Yezidin in IS-Gefangenschaft: „Wir waren nicht mal so viel Wert wie Tiere“

Nadia Murad Basee Taha während der Sitzung des UN-Sicherheitsrates zu Menschenhandel in Konflikgebieten. Foto: UN Photo/Rick Bajornas

Sie ist der Hölle entkommen: Nadia Murad Basee Taha ist eine von tausenden yezidischen Frauen, die der „Islamische Staat“ (IS) verschleppte, als er die Dörfer von Yeziden, Christen und anderen Nicht-Muslimen im August 2014 überrannte. Insgesamt wurden inoffiziellen Berichten zufolge 5.000 Yezidinnen im Alter zwischen 13 und 56 Jahren entführt. Das Schicksal, das sie erwartete, ist kaum zu beschreiben: Sie wurden geschlagen, getreten und brutal vergewaltigt. Immer wieder. Drei Monate erlitt auch Nadia Murad als Sexsklavin die IS-Gefangenschaft.

von Kathrin Weckesser

Nadia Murad ist 19 Jahre alt, als am 15. August 2014 Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ in ihr Heimatdorf Kocho im Nordirak einfallen. Es ist der Sommer, als der IS weite Regionen Syriens und des Irak erobert. Für die Yeziden wird es zum Überlebenskampf. Fast alle von ihnen fliehen aus Todesangst aus dem Sindschar, dem letzten mehrheitlich von Yeziden bewohnten Gebiet, denn der IS bezeichnet die religiöse Minderheit als Teufelsanbeter und verfolgt sie extrem. Tausende yezidische Männer, die dem IS in die Hände fallen, werden getötet, Frauen und Kinder entführt und versklavt. Auch sechs von Nadias Brüdern und Halbbrüdern überleben den Angriff der Radikalislamisten nicht: Als sie sich weigern, zum Islam zu konvertieren, werden sie vor Nadias Augen grausam hingerichtet. Doch Nadias Leidensweg ist damit nicht zu Ende: Sie muss ebenso mit ansehen, wie IS-Kämpfer ihre Mutter umbringen. Es ist ein Blutbad, was der IS in dem Dorf anrichtet: Innerhalb einer Stunde töten die Extremisten über 300 Männer (andere Quellen sprechen von 600) sowie ältere Frauen, die man nicht mehr versklaven kann. Die restlichen Frauen und Kinder nehmen die IS-Kämpfer gefangen und verschleppen sie mit Bussen nach Mossul. Nadia ist eine von ihnen. Sie erinnert sich noch genau, wie die Gefangenen bereits auf dem Weg nach Mossul gedemütigt, berührt und verletzt werden. Drei Tage hält der IS Nadia und die anderen Gefangene aus Kocho in Mossul fest, um sie anschließend unter den Kämpfern des IS als „Geschenke zu verteilen“. Einige Frauen sind so verzweifelt, dass sie sich selbst das Leben nehmen. Der Zeitschrift Time sagte Nadia: „Ich wollte mich nicht umbringen, aber ich wollte, dass sie mich töten.“

Nadia wird an einen Mann, der Frau und Tochter hat, als Sklavin gegeben und dort in einem einzelnen Zimmer eingesperrt. Seine Frau und seine Tochter sieht sie nie, ihren Peiniger und weitere Wächter dafür umso mehr. Bereits in der ersten Nacht wird sie geschlagen, muss sich ausziehen und wird in einen Raum mit den Wächtern gesteckt, die sich alle an ihr vergreifen, bis sie bewusstlos wird.  Immer wieder begehen die Männer Verbrechen an ihrem Körper bis sie ohnmächtig wird. Der UNO berichtet sie später, dass sie nach einem gescheiterten Fluchtversuch geschlagen und zur Bestrafung von sechs Kämpfern vergewaltigt wurde. Auch schildert sie, dass sie und andere junge Frauen dazu gezwungen wurden zu beten, bevor sich die Männer sexuell an ihnen vergriffen. So wollte ihr erster Peiniger, der Mann mit Frau und Kind, dass sie die Religion wechselt und Muslimin wird. Doch Nadia weigerte sich jedes Mal.

Seit ihrer erfolgreichen Flucht aus der IS-Gefangenschaft kämpft Nadia Murad dafür, dass die internationale Staatengemeinschaft die Gräueltaten an den Yeziden als Genozid anerkennt. So schilderte sie auch schon vor der UN die Verbrechen, die der IS am yezidischen Volk begeht.

Der Mann ist nur einer von Nadias Sklavenhalter. Wie viele der anderen jungen Frauen wird sie immer wieder als Sklavin weiter verkauft. „Wir waren nicht mal so viel Wert wie Tiere. Sie vergewaltigten Frauen in Gruppen. Sie taten was man sich nicht vorstellen kann.“ Im November 2014 gelingt ihr schließlich die erfolgreiche Flucht – nach drei Monaten der Folter und des Missbrauchs. Sie bahnt sich ihren Weg über ein Flüchtlingslager, um schlussendlich Asyl in Stuttgart zu suchen.

Heute kämpft Nadia  aktiv für die Anerkennung des Genozids an den Yeziden durch den „Islamischen Staat“, der – so Nadia -das yezidische Volk gezielt und organisiert zerstören will. Dafür reist sie um die ganze Welt. Sie hat Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi getroffen, sowie bei der UN in New York ihre Geschichte in einer eindrucksvollen Rede erzählt. Mitte Dezember 2015 schilderte sie vor dem UN-Sicherheitsrat die Verbrechen, die IS-Extremisten an Yeziden verüben: „Vergewaltigung wird benutzt, um die Frauen und Mädchen zu zerstören und um sicherzustellen, dass sie niemals wieder ein normales Leben führen können.“ Nadia traf auch Ende 2015 mit Griechenlands Präsident Prokopis Pavlopoulos zusammen: „Ich rufe Sie auf, meine Stimmer der Europäischen Union zu übermitteln, denn tausende Frauen und kleine Kinder werden weiterhin als Geiseln festgehalten“, sagte sie in Athen. „Wenn ich spreche, dann nicht nur in meinem Namen, sondern im Namen aller betroffenen Frauen und Kinder in der Kriegszone.“

Nadias unermüdlicher Einsatz verlangt Anerkennung. Das sehen auch irakische und norwegische Politiker so und nominierten sie am 05. Januar 2016 für den Friedensnobelpreis 2016. Nach einem Treffen mit Nadia reichte der norwegische Politiker Audun Lysbakken – nachdem die irakische Regierung ihre Unterstützung bereits zugesichert hatte – offiziell die Nominierung beim fünfköpfigen Nobelpreis-Komitee ein. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP erklärte Lysbakken: „Wir möchten einen Friedenspreis, der die Welt dazu aufrüttelt, gegen sexuelle Gewalt als Waffe im Krieg zu kämpfen.“

Mehr zum Thema:

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[Zur Autorin]

KATHRIN WECKESSER studiert Soziologie im Hauptfach und Politikwissenschaften im Nebenfach an der Universität Kassel. Seit Februar 2016 ist sie Praktikantin im GfbV-Nahostreferat und wird im Sommer ihr Studium mit einem B.A. abschließen.

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2 Gedanken zu “Yezidin in IS-Gefangenschaft: „Wir waren nicht mal so viel Wert wie Tiere“

  1. An Kathrin Weckesser: Hätte man den Text nicht wenigstens zur Korrektur lesen können, um peinliche Fehler zu vermeiden? Die Geschichte von Frau Taha hat doch wohl etwas mehr Respekt verdient.

    Verärgert, M. Starke

    • Sehr geehrte Frau Starke, der Text von Kathrin Weckesser wurde Korrektur gelesen. Falls uns dabei doch Fehler durchgerutscht sind, dann tut uns das wirklich leid. Welche „peinlichen Fehler“ haben Sie denn verärgert? Herzliche Grüße, Michaela vom GfbV-Team

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