„Als Roma-Frau kriege ich sowieso keinen Job“

Foto: rhythmuswege via pixabay [Symbolbild]

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe „Wenn Seelen zerbrechen“ (3/2013) der Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“.

Momentan verhandelt die Regierung über die letzten Details des neuen Prostitutionsgesetzes in Deutschland, das Anfang Juli vom Bundestag verabschiedet werden soll. Das Gesetz soll Prostitution stärker regulieren. Ein notwendiger Schritt, denn auch in Deutschland werden bisher viele Angehörige von Minderheiten, besonders auch Roma, zur Prostitution gezwungen. Für diese Roma-Frauen ist es besonders schwer, aus den Fängen der Menschenhändler zu entkommen. Die Organisation SOLWODI versucht zu helfen.

Dyamanta* war erst 18 Jahre alt, als sie zu SOLWODI kam. Ein Mädchen eigentlich, ein Kind. Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Zehn, zwölf Roma-Frauen hatte die Polizei aus einem Bordell in Süddeutschland geholt. Die Hoffnung bei so vielen Opfern: Eine Frau wird dabei sein, die den Mut aufbringt, gegen die Täter auszusagen. Die bezeugt, was ihr widerfahren ist und die zwingend nötige Opferaussage beisteuert, ohne die bisher kein Menschenhändler in Deutschland verurteilt werden kann.

Von den zwölf Frauen geht schließlich nur Dyamanta mit zur Polizei. Sie sitzt an einem Tisch, vor ihr die Fotos von Männern und Hintermännern, alles Roma. Sie schaut die Bilder an – doch ein Bild, das kann sie nicht einmal ansehen. Sie hat ein kleines Feuerzeug dabei. Das legt sie auf das Gesicht des Mannes, damit sie dessen Anblick nicht einmal auf dem Foto ertragen muss. Wirklich sagen kann – oder will – sie schließlich nichts.

Es wäre eine große Chance gewesen: Schon die ungarische Polizei war hinter den Menschenhändlern her, die auch Dyamanta in das Bordell in Süddeutschland gebracht hatten. Sie wussten sogar schon ganz genau, wer dahinter steckt: ein Clan, ein Dorf, unter der Kontrolle eines Clanchefs – doch dessen Festnahme gelang nie. Sobald die Polizei ins Dorf kam, funktionierte das System und der Gesuchte verschwand auf undurchsichtigen Wegen von Verwandtschaft und Clantreue. Das ganze Dorf schützte ihn. Als die Polizisten sein Haus erreichten, war er längst weg. Für Roma ist der Clan, die Familie alles – und das ist das Problem.

Armut, Perspektivlosigkeit, feste Clanstrukturen, aber auch der Glaube an die große Liebe treiben junge Roma-Frauen in die Fänge von Menschenhändlern. Oft genug gehören die Zuhälter auch zur direkten Verwandtschaft.

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„Auch wenn es aus vielen Gründen schwierig ist, Zwangsprostitution und Menschenhandel an ethnischen Gruppen festzumachen, so zeigt meine Erfahrung doch, dass das Frauenbild in der Kultur der Roma ganz bestimmte Voraussetzungen schafft“, sagt Renate Hofmann von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation SOLWODI (Solidarität mit Frauen in Not), die Dyamanta damals betreute. „Die Familienstrukturen bedeuten diesen Frauen alles und siegen am Ende über jedes Leid. Frauen haben einen ganz bestimmten Platz in der Roma-Gesellschaft und in den müssen sie sich fügen. Mir begegnen immer wieder junge Frauen, die rechtlich eigentlich erwachsen sind, aber vom Verhalten her noch Kinder, vollkommen unselbständig und ohne jedes Bewusstsein dafür, dass es auch ganz andere Möglichkeiten gibt, als Frau zu leben. Da haben wir keine Chance, ranzukommen.“

Nur ein Mensch schaffte es, Dyamanta während ihrer Zeit im Schutzhaus nahe zu kommen – ein sehr kleiner Mensch. Zu dem Baby einer Mitbewohnerin des Schutzhauses konnte die junge Roma-Frau Kontakt aufnehmen, sich öffnen. Allen anderen gegenüber blieb sie verschlossen, erzählt Renate Hofmann.

Diese Perspektive bestätigt auch Soni Unterreithmeier von SOLWODI Augsburg, wo 2013 etwa zwei Drittel der Klientinnen im Bereich Menschenhandel und Zwangsprostitution Roma-Hintergrund hatten. „Roma-Frauen scheinen in ihrem Sozialisationsprozess mit viel Gewalt zu tun gehabt zu haben“, berichtet Unterreithmeier. „Diese Frauen haben gelernt, ganz viel einzustecken, und finden Dinge normal, die für uns menschenunwürdig sind. Wir haben Frauen kennengelernt, die eindeutig Opfer von Menschenhandel waren, geschlagen wurden und viel Gewalt erlebt haben. Sie hatten kein Bewusstsein dafür, dass das so nicht in Ordnung war. Viele Roma-Frauen lernen von klein auf, dass sie geschlagen werden, wenn sie sich widersetzen. Dennoch glauben viele von ihnen an die große Liebe und nehmen die Täter so gut wie immer auch noch in Schutz.“

Auch wenn die Polizei bei Razzien Roma-Frauen, die illegal als Prostituierte arbeiten, aufgreift und ihnen Schutz anbietet, wenden sich wenige dieser Frauen von ihrem Clan ab und sagen gegen die Menschenhändler aus. Für Roma ist der Clan alles.

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Die Treue zur eigenen Familie ist generell der Schlüssel zum Verständnis der Roma-Frauen, betont auch der Rom Django Reinhardt, Sohn des bekannten Jazz-Musikers gleichen Namens und selbst erfolgreicher Musiker. 2009 gründete er in Koblenz ein eigenes Beratungsbüro für Sinti und Roma, um ihre Integration und gleichzeitig die Wahrung ihrer eigenen Kultur zu fördern. Das Büro arbeitet eng mit SOLWODI Koblenz zusammen. In aller Regel laufen alle Kontakte zu Roma-Frauen nur über dieses Büro.

„Wir sind selbst Roma und Sinti in der Beratungsstelle“, berichtet Django Reinhardt. „Deshalb vertrauen uns die Frauen. Sie glauben uns, wenn wir ihnen unser Ehrenwort geben, dass wir ihnen wirklich helfen und sie nicht an die Polizei oder zurück zu ihren Zuhältern bringen. Und sie glauben uns, weil wir zu ihnen gehören und sie zu uns.“ Das Gefühl der Zugehörigkeit ist der Schlüssel zum Ausstieg – aber es ebnet auch den Weg in den Einstieg. Denn oft genug kommen die Zuhälter und Menschenhändler aus der direkten Verwandtschaft. Und nicht immer stehen die Mütter hinter ihren Töchtern, sodass diese gezwungen sind zu tun, was man von ihnen verlangt. SOLWODI-Mitarbeiterin Soni Unterreithmeier etwa berichtet von einer Frau, die schon kurz nach dem Ehevollzug vom Schwiegervater auf den Straßenstrich in Rumänien, dann in Deutschland geschickt wurde. „Sie hatte großes Glück“, erzählt Unterreithmeier. „Denn als sie nach Rumänien zurückkam, beschloss die Familie aufgrund weiterer Bedrohungen, an einen unbekannten Ort umzuziehen, um die Tochter vor der Rache der Täter zu schützen. Das macht nicht jede Familie mit.“

In der gesamten Prostitution in Deutschland machen Frauen aus Rumänien inzwischen einen erheblichen Anteil aus – viele von ihnen sind Roma. Der Grund ist einfach: In Sachen wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit gehört Rumänien zu den Schlusslichtern in der EU, Arbeitsplätze sind rar. Ganz besonders rar sind sie für Roma-Frauen. Selbst wenn sie eine gute Schulbildung, ja sogar das Abitur geschafft haben, haben sie oft keine Chance. „Wenn jemand in Rumänien auf meine Bewerbung guckt und sieht, wo ich geboren bin, dann ist klar: Ich bin eine Roma-Frau. Dann habe ich auf den Job keine Chance mehr“, klagt eine Roma-Frau, die in Augsburg in die SOLWODI-Beratungsstelle gekommen ist. Ihre Freundin ergänzt: „Ich habe zwar Abitur gemacht, auch eine Tanzausbildung, ich könnte studieren, aber das bringt nichts. Als Roma-Frau kriege ich sowieso keinen Job.“

Dyamanta war nach ihrem Termin bei der Polizei nicht lange im Schutzhaus. Sie bat um ein Telefonat mit ihrer Mutter. Die Polizei warnte SOLWODI- Mitarbeiterin Renate Hofmann – es geschehe oft, dass Frauen, die wieder Kontakt mit der Familie aufnehmen, verschwinden. Denn selbst die Mütter sind dem Clan zutiefst verpflichtet und schreiben das Frauenbild selbst am aktivsten fort. Dyamanta durfte schließlich einmal mit ihrer Mutter telefonieren. Es war das eine Mal zu viel. Die Mutter stellte den Kontakt zu ihrem früheren Zuhälter wieder her. Dyamanta war immer noch ein bisschen verliebt in ihn. Wenige Tage nach dem Anruf wurde sie abgeholt. „Manche dieser Frauen verschwinden einfach“, klagt Hofmann. „Dyamanta hatte einfach keine Chance. Sie hatte keine gute Schulbildung, hat wenig gelernt, schon gar nicht, wie man alleine, selbstständig zurechtkommen kann. Als Frau.“ Renate Hofmann hat nie wieder etwas von Dyamanta gehört.

* Name von der Redaktion geändert

Die Hilfs- und Menschenrechtsorganisation SOLWODI (Solidarity with Women in Distress) wurde 1985 in Kenia und 1987 in Deutschland von der Ordensschwester Dr. Lea Ackermann gegründet. Die Mitarbeiterinnen bieten deutschlandweit in 15 Beratungsstellen und sieben Schutzwohnungen Hilfe und Unterstützung für Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution, Zwangsheirat und Gewalt. Mehr Informationen unter: www.solwodi.de

Mehr zum Thema:

Stellungnahme von SISTERS zur Anhörung zum Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Prostitutionsgewerbes sowie zu Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (pdf)

Im Prostituiertentreff La Strada

„Der Augsburger Weg“: Kriminalkommissar Helmut Sporer will Prostituierte besser vor Zwang und Ausbeutung schützen

Anhörung zum Thema Zwangsprostitution und Menschenhandel im Bundestag

 

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe „Wenn Seelen zerbrechen“ (3/2013) der Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“.

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