„Stille Nacht“ im Flüchtlingslager

Foto: © Sandy Naake für GfbV

Bei Pastor Hagop Shahinians Gottesdiensten wird Vielfalt gelebt. Syrer und Pakistaner, Araber und Kurden, Christen und Muslime treffen sich hier. Doch ungeachtet dieser Unterschiede verbindet sie das, wonach sie in Deutschland suchen.

von Emil Minar

Der Gang durch das „Tor zur Freiheit“ verlief 2015 weniger reibungslos als die Jahre zuvor. Zu viele Menschen mussten hindurch, zu sperrig die deutsche Bürokratie. Doch Friedland schafft das, irgendwie. So wie sie es hier immer geschafft haben.

Seit 70 Jahren dient das Grenzdurchgangslager Friedland für Schutzsuchende aus aller Welt als erste Anlaufstelle in Deutschland: 1956 kamen ungarische Flüchtlinge, ab Ende 1973 Chilenen, die vor der Pinochet-Diktatur flüchteten, 1978 die vietnamesischen „Boatpeople“, nur mit einer Decke bekleidet und ohne Schuhe. Ende 1984 suchten Tamilen aus Sri Lanka und in den 1990er Jahren vor allem Flüchtlinge aus dem Balkan hier Schutz. Die Briten hatten es nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Allein in den ersten drei Jahren durchliefen 1,3 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer die Einrichtung.

Insgesamt sind im Grenzdurchgangslager Friedland bisher mehr als vier Millionen Flüchtlinge untergekommen, momentan vor allem aus den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak sowie Afghanistan. Aufgrund seiner Geschichte und der Hoffnung, die die Menschen mit der Ankunft in Deutschland verbinden, wird die Einrichtung in Friedland auch als „Tor zur Freiheit“ bezeichnet. Momentan ist es stark überbelegt. Friedland ist eigentlich für 700 Personen konzipiert. Im September 2015 waren hier zwischen 3.500 und 4.000 Flüchtlinge untergebracht, jetzt sind es noch etwa 2.200.

Der syrisch–armenische Pastor Hagop Shahinian leitet jeden Mittwoch einen Gottesdienst im Andachtsraum des Lagers. Er selbst lebt seit 13 Jahren in Deutschland. Sehr gut besucht seien die Andachten derzeit. Nicht nur christliche Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak kämen hierher, sondern auch Muslime, betont er: „Mensch ist Mensch – das ist in Deutschland auch Gesetz.“ Zum Glück! Shahinian genießt es, hier Menschen zusammenzubringen und gemeinsam das zu leben, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge immer weiter zerstört wird: Vielfalt und Freiheit.

Der Andachtsraum ist weihnachtlich dekoriert, es wird gesungen. Die Melodie des Liedes klingt wohlbekannt, das einzig Überraschende: „Jingle Bells“ wird hier auf Arabisch gesungen. Daneben stimmt der Pastor auch traditionelle arabische Kirchenlieder an. Männer, Frauen und Kinder singen mit.

 

Nach einer kurzen Ansprache des Pastors meldet sich eine Frau zu Wort. Sie ist allein mit ihren beiden Söhnen aus Bagdad nach Deutschland gekommen. Ihr geht es schlecht, den ganzen Tag habe sie geweint, erzählt sie. Die überbelegte, unsaubere Unterkunft macht ihr zu schaffen. Als ehemalige Dolmetscherin für die Engländer und Amerikaner im Regierungsviertel der irakischen Hauptstadt war sie von Islamisten besonders bedroht und ist bereits einmal entführt und beinahe vergewaltigt worden. In Göttingen war sie auch schon in der Psychiatrie und hat Medikamente verschrieben bekommen. Durch ihren Job habe sie viel mit Christen zu tun gehabt. Dass sie selbst Muslimin ist, bedeutet für sie nicht im Geringsten, dass sie nicht in die Kirche gehen sollte.

Ihr sechsjähriger Sohn Ayman spricht schon stolz seine ersten Worte auf Deutsch. Er male gerne, erzählt er, allerdings wieder auf Arabisch. Polizist möchte er werden – die anderen Kirchenbesucher, der Pastor und er selbst lachen. Doch bei der Frage nach seinen Geschwistern wird sein kindlich-scheues Lächeln zu der versteinerten Miene eines traumatisierten Kindes. Seine Schwester sei im Irak gestorben, informiert uns die Mutter. Der Junge starrt leer in Richtung des Altars und unterdrückt seine Tränen.

Neben ihm sitzt Imsal, ein vierjähriges Mädchen aus Pakistan mit ihrer Mutter. Die beiden hatten das seltene Glück, ein Visum für die Reise nach Deutschland zu erhalten. Sie konnten mit dem Flugzeug reisen, anstatt über den gefährlichen und teuren Landweg, berichtet die Mutter. Sie ist Christin und seitdem ihr ehemaliger Mann zum Islam konvertiert war, bekam sie die ungleiche Behandlung der Religionsgemeinschaften und Geschlechter in ihrer Heimat persönlich zu spüren. Der Mann habe eigentlich kein Kind gewollt. Doch nun versuchte er, ihr die gemeinsame Tochter wegzunehmen, auch mit Gewalt. Sie entschloss sich, in ein Land zu fliehen, in dem Religionsfreiheit herrscht und sie mit ihrer Tochter in Sicherheit leben kann. Dass sie ein Visum erhielt, führt sie darauf zurück, bei einem Kinderhilfswerk gearbeitet zu haben, das auch Partnerorganisationen in den Niederlanden und Deutschland hat.

Eine Bank hinter ihr sitzen zwei Frauen aus dem Irak. Miski kommt aus Bagdad und ist chaldäische Christin. Im Juli hat sie den Irak verlassen, ein Jahr zuvor war bereits ihr Haus in dem christlich geprägten Stadtviertel Dora zerstört worden. Seitdem lebte sie mit ihrem Mann und sechs Kindern bei Familienangehörigen. Die Lage der Christen sei sehr schlecht, sagt sie. Man könne keine Kirchen besuchen, immer wieder gebe es Anschläge. Einen Angriff auf die Mar-Gewergis-Kirche hat sie sogar selbst erlebt. Nach der beschwerlichen Flucht über die Türkei, die Ägäis und die Balkanroute ist sie in Friedland nun in Sicherheit. Bis zu 7.000 Euro pro Person kostet die gefährliche Reise. Das konnte sich die Familie nicht für alle leisten. Deshalb ist Miski allein losgezogen, mit der Hoffnung ihre Familie nach zwei bis drei Monaten nachholen zu dürfen. Nun sind vier Monate vergangen und ein Ende des Wartens ist kaum in Sicht.

Frauen+KinderSingen_Andacht_Friedland

Während des Gottesdienstes von Pastor Hagop Shahinian werden Lieder, Geschichten und Hoffnungen miteinander geteilt. Foto: © Sandy Naake für GfbV

Ihre Banknachbarin Qisma ist ebenfalls Christin. Sie stammt aus Bashiqa, einer Stadt in der Ninive-Ebene östlich von Mosul im Nordirak. Die Stadt war wie viele andere in der Region größtenteils von Kurden – Yeziden und Shabak – bewohnt. Mittlerweile muss dieser Satz in der Vergangenheitsform geschrieben werden. Wer nicht getötet wurde, wurde vertrieben. Die Region ist heute zum großen Teil vom „Islamischen Staat“ kontrolliert. Als die Terroristen kamen, kennzeichneten sie die Häuser der christlichen Bewohner mit dem arabischen Buchstaben N  für „Nassara“, das bedeutet „Christen“. Die Frau hat noch eine Tochter in Dohuk ganz im Norden des Irak. Ihr Ehemann ist im Iran-Irak Krieg in den 1980er Jahren ums Leben gekommen. Auch sie ist allein geflüchtet.

Pastor Shahinian lobt das Lager in Friedland und allgemein Deutschland überschwänglich, doch das große Problem hier seien die langen Wartezeiten. Die Menschen brauchen ihre Papiere, um arbeiten zu dürfen, in die Schule gehen zu können, ihre Familien nachzuholen. Jeder Mensch wolle arbeiten und lernen, dies hätten sie auch in ihrer Heimat getan. Die Behörden brauchen einfach mehr Personal, um diese Prozesse zu beschleunigen. Er zeigt Bilder von seiner zerstörten Wohnung in Aleppo. Die Mieterin und ihr Sohn seien bei dem Raketenangriff umgekommen. Wessen Raketen es waren, weiß er nicht. Es zeige aber, dass es für die Menschen in Syrien keine Zukunft, keine Sicherheit gebe.

Auch das Haus des Familienvaters Bahzad ist vollständig zerstört worden. Es stand in Ashrafi im Gouvernement Aleppo im Nordwesten von Syrien, genau an der Feuergrenze zwischen Regimetruppen und verschiedenen islamistischen Gruppierungen. Er konnte mit seinen Kindern und seiner Frau bis nach Friedland flüchten. Lediglich seine 19-jährige, älteste Tochter sitzt noch mit ihrem Mann in der Türkei fest. Am Ende fehlte doch das Geld. Bahzad und seine Familie sind zwar Muslime, aber auch ihn hindert dies nicht daran, den Gottesdienst zu besuchen.

Pastor Hagop Shahinian mit GfbV-Nahostreferent Kamal Sido während der Andacht im Grenzdurchgangslager Friedland. © Sandy Naake für GfbV

Pastor Hagop Shahinian mit GfbV-Nahostreferent Kamal Sido während der Andacht im Grenzdurchgangslager Friedland. Foto: © Sandy Naake für GfbV

Vor Bahzad sitzt sein elfjähriger Sohn Youssef und der ebenfalls elfjährige Mohammed. Die beiden syrischen Jungen haben sich hier in Friedland kennengelernt. Tagsüber spielen sie mit gespendeten Sachen, beispielsweise mit einem Fußball. Außer ihnen sind in ihrer Unterkunft viele tschetschenische Kinder, mit denen sie sich nicht verständigen können, erzählen sie. Deutsche Kinder haben sie noch gar nicht kennengelernt. Wo auch?

„In Syrien war es schöner“, sagt Youssef. Er meint das Syrien ohne Krieg, ohne Bomben, ohne Todesangst. Und er kennt Deutschland bisher nur als ein fremdes Land, in dem er die anderen Kinder nicht versteht, nicht in die Schule gehen darf und in einer Massenunterkunft mit Fremden zusammenlebt. Natürlich ist die Heimat schöner. Hoffen wir, dass Deutschland schnell seine Heimat wird.

Zum Abschluss der Andacht singt die pakistanische Mutter ein Kirchenlied auf Panjabi. Man merkt, dass die ehemalige Mitarbeiterin eines christlichen Kinderhilfswerks nicht zum ersten Mal singt. Mit viel Gefühl bringt sie ein Stück ihrer Heimat und Identität in den Gottesdienst ein. Den Text versteht außer ihr und ihrer Tochter niemand, aber ergriffen sind wohl alle. „Mensch ist Mensch“, wie Pastor Shahinian sagt. Durch das „Tor“ Friedland schreiten diese Menschen hoffentlich in eine Zukunft in Freiheit.

Mehr zu Flüchtlingen in Friedland:

Kein (innerer) Frieden im Flüchtlingslager Friedland

Theaterprojekt “Heimat. Heimat?” im Grenzdurchgangslager Friedland

 

[Zum Autor]

EMIL MINAR besuchte mit GfbV-Mitarbeitern die Andacht des syrisch-armenischen Pastors Hagop Shahinian in Friedland im Dezember 2015 und unterhielt sich mit den anwesenden Flüchtlingen über ihre Vergangenheit und ihre Wünsche für die Zukunft.

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