Peru: Rückkehr einer Schreckensherrschaft für Indigene?

„Hunderttausende indigene Frauen und Männer ließ die peruanische Regierung in den Neunziger-Jahren zwangssterilisieren. Diese werden sich nie mehr an Nachwuchs erfreuen können.“ Foto: Knut-Erik Helle via Flickr

Während der zehnjährigen Präsidentschaft Alberto Fujimoris fielen mehr als 300.000 indigene Frauen und Männer Zwangssterilisierungen zum Opfer. Der dafür verantwortliche Ex-Diktator Fujimori sitzt mittlerweile in Haft. Seine Tochter Keiko aber kandidiert am 10. April mit guten Chancen für die Präsidentschaft. Sie leugnet die Schuld ihres Vaters an dem grauenhaften Genozid.


von Cian Hartung

Wir schreiben das Jahr 1997. Regierungsvertreter besuchen abgelegene Dörfer im Andengebiet und verteilen Lebensmittel, Obst und Medizin. Alles unentgeldlich. Die Leute von der Regierung sagen, sie seien zur Armuts- und Epidemienbekämpfung gekommen. Es gehe um den nationalen Gesundheitsplan und sie wollen die Frauen und Männer dazu bringen, sich im örtlichen Krankenzentrum untersuchen zu lassen. Alles nur für ihre Gesundheit, nur für ihr Bestes, sagen sie. Rute Zúñiga ist Angehörige der Quechua und lebt in einem dieser abgelegenen Dörfer in den Anden. Vorher hat sie noch nie Vertreter der Regierung gesehen und ist misstrauisch. Sie vertraut den Unbekannten aus der Hauptstadt nicht und geht nicht zur Untersuchung.

In den Folgetagen kommen Drohungen, man werde ihre Tochter aus dem Zivilregister streichen, wenn Rute sich nicht untersuchen lasse. Einige Zeit später klopfen dann Krankenschwestern an ihrer Haustür. Sie zerren Rute in den Krankenwagen, während ihre Tochter in der Tür steht und weint. Im Krankenwagen fesseln die Schwestern sie an Armen und Beinen und fahren sie anschließend ins Krankenzentrum. Dort wird sie nicht „untersucht“, wie es die Schwestern sagten, sondern sterilisiert. Für den Rest ihres Lebens wird sie von diesen Misshandlungen traumatisiert sein, welche von oberster politischer Ebene angeordnet wurden.

300.000 indigene Frauen und Männern in Peru, die zwischen 1996 und 2000 zum Opfer dieses systematischen Genozids wurden, teilen das Schicksal von Rute Zúñiga. Alberto Fujimori setzte damals die „Ley General de Población“ durch, ein Gesetz, was er der Öffentlichkeit gegenüber als Plan zur Reduzierung der Geburtenrate und der Armutsbekämpfung verkaufte. Hinter diesem Gesetz stand die systematische Ausrottung der armen Bevölkerung Perus, vor allem der Indigenen in den Andenregionen und im Amazonasbecken. Die Quechua, welche im Süden Perus leben, sind eine der Gemeinden, die bis heute besonders darunter leiden.

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Die Präsidentschaftskandidatin Keiko Fujimori leugnet die Schuld ihres Vaters am grauenhaften Genozid.

20 Jahre sind seitdem vergangen. Alberto Fujimori sitzt mittlerweile für verschiedene Verbrechen während seiner Amtszeit hinter Gittern. Seine Tochter Keiko dagegen stellt sich am 10. April zur Wahl als Präsidentin Perus und führt das Kandidatenfeld den Umfragen zufolge an. Seit dem Beginn ihrer politischen Karriere verteidigt Keiko Fujimori das Werk ihres Vaters. Sie bestreitet seine Schuld im Bezug auf den Genozid. Es habe lediglich Ärzte gegeben, die sich nicht an ihre Vorschriften gehalten hätten. Ihr Vater sei dabei weder involviert, noch informiert gewesen, so Keiko Fujimori. Eine staatliche Untersuchungskommission konnte dagegen aber beweisen, dass Alberto Fujimori über die monatlichen Fortschritte der Sterilisierungen informiert wurde. Seine Verantwortung für den Genozid konnte aber aus Mangel an Beweisen in einer langen Reihe von Prozessen nach seiner Präsidentschaft nicht nachgewiesen werden.

Die indigenen Gemeinden Perus stehen Keiko Fujimori skeptisch gegenüber. In den Vorhaben ihrer Partei „Fuerza Popular“ sehen sich die Indigenen nicht repräsentiert. Diese plant für den Ausbau des Bergbau-Sektors und der Ausweitung von Erdöl-Fördergebieten im Amazonas. Beide Wirtschaftszweige waren in der Vergangenheit regelmäßig Stoff für Konflikte zwischen Staat und indigener Bevölkerung. Zugegeben, Rohstoffe sind der Motor der peruanischen Wirtschaft, doch bei allem Gewinnstreben besteht noch immer die Möglichkeit und Notwendigkeit, respektvoll mit den Rechten und dem Lebensraum der Indigenen umzugehen.

Besser als Keiko hat sich da die Kandidatin Verónika Mendoza der Linkspartei „Frente Amplio“ positioniert. Mendoza plädiert für eine Diversifizierung des wirtschaftlichen Modells  – weg vom Bergbau und für die Rechte der indigenen Völker. Sie ist die Kandidatin mit dem größten Schwerpunkt auf Fragen der Indigenen Perus. Neben dem Kampf gegen den Klimawandel und einem verstärkten Umweltschutz möchte sie indigenen Gemeinschaften den Zugang zu National- und in Regionalkongressen ermöglichen. Kürzlich unterschrieb sie ein Abkommen zur Titulierung von 20.000 Hektar Land an Indigene im Amazonas-Gebiet. Im Falle eines Wahlsieges würde der Präsident der größten Vereinigung indigener Organisationen AIDESEP, Henderson Rengifo in ihrem Regierungskabinett Platz nehmen. Trotz aller Träumereien sollte man aber realistisch bleiben. Mendoza gehört mit ihren 11 % in den Umfragen eher zu den Verfolgern Fujimoris.

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Für die Demokratie, gegen Fujimori: Der Widerstand wächst.

Was eine Regierung Fujimoris für die Indigenen bedeuten würde ist schwer zu prognostizieren, jedenfalls nichts Gutes. Die Fujimoristen, so heißt es, wüssten, wie sie ihre politischen Interessen durchsetzen. Die Einhaltung der indigenen Rechte gehört wohl nicht dazu.

Viele Peruaner haben aber aus der Schreckensherrschaft Alberto Fujimoris gelernt und riefen daher die Anti-Keiko-Bewegung ins Leben. An den tausenden Menschen, die sich im März in Perus Großstädten zu sogenannten Anti-Keiko-Märschen zusammenfanden, wird deutlich, dass der Wiederstand gegen den Fujimorismus in Peru wächst. Für die letzte Woche vor der Wahl sind weitere Märsche geplant, wo es dann heißen wird: „No a Keiko!“

 

[Zum Autor]
CIAN HARTUNG studiert Romanistik in Würzburg. Seit Februar 2016 ist er Praktikant im GfbV Referat für indigene Völker und interessiert sich seit seinem ersten Besuch eines Völkerkundemuseums als Kind für indigene Kulturen. Mit großem Interesse blickt er auf die möglicherweise wegweisenden Präsidentschaftswahlen in Peru, die am 10. April stattfinden.

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