Nubul: „Wenn jemand den syrischen Staat angreifen will, soll er die Kasernen angreifen“

Foto: Jacob Valerio via unsplash

Fast vier Jahre waren die schiitischen Enklaven Nubul und al-Zahraa in Nordsyrien von sunnitischen Anti-Assad-Rebellen eingekesselt. Jetzt konnten Assads Truppen die Belagerung der Ortschaften beenden. Doch wie lebt es sich in einem belagerten Dorf, wie konnten sich die Bewohner so lange verteidigen? In einem kleinen Dorf im kurdischen Kanton Afrin in Nordsyrien traf GfbV-Nahostreferent auf Fuad Mohammaed Muheddin, einem Angehörigen der schiitischen Minderheit aus Nubul, und sprach mit ihm über die Lage vor Ort und den Alltag in einer belagerten Ortschaft.

Kamal Sido: Herr Muheddin, Sie sind aus Nubul, einer schiitischen Enklave in Nordsyrien. Wie ist die Lage zurzeit vor Ort?

Fuad Mohammaed Muheddin: Die Lage in Nubul ist nicht gut, unsere Ortschaft  steht unter ständigem Beschuss der Belagerer, darunter leiden die Menschen sehr.

KS: Von welchen bewaffneten Gruppen wird Ihre Ortschaft angegriffen?

Muheddin: Meistens greift uns die al-Nusra-Front an, hin und wieder gab es aber auch Angriffe durch den „Islamischen Staat“ (IS) und von anderen Gruppen, die sich zur sogenannten Freien Syrische Armee bekennen. Aber nicht nur wir, sondern auch das benachbarte al-Zahraa wird belagert. Seit der Belagerung sind in den beiden schiitischen Orten 16.000 Geschosse eingeschlagen und die Verbindung zwischen unseren Dörfern ist oft unterbrochen.

KS: Wie viele Menschen sind von der Belagerung betroffen?

Muheddin: Allein in Nubul leben etwa 18.000 Menschen, in al-Zahraa sind es etwa 22.000 Menschen. Insgesamt reden wir also von etwa 40.000 Schiiten, die oft für Monate fast komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind. Nur im Norden haben wir sporadisch einen Zugang nach Afrin.

Im Frühjahr 2015 traf GfbV-Nahostreferent Kamal Sido auf den schiitischen Araber Fuad Mohammaed Muheddin (r.). In einem kleinen Garten in Nordsyrien sprachen sie über das Leben in der belagerten Ortschaft Nubul.

KamalSido+FuadMohammaedMuheddin

KS: Wer verteidigt die beiden Enklaven? Gibt es Einheiten des syrischen Regimes oder ausländischer Gruppierungen, die Nubul und al-Zahraa sichern?

Muheddin: Die Einwohner der Orte, vor allem junge Männer, verteidigen die Dörfer. Die jungen Männer haben sich bewaffnet, um die sunnitischen Gruppen fernzuhalten. Einheiten der Armee gibt es keine. Auch haben wir keine Einheiten von der Hezbollah aus dem Libanon oder Schiiten aus dem Irak in unseren Dörfern. Wenn Sie das nicht glauben, können wir gleich aufstehen und rüberfahren.

KS: Das heißt, ich kann jetzt gleich mit Ihnen zusammen die beiden Ortschaften besuchen?

Muheddin: Wir können gleich los fahren. Sie sind aber auch zu jeder anderen Zeit willkommen.

KS: Können Sie denn für meine Sicherheit garantieren, dass ich wieder raus komme?

Muheddin: Ja, ich versichere Ihnen, dass Sie wieder rauskommen, über den gleichen Grenzübergang. Von Afrin nach Nubul und von Nubul nach Afrin. Ich selbst fahre die Strecke fast jeden Tag, wenn es möglich ist. Ich komme dann früh nach Afrin, um meinen Viehhandel zu betreiben und abends fahre ich wieder nach Hause.

KS: Wenn ich jetzt mit Ihnen mitfahren würde, könnten mich dann Einheiten des Regimes festnehmen?

Muheddin: Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das Regime in den Ortschaften nicht existiert. Wie gesagt, dort sind nur Menschen, die ihre Ortschaften verteidigen. Also, Sie können gleich mit mir rüberfahren und überall nachschauen.

 KS: Wenn das Regime nicht vor Ort ist, von wem bekommen Nubul und al-Zahraa dann Unterstützung?

Muheddin: Unterstützung von außen ist selten und schwierig. Hin und wieder kaufen wir Lebensmittel hier in Afrin ein. Dazu gab es immer wieder Versuche, durch die Luftwaffe des Regimes unsere beiden Ortschaften zu versorgen, es wird aber immer schwieriger, weil die bewaffneten Gruppen über Flugabwehrraketen verfügen.

Die schiitischen Enklaven Nubul und al-Zahraa in Nordsyrien waren fast vier Jahre lang von sunnitischen Anti-Assad-Rebellen eingekesselt.

Karte_Syrien_Militäreinheiten

KS: Es kursieren Vorwürfe an die Kurden in Afrin, dass sie die Schiiten in Nubul und al-Zahraa mit Waffen und Munition versorgen.

Muheddin: Das sind nur Märchen von Gruppen, die uns nichts Gutes wollen. Die Menschen in Afrin brauchen selbst Munition und Waffen, um sich zu verteidigen. Von unseren schiitischen Ortschaften gehen auch keine Angriffe auf die Nachbardörfer aus. Immer wieder haben wir mit den sunnitischen Nachbardörfern Kontakt aufgenommen. Wir wollen nicht, dass wir uns gegenseitig bekämpfen. Wir wollen einfach nur eine gute und friedliche Nachbarschaft mit allen Nachbardörfern.

Wir sind sehr froh, dass die selbstverwaltete Region Afrin uns keine Schwierigkeiten bereitet. Wenn wir schwer erkrankte Menschen oder Verletzte haben, bringen wir sie ohne weiteres nach Afrin und lassen sie dort behandeln. Ich kann mich als Schiit in diesem Kurdengebiet ohne weiteres frei bewegen, keiner tut mir etwas. Niemand greift mich an, weil ich Araber und Schiit bin. Wir in Nubul wünschen uns, dass auch die anderen sunnitisch-arabischen Ortschaften uns gleichberechtigt behandeln würden.

KS: Was wünschen sich die Einwohner von Nubul von der internationalen Gemeinschaft?

Muheddin: Die Menschen in Nubul und al-Zahraa wünschen sich freien Zugang zu Lebensmitteln. Das gleiche wünschen wir uns auch für die von den Regierungstruppen belagerten Ortschaften. Mein Appell an die  internationale Gemeinschaft ist, dass die Zivilbevölkerung, egal welcher Ethnie oder religiöser Gemeinschaft sie angehört, vor militärischen Angriffen geschützt wird. Wenn jemand den syrischen Staat angreifen will, soll er die Kasernen angreifen und nicht die Zivilbevölkerung.

KS: Wie kann die Lösung der syrischen Krise aussehen?

Muheddin: Es kann und muss nur eine Lösung geben: eine politische und friedliche.

KS: Was glauben Sie wird den Schiiten und anderen Minderheiten passieren, wenn die Opposition militärisch siegt?

Muheddin: Bis jetzt haben die Minderheiten nichts Gutes von der bewaffneten Opposition erfahren. Im Falle eines „totalen Sieges“ befürchte ich das Schlimmste für die Minderheiten. Kurden, Schiiten und Christen werden schon jetzt geschlachtet. Ein Buch erkennt man bereits durch die Überschrift, sagen wir Araber dazu.

Das Interview wurde am 8. Februar 2015 im Dorf Basile (etwa 10 km von Nubul entfernt) bei Afrin, Nordsyrien, geführt.

 

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