Mapuche: Die Leidtragenden erneuerbarer Energien in Chile

Teresa Melín, Machi, spielt auf einer Cultrun, dem wichtigsten Mapuche-Instrument, während eines zeremoniellen Gebets. Foto: Tito Alejandro Alarcón Pradena via iStock

Wasser ist das Element des Lebens. Doch nun scheint genau dieses Element das Leben der indigenen Mapuche am Río Bueno in Chile zu bedrohen. Der norwegische Energielieferant Statkraft plant am Pilmaiken Fluss ein Wasserkraftwerk zu bauen, natürlich inklusive Staudamm. Die Mapuche müssen erneut um ihr Territorium und ihr kulturelles Erbe bangen.

von Luise Glöckner

Für die chilenische Regierung ist es wie schon so oft das gleiche Spiel. Ob Bergbau-Projekte wie Pascua Lama, der Anbau von Holz oder das Fördern von Scandium am See Lleu Lleu – überall lässt sich ein Gewinn erwirtschaften. Warum also nicht auf den Trend der erneuerbaren Energien aufspringen und mit dem Bau von Wasserkraftwerken so richtig Kohle machen? Umso besser, wenn man dabei noch die Handelsverbindungen nach Europa vertiefen kann. Der norwegisch-staatliche Energielieferant Statkraft soll nun in der Region der Flüsse, 35km entfernt vom Río Bueno, ein Wasserkraftwerk und einen Staudamm errichten. Dafür sollen 150 Hektar Land überflutet werden. Dass dieses Gebiet das Zuhause einer Williche-Mapuche-Gemeinde ist, scheint weder Chile noch Norwegen groß zu stören. Für die Mapuche bedeutet dies nicht einfach nur den Verlust von besiedeltem Gebiet. Für sie ist es gleichzeitig der Verlust ihrer Kultur und Spiritualität. Aber warum?

Die Mapuche sehen sich als das Volk der Erde und sind stark mit dem Gebiet, auf dem sie leben, verbunden. Wer die Erde verlässt, der verlässt sich selbst. Wenn diese Verbindung getrennt würde, hören die Mapuche auf zu existieren. Daher ist es verständlich, dass sie seit Generationen für die Rückerstattung ihrer angestammten Gebiete kämpfen. Doch im Falle der Williche Gemeinde geht es um mehr als das bloße Land. Durch den Bau des Staudammes würden sie auch ihre Zeremonienstelle Ngen Mapu Kintuante verlieren – ein Ort, aus dem sie spirituelle Kraft schöpfen und wo sie mit ihrem Schutzgeist Ngen Kintuante kommunizieren können. Dass die Mapuche diese Stätte nun verlieren sollen, kommt einem Ethnozid gleich.

Umso verständlicher, dass sich das Volk der Erde zur Wehr setzt. Seit 2009 organisiert die Gemeinschaft ihren Widerstand. Dabei wird sie nach außen hin primär durch Celestino Córdova und Millarey Huichalaf repräsentiert. Die beiden sind die Machis (Schamanen) der Mapuche-Gemeinschaft und verkörpern somit spirituelle, medizinische und religiöse Autorität. Machis werden von den höheren Geistern der Mapuche berufen und haben die Aufgabe zwischen der Welt der Lebenden und der der Geister zu vermitteln.

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Die Mapuche sind sehr verbunden mit ihrem Land: Wer die Erde verlässt, der verlässt sich selbst. Foto: Pablo Trincado via Flickr 

Doch der Widerstand der Mapuche bringt die Gemeinde und insbesondere ihre Machis in Gefahr. Seit 2009 werden sie von der Polizei grundlos beschuldigt, misshandelt, verfolgt und inhaftiert. Seit 2013 muss der Machi Celestino wegen angeblicher Brandstiftung mit Todesfolge eine 18 jährige Haftstrafe absitzen. Auch Millarey wird wie viele weitere Mapuche politisch verfolgt. Ein beliebtes Vorgehen der Polizei sind gewaltsame Razzien in Verbindung mit der Anklage des illegalen Waffenbesitzes oder des versuchten Mordes. Die polizeilichen Übergriffe sind fast immer gewaltsam. So wie bei Michelangelo. Der Peñi (Bruder) Antiqueo Michelangelo ist seit der Zwangsräumung seines Zuhauses durch die Polizei auf einem Auge blind. Dass die Polizei bei dieser Räumung keine offiziellen Papiere vorweisen wollte, hinderte sie nicht daran von ihren Schusswaffen Gebrauch zu machen und Tränengas zu werfen. Michelangelo hingegen wird nun wegen versuchten Mordes an einem Polizisten angeklagt. Gerechtigkeit sieht anders aus!

So zum Beispiel: „Die Eigentums- und Besitzrechte der betreffenden Völker an dem von ihnen von alters her besiedelten Land sind anzuerkennen. Außerdem sind in geeigneten Fällen Maßnahmen zu ergreifen, um das Recht der betreffenden Völker zur Nutzung von Land zu schützen, das nicht ausschließlich von ihnen besiedelt ist, zu dem sie aber im Hinblick auf ihre der Eigenversorgung dienenden und ihre traditionellen Tätigkeiten von alters her Zugang haben.“
Was klingt wie eine Forderung der Mapuche ist tatsächlich in Chile schon lange Gesetz. Es handelt sich hierbei um einen Auszug aus dem ILO-Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, welches sowohl Chile als auch Norwegen ratifiziert haben. Man muss kein Jurist sein um zu erkennen, dass mit den Staudammplänen die ILO und somit die Rechte der Mapuche deutlich verletzen werden.

Das sieht auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Markus Ganserer so. Die Fraktion der Grünen beantragte daher 2015 im Bundesrat die Ratifizierung des ILO-169-Übereinkommens durch Deutschland. Bis jetzt ohne Erfolg. Die Bundesregierung argumentiert, dass es in Deutschland keine indigenen Völker gebe, die Anerkennung der Rechte bestimmter Gruppen den deutschen Gesetzen entgegenstehe und deutsche Unternehmen durch die Ratifizierung von ILO 169 Nachteile erleiden könnten. Doch sind das wirklich ausschlaggebende Argumente wenn es um den Schutz von indigenen Menschenrechten geht? Jedes Land, das das Übereinkommen unterzeichnet, stärkt die Rechte der indigenen Völker weltweit und gibt ihnen somit eine bessere Überlebenschance.

Die chilenische Regierung hat jeglichen Berufungsantrag der Mapuche gegen den Bau des Staudammes abgelehnt. Nun wenden sich sie sich in ihrer letzten Hoffnung in einem Schreiben an den norwegischen Staat. Sie bitten darum, dass sich Norwegen nicht zum „Komplizen“ dieses Ethnozids macht, sondern zeigt, dass es verstanden hat, „dass die kollektiven, sozialen und kulturellen Rechte der indigenen Völker verteidigt werden müssen und über den ökonomischen Ansprüchen“ stehen. Noch bleibt eine Antwort der Regierung aus – und die Mapuche müssen weiter um ihre Zukunft bangen.

 

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[Zur Autorin]

LUISE GLÖCKNER studiert Politikwissenschaft und Amerikanistik in Regensburg. Im Sommer 2014 verbrachte sie im Rahmen des Projektes „ChileInside“ drei Monate in Chile, um die Kultur und Sprache des Landes  und seiner Bewohner kennenzulernen.

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2 Gedanken zu “Mapuche: Die Leidtragenden erneuerbarer Energien in Chile

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