Australien: Hunger und Vertreibung bedrohen Aboriginal Australians im Northern Territory

Die Aboriginal Australians verlieren durch die Vertreibung ihre Kultur und Lebensgrundlage. Foto:
Marcus Bichel Lindegaard via Flickr

Es ist kaum zu glauben. Während sich überall sonst auf der Welt viele Menschen zum Osterbraten zusammenfanden, litten Angehörige der indigenen Gemeinde Utopia im australischen Northern Territory in diesem Frühjahr Hunger. Vor allem ältere Menschen sind dort auf Nahrungsmittelversorgung von verschiedenen Sozialprogrammen angewiesen und waren nicht versorgt worden. Sie wehren sich verzweifelt dagegen, ihre Heimat zu verlassen. Das aber wird von der Regierung angestrebt, die die besonders abgelegenen Siedlungen der Aboriginal Australians auflösen und in größeren Ortschaften konzentrieren möchte. Denn das ist ihrer Meinung nach wirtschaftlicher.

von Yvonne Bangert

Ende März 2016 erhielten die Bürgerrechtler der Concerned Australians einen verzweifelten Hilferuf.  Rosalie Kunoth-Monks, eine Älteste der Arrernte-Alyawarra und Sprecherin ihrer Gemeinschaft, schlug Alarm. Wieder einmal hatten mehrere besonders abgelegen lebende Mitglieder der Gemeinde Utopia, die auf Nahrungsmittelzuteilungen angewiesen sind, nichts zu essen. Die Gemeinde Utopia setzt sich aus 16 abgelegenen Außenposten zusammen und liegt etwa 260 Kilometer nordöstlich von Alice Springs. Rosalie lebt mit ihrer Tochter und etwa 150 Aboriginal People in einem dieser Posten. In ganz Utopia leben gut 1.200 Menschen. „Ein älterer Mann, der unter Parkinson im Endstadium leidet, musste erst nachdrücklich seine Nahrungslieferung einfordern und bekam dann zwei kleine Päckchen Hackfleisch von zweifelhafter Qualität und etwas Weißbrot“, berichtet Rosalie, „einige ältere Frauen aus seiner Nachbarschaft gingen vollkommen leer aus.“

Das Phänomen ist nicht neu. Kritiker betrachten die Vernachlässigung gerade der besonders entlegenen indigenen Siedlungen als Strategie, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat und zum Abzug in größere Siedlungszentren zu zwingen, in denen ihre Versorgung kostengünstiger möglich wäre. Doch für die eng mit ihrem Land verbundenen Aboriginal People bedeutet das den Verlust ihrer kulturellen und materiellen Existenzgrundlage.  Verlieren sie das Land, so verlieren sie auch Ihre Identität und damit den Sinn ihres Lebens. Nicht von ungefähr ist in größeren Siedlungen die Gefahr von Prostitution und Alkoholmissbrauch groß, wächst unter städtischen Aboriginals die Suizidrate und die Zahl von Inhaftierten rasch.

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Die Aboriginal People werden vom Staat nicht ausreichend unterstützt

Der für die Verteilung der Nahrungsmittel in Utopia zuständige Barkly Shire Council sieht das alles ganz anders. Dessen Präsidentin Barb Shaw schimpft, Rosalie Kunoth-Monks Klagen seien Hetze und Effekthascherei. Der Rat gibt ihr zufolge in Utopia 30 Lebensmittelpakete aus. Allerdings hängt die Häufigkeit dieser Lieferungen davon ab, wie abgelegen eine Gemeinschaft ist. Weit entfernt liegende Gemeinden werden nur einmal in der Woche versorgt. Und auch das geschieht offensichtlich nicht immer. Die Aboriginal People ihrerseits stellen seit 2007 einen stetigen Schwund der staatlichen Dienstleistungen in den abgelegenen Siedlungen fest und den wachsenden Druck, abzuwandern.

Dies sieht auch Amnesty International so. 2011 besuchte der Generalsekretär der Organisation Salil Shetty mehrere Außenposten von Utopia. „Alle Entscheidungsträger sollten hierher kommen und einigen Zeit bleiben, aber nicht um zu belehren, sondern um zuzuhören“, sagte er hinterher.

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Generalsekretär von Amnesty International Salil Shetty

Die Regierung in Canberra habe offenbar Probleme zu verstehen, dass für die abgeschieden lebenden Gemeinden das Land, ihr homeland, mehr ist als ein bloßer Gegenstand. „Sie haben alle ganz eindeutig zum Ausdruck gebracht“, so Shetty weiter, „dass sie die homelands nicht verlassen wollen …. alles hängt damit zusammen, dass das Land gleichbedeutend ist mit ihrer Kultur, ihrer Seele, ihren Ahnen. Man kann da nicht einfach eine rein wirtschaftliche  Sichtweise verfolgen, der zufolge es nicht effizient ist, diese weit verstreuten Gemeinden, die nicht wirtschaftlich arbeiten, mit Dienstleistungen zu versorgen und die Menschen deshalb in städtische Zentren umzusiedeln.“ „Mehr als 20 Jahre Forschung belegen“, sagt auch Claire Mallinson, Direktorin von Amnesty-Australien, „dass Aboriginal People, wenn sie auf ihrem angestammten Land leben, gesünder sind und länger leben. Die Lebensqualität ist für sie wesentlich höher, sofern sie eine Grundversorgung mit Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung, Wasser, Unterkunft bekommen. Sie haben das Recht, in ihrem angestammten Land zu leben.“

In dem 2011 veröffentlichten Bericht „The land holds us: Aboriginal peoples‘ rights to traditional homelands in the Northern Territory“ stellt  Amnesty fest,  dass die abgelegenen Gemeinden finanziell ausgehungert werden, um die Indigenen aus ihrem angestammten Land in 21 sogenannte Knotenpunkt-Siedlungen (Hub  Towns) zu zwingen. Zurzeit verteilen sich mehr als ein Drittel der Aboriginal-Bevölkerung des Northern Territory über 500 abgelegene Siedlungen.

 

[Zur Autorin]

YVONNE BANGERT ist seit mehr als 30 Jahren für die GfbV in Göttingen tätig, zunächst als Redakteurin der Zeitschrift “pogrom“ und der Internetseiten, seit 2005 als Referentin für indigene Völker.

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