinnen, aber auch Soldatinnen und Kinder von diesem Leid betroffen. Traurigerweise gibt es für diese Aussage so viele Beispiele, dass man fast nicht weiß, welches man thematisieren sollte. So ist der Leidensweg der Yezidinnen mittlerweile bekannt. Fast täglich gibt es seit August 2014 Nachrichten über vom „Islamischen Staat“ (IS) entführte Mädchen, Frauen und Kinder. Als die Terrorgruppe vergangenen Jahres die Niniveh-Ebene im Nordirak, in der etwa die Hälfte aller Yeziden leben, überrannte, töteten IS-Kämpfer yezidische Ehemänner, Väter und Brüder. Kinder, Frauen und Mütter wurden hingegen entführt, gefoltert, versklavt und vergewaltigt. Es ist ein perfides System, dass der IS aufgebaut hat und in dem die Opfer als Ware gehandelt oder zum sadistischen Selbstzweck behalten werden. Tausende Frauen und Mädchen müssen täglich in den Abgrund der menschlichen Seele blicken. Auch wenn sie die Qualen überleben, wie können sie sich jemals wirklich davon befreien?

Diese Frage schwebt gleichermaßen über so vielen bosnischen Frauen. Während des Bosnienkrieges in den 1990er Jahren haben serbische Täter 20.000 muslimische Mädchen und Frauen vergewaltigt, viele wurden über Monate sogar in sogenannten Vergewaltigungslagern festgehalten. Als ob diese Verbrechen nicht schon schlimm genug waren, etablierte sich nach Beendigung des Krieges im Jahr 1995 Zwangsprostitution und Menschenhandel. Menschenhändler nutzten dabei die große wirtschaftliche Not und die Verzweiflung der Bevölkerung schamlos aus. Selbst die internationalen „Friedenstruppen“, die nach Bosnien und Herzegowina geschickt wurden, förderten Zwangsprostitution: So verkauften Menschenhändler junge Frauen an internationale Soldaten. Heute landen (vor allem viele Roma-) Frauen und Mädchen aus Osteuropa und dem Balkan, die auf ein besseres Leben im Ausland hoffen, in den Händen von Menschenhändlern. Sie glauben den Versprechungen auf eine Arbeit als Krankenschwester oder Kindermädchen und werden nach ihrer Ankunft in Westeuropa zur Prostitution gezwungen, misshandelt, geschlagen, arbeiten „schwarz“ und müssen in schmutzigen Räumen ohne ausreichend Wasser und Nahrung leben. Es ist ein lukratives Geschäft, bei dem die Menschenhändler große finanzielle Gewinne einstreichen. Die Strafen für sie sind hingegen noch immer zu niedrig. Die Gesetze hinken der Realität um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, hinterher.

Viele junge Bosnierinnen werden auf dem Weg in ein besseres Leben zu Opfern von Menschenhandel. Auch Roma-Mädchen und -Frauen in Osteuropa sind durch Armut, Ausgrenzung und fehlende Bildung besonders gefährdet.

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Überhaupt ist eine gesetzliche Regelung (und juristische Definition) von Vergewaltigung und sexueller Gewalt als Kriegswaffe erst in den letzten 20 Jahren im internationalen Recht entstanden. 1995 – als Konsequenz aus den massiven Vergewaltigungen im Bosnienkrieg und des Völkermords in Ruanda – wurde Massenvergewaltigung als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt. Es folgten weitere Gesetze, z.B. das Rom-Statut aus dem Jahre 2002 und die verabschiedeten Resolutionen des UN-Sicherheitsrates gegen Vergewaltigung, sexuelle Versklavung, erzwungene Prostitution, erzwungene Schwangerschaft und andere Formen sexualisierter Gewalt, die Frauen und Mädchen in Konfliktgebieten schützen sollen. Doch gerade die aktuelle Flüchtlingssituation zeigt, dass Frauen nicht nur in kriegsähnlichen Situationen sexuellen Übergriffen teilweise schutzlos ausgeliefert sind. Derzeit werden rund 30 Prozent der Anträge auf Asyl in Deutschland von Frauen und Mädchen gestellt. Doch deutsche Aufnahmelager bieten ihnen nicht genügend Sicherheit. Die Flüchtlingsunterkünfte sind allein quantitativ von Männern dominiert, Rückzugsräume und Privatsphäre gibt es praktisch nicht. Zudem können Duschen und Waschräume oftmals nicht verschlossen werden, wodurch es immer wieder zu sexuellen Übergriffen kommt. Bereits im April 2015 wurde sexuelle Gewalt in bayrischen Flüchtlingsheimen bekannt, in denen Vergewaltigungen, sexuelle Gefälligkeiten als auch Zwangsprostitution an der Tagesordnung standen. Deswegen entstehen mancherorts nun Flüchtlingsheime für besonders Schutzbedürftige. Frauen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben, zählen auch in diese Kategorie. In Darmstadt beispielsweise wurde gerade eine Frauenunterkunft eröffnet, im Herbst soll es in Gießen eine weitere geben. Doch es bleibt viel zu tun, um die weiblichen Flüchtlinge besser zu schützen.

Am 31. Oktober 2000 wurde die UN-Resolution 1325 zum Schutz von Frauen im Krieg verabschiedet. Doch bis heute missachten dutzende Staaten die wegweisende Resolution des Weltsicherheitsrates. GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius zieht eine Bilanz.

Besonders heikel wird die Situation in einer Flüchtlingsunterkunft, in der es keine Privatsphäre gibt, wenn Frauen aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung geflohen sind. Praktisch bräuchten sie eine sichere Umgebung und einen sicheren Asylstatus. So könnten sie ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten und müssten keine Angst vor Abschiebung in ein Land haben, in dem sie aufgrund ihres Geschlechts verfolgt werden. Die Chancen dafür stehen in Deutschland jedoch schlecht. Obwohl geschlechtsspezifische Verfolgung seit der Genfer Flüchtlingskonvention 1951 als Asylgrund gilt, haben viele Frauen keine Chance auf Asyl. „Ihnen wird vielfach unterstellt, sie hätten sich die Erlebnisse nur ausgedacht“, sagt Juristin Pelzer von Pro Asyl. Diese Unterstellung kann nur durch Fakten widerlegt werden. In vielen Fällen ist das jedoch kaum möglich. Um dem entgegenzuwirken und mitunter Verleugnungen zu entkräften, hat sich das journalistische Projekt Women Under Siege gebildet. Es untersucht, wie Vergewaltigungen und andere Formen sexueller Gewalt als Werkzeuge für Völkermord und Konflikte im 20. sowie 21. Jahrhundert verwendet werden. Die Journalistinnen dokumentieren sexuelle Gewalt in Konflikten und haben seit 2011 dazu Daten gesammelt und analysiert. Sie waren es auch, die die ersten Daten zu vergewaltigten Frauen in Syrien veröffentlichten. Dazu kommen Artikel, Recherchen und Fakten zu Ländern wie Kenia, Nigeria und Afghanistan. Am Ende entsteht ein umfassendes – und erschreckendes – Bild, in dem gezeigt wird, wie Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt als Kriegsinstrumente eingesetzt werden. Gleichzeitig fordern die Erkenntnisse von Women Under Siege dazu auf, dass Post-Konflikt-Interventionen eingesetzt werden müssen, um den Opfern Hilfe zu leisten. Einerseits können dafür Maßnahmen im eigenen Land umgesetzt werden. So hat Baden-Württemberg als erstes Bundesland auf die folgenschwere Lage der Yeziden und anderer christlicher Minderheiten wie Assyrer, Aramäer und Chaldäer reagiert und ein bundesweit einzigartiges Programm zur Aufnahme traumatisierter Frauen und Mädchen eingeführt. Seit März 2015 sind nach Angaben des Staatsministeriums 248 Personen bisher nach Baden-Württemberg gekommen, 1.000 sollen es am Ende werden. Doch auch vor Ort, in den Ländern, die von Krieg und Konflikten zerstört sind, müssen Frauen beim Wideraufbau eingebunden und ihre Schicksale wahrgenommen werden. Bis heute sind sie bei Friedensverhandlungen jedoch nur selten präsent und so kann ihre Geschichte weder gehört noch bedacht werden.

Weibliche Flüchtlinge erleben oft eine größere Odyssee als männliche. Selbst in deutschen Asylunterkünften können sie nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen oder gar Zwangsprostitution geschützt werden.

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Das Bewusstsein über die Kriegsschicksale von Frauen und Mädchen aber auch der Wille, etwas an dieser Situation zu ändern, sind vielleicht neu, die Verbrechen sind es keineswegs. Vielmehr wird jetzt ein Tabu aufgebrochen, das zu lange bestand. Das beweist in Deutschland die Art und Weise, wie mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs umgegangen wird. Sicherlich ist das Bewusstsein der jungen Generation zum Zweiten Weltkrieg stark ausgeprägt, die Andacht an deutsche Zivilopfer spielt jedoch eine untergeordnete Rolle. Schnell wird sie sogar als „rechts“ beziehungsweise „nationalistisch“ bewertet. Dabei ist es wichtig, aller Opfer zu gedenken und endlich über Unrecht zu sprechen. Etwa 1,9 Millionen deutsche Frauen und Mädchen wurden während des Vormarsches der Roten Armee bis Berlin vergewaltigt. Rund 1,4 Millionen stammten aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und circa 200.000 von ihnen starben in Folge der Verbrechen. Allein diese riesige Zahl ist ein Beispiel für Krieg, der gegen die Zivilbevölkerung und hier wiederum gegen Frauen und Kinder geführt wurde. Trotzdem waren die Massenvergewaltigungen deutscher Mädchen und Frauen durch die Rote Armee lange Zeit ein tabuisiertes Thema. Vielmehr zog es eine ganze Gesellschaft vor, so zu tun, als wäre dieses Unrecht nie passiert. So ist es traurig, aber kaum verwunderlich, dass bei einer Gedenkveranstaltung für die deportierten und vergewaltigten Frauen und Mädchen am 10. September 2015 auf dem Friedhof Lilienthalstraße in Berlin-Neukölln – abgesehen von geladenen Gästen aus Politik und von Verbänden – nur rund 30 Personen erschienen waren, die meisten davon Seniorinnen. Die Anteilnahme von jungen Menschen fiel hingegen sehr gering aus. Liegen 70 Jahre Kriegsende einfach zu weit zurück, um an Menschen zu denken, denen Schreckliches widerfahren ist? Oder müssen wir noch weitere 70 Jahre warten, bis endlich jeder Verstoß gegen Menschenrechte verfolgt wird – und nicht nur der, der gerade ins politische System passt? „Realität braucht Zeit“, sagte Markus Meckel, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. in seiner Rede während der Gedenkveranstaltung. Ich hoffe, dass wir in dieser Realität endlich ankommen werden. In einer Realität, in der wir allen Opfern gedenken. In einer Realität, die medial auf sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten aufmerksam macht, die sich nicht davor scheut, Kriegsverbrechen aufzuklären. In einer Realität, die nicht wegschaut, wenn Vergewaltigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder im Krieg eingesetzt wird. Wir schulden es den zahlreichen Opfern.

 

[Zur Autorin]

Juliane Henska 04JULIANE HENSKA studiert Geografie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach ihrem Bachelor-Abschluss möchte sie sich im Master auf Afrikawissenschaften spezialisieren, um danach in der Entwicklungszusammenarbeit tätig zu werden.

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