„Die Alten und Kranken sind Geiseln des Krieges im Osten der Ukraine“

Foto: omar alnahi via pexels [Symbolbild]

Der Trainer der ukrainischen Fußball-Nationalmannschaft, Michail Fomenko, betonte zum EM-Auftakt, dass seine Mannschaft eine besondere Verantwortung angesichts der Lage in der Ukraine habe: Die Spieler sollen den Menschen in der Heimat Freude bringen. Und diese Freude ist dringend notwendig, vor allem in Hinblick auf die Situation der älteren und kranken Menschen in der Ostukraine. Ksenia Ponomareva von der Organisation „Res. Publica“ versucht, genau diesen Menschen zu helfen.

von Sarah Reinke

„Es war regnerisch und dunkel. Erst fanden wir die Adresse, die mir der zuständige Arzt aufgeschrieben hatte, nicht. Ich saß im Auto. Auf dem Schoß das Paket mit Medikamenten, die ich zu der alten Frau bringen sollte. Da näherte sich uns ein Mann. ‚Ihr wollt zu meiner Babuschka, kommt mit!‘ Also stieg ich aus. Wir liefen durch das Tor auf den Hof. Die Babuschka saß an einem Tisch. Vor ihr lag eine Kalaschnikow. Schnell ließ der Mann die Waffe hinter der alten Frau verschwinden. Ich sprach sie an. Sie war sehr krank. Zum Glück hatten wir ihr die Medikamente gebracht. Doch die ganze Zeit zitterten mir die Knie. Der Mann hier kämpfte offensichtlich auf der russischen und nicht auf unserer, auf der ukrainischen Seite. Doch was soll man tun, es ist eben eine alte Frau, die Hilfe braucht“, das erzählt Ksenia Ponomareva, Leiterin der Organisation „Res. Publica“. Diese NGO hat sich zum Ziel gesetzt, jenen alten und kranken Menschen humanitär zu helfen, die in der so genannten „Anti-Terror Zone“ an der Frontlinie im Osten der Ukraine leben.

Oft sind es kleine Dörfer, in denen nur wenige Dutzend Menschen leben, wo Ksenia hinfährt. Die Menschen sind vom Krieg müde. Immernoch wird in einigen Gebieten ständig geschossen. Panzer wurden in den Vorgärten eingegraben, so dass die Bevölkerung oftmals selbst das nicht hat, was sonst immer half: die Kartoffeln, Möhren, Tomaten oder Gurken aus dem eigenen Garten. Und auf den Feldern liegen Minen. „Danke an die internationalen Hilfsorganisationen. Sie haben den Menschen so viel geholfen. Krankenhäuser, Wohnhäuser und Schulen wieder aufgebaut und viel humanitäre Hilfe gebracht. Doch sie gehen nicht so wie wir direkt zu den Menschen. Sie haben oftmals Verteilstationen. Wer also gesund und gut zu Fuß ist, der kann sich Hilfe holen. Doch alle die Bettlägerig sind, haben es schwer. Und für uns ist es schlimm zu sehen, wie zum Beispiel die Nahrungsmittel der internationalen Helfer dann in das von Russland kontrollierte Gebiet weiter verkauft werden. Da findet ein munterer Handel statt.“

Ein bewaffneter pro-Russland Separatist der selbsternannten Volksrepublik Donezk steht vor dem zerstörten Donezker Flughafen am 1. Juni 2016. Auch wenn der Krieg in der Ostukraine fast aus den deutschen Nachrichten verschwunden ist, gehen die Kämpfe dort unentwegt weiter. Foto: ALEKSEY FILIPPOV/AFP/Getty Images

Mit den Spenden, die der Förderverein für bedrohte Völker überwiesen hat, wird die nächste Reise in die Gebiete direkt an der Frontlinie geplant. Dieses Mal möchte Ksenia mit ihrer Helferin in eine Region fahren, wo sie noch nie war. Sie hat Kontakte mit Ärzten in der Region aufgenommen und auch mit den Bürgermeistern der kleinen Dörfer. Doch sie ist enttäuscht: Die Ärzte haben ihr Adressen von alten Menschen gegeben, die in größeren Siedlungen leben, wo es auch Apotheken gibt und Ärzte. „Wir fahren dorthin, wo wirklich sonst keine Hilfe ankommt. Daher müssen die Ärzte nochmals Auskunft geben. Ich fahre erst los, wenn ich genau weiß, wo unsere Hilfe am nötigsten gebraucht wird“, sagt die Mutter eines Sohnes, die in Kiew lebt.

„Alle freuen sich, dass wir aus Kiew zu ihnen kommen. ‚Die Ukraine hat uns nicht vergessen‘, sagen sie. Und wirklich, sie sind ja ukrainische Staatsbürger so wie wir auch. Daher bin ich auch manchmal enttäuscht, dass die Bevölkerung in Kiew oftmals nichts wissen will von den Menschen in diesen Gebieten. Doch die Region war schon vor 2014 vernachlässigt worden. Dort haben die Menschen in den Kohlegruben gearbeitet, sie haben Landwirtschaft betrieben sich aber oft abgehängt gefühlt von Kiew und der Westukraine. Dort war der Lebensstandard niedrig und die Abhängigkeit von den Oligarchen, denen die Gruben gehören, war und ist hoch. Da gibt es Städte, die völlig von einer Grube abhängen und damit von dem Mann, dem sie gehört. Der müsste doch etwas für die Bevölkerung tun. Das fordern wir jedenfalls immer wieder ein“, erklärt Ksenia.

Die Frauen, dich sich ehrenamtlich bei „Res. Publica“ engagieren, kaufen die Medikamente in Kiew, weil sie dort um ein Vielfaches günstiger sind. Mit dem Zug fahren sie dann an die Front. Dort kooperieren sie mit den Verbindungsoffizieren zur Zivilbevölkerung. Das muss zum Schutz der Helferinnen sein. „Wir haben ein gutes Verhältnis zu diesen Offizieren. Sie freuen sich, wenn wir kommen, weil sie das Elend in den Dörfern sehen. Oft haben sie Mitleid mit den alten Menschen und helfen gerne. Zum Beispiel haben wir bei der letzten Reise einen Generator gekauft, den haben dann die Soldaten angeschlossen. Ein ganzes Dorf kann seither mit Strom versorgt werden. Auch geben sie den Dorfbewohnern von ihrem Essen ab, wenn sie können. Im Winter sind nämlich etliche Menschen verhungert. Wir müssen jetzt vorsorgen, damit das nicht nochmals passiert.“

„Res.Publika“ bringt älteren Menschen in den umkämpften Gebieten im Osten der Ukraine Kleidung, Decken und medizinische Versorgung. Da es den meisten Rentnern körperlich nicht möglich ist, sich stundenlang in Schlangen für Essen oder Medikamente anzustellen, fehlt ihnen sogar das Nötigste zum Leben.

ResPublica-Lieferung-alteFRauen-Facebook

Doch die Organisation hat sich von der rein humanitären Hilfe weiter entwickelt. Denn die Frauen sehen, dass die Behörden vor Ort nicht gut funktionieren. Zu stark sind die Korruption und ein schlechtes Amtsverständnis. Etlichen Altenheimen haben Ksenia und ihre Helferinnen schon mehrere Besuche abgestattet und Gespräche mit der Leitung geführt. Sie fragen, wieviel des Budgets für Medikamente, wieviel für Pflege und Essen ausgegeben wird. Sie fragen nach der Qualität der medizinischen Betreuung. Sie wundern sich, wenn sie alten Menschen sehen, die apathisch vor sich hin dämmern. Auch Gespräche mit Bürgermeistern, Verwaltungschefs und anderen führen sie und fordern, dass diese sich ganz anders für die Bevölkerung einsetzen. Ein Erfolg ist die Gründung eines „Bürgerrates“ in Avdiivka. Res. Publika ist Mitglied des Rates geworden, der unter anderem die Arbeit der Behörden überwachen soll.

„Eines Tages wurden wir angerufen. Eine Leiche sei im Fluss gefunden worden, ob wir kommen könnten. Was blieb uns anderes übrig als hinzufahren? Es war der Leichnam einer Frau. Sie war offensichtlich gefesselt worden. Wer weiß welch grausames Schicksal sie ereilt hat. Wer wird jemals für diesen Mord und die vielen weiteren Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden?“, fragt Ksenia Ponomarev. Die Bevölkerung in den umkämpften Gebieten sei kriegsmüde. Doch sie hätte Angst vor dem Sommer. „Wir haben schon verstanden, im Sommer und im Winter wird Krieg geführt. Dann sind die Böden nämlich hart, im Sommer trocken und im Winter gefroren. Dann können die Panzer fahren. Immer, wenn ich Nachrichten oder Gerüchte über weitere Truppenverlegungen von Russland in unsere Gebiete hinein höre, mache ich mir so große Sorgen um die alten Menschen, die dort leben und einfach nicht weg können. Sie sind Geißeln eines Krieges, der ihnen brutal aufgezwungen wurde.“

Als Kenia zu unserem Treffen kommt, bringt sie einen Strauß mit Margeriten, Schwertlilien, zwei Pfingstrosen mit. Auf der Datscha, im Garten, dort wo jetzt gerade die Erdbeeren reifen – sie zeigt mir ein Foto vom Erdbeerbeet – dort findet die mutige Frau Ruhe und Trost. Auszeiten, die sie braucht, denn ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. „Ich muss wohl noch einige Zeit hinfahren und helfen – es ist schön, helfen zu können. Danke allen, die diese Hilfe möglich machen“, sagt Ksenia zum Abschied.

Das Gespräch mit der Vorsitzenden der Hilfsorganisation Res.Publica, Ksenia Ponomarev, führte Sarah Reinke, GUS-Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker, am 30. Mai 2016 in Kiew.

Unterstützen Sie die Arbeit der Organisation „Res. Publica“ von Ksenia Ponomareva. Ihre Spende kommt zu 100%.

Empfänger: Förderverein für bedrohte Völker

IBAN: DE 89 2001 0020 0007 4002 01

BIC: PBNKDEFF

Postbank Hamburg

Betreff: Senioren Ostukraine

 

Mehr Infos:

Unterstützung für ältere Menschen im Kriegsgebiet der Ostukraine

Geflüchtet, vernachlässigt, vergessen: Die Folgen des Krieges in der Ostukraine für alte Menschen

Solidarität und chaotische Verhältnisse – Russland und die ukrainischen Flüchtlinge

 

[Zur Autorin]

SARAH REINKE ist Leiterin des GfbV-Büros in Berlin und gleichzeitig Referentin für die GUS-Staaten. Sie verfügt über tiefgreifende Kenntnisse der Lage bedrängter Minderheiten in dieser Region, hält ständig Kontakt zu Betroffenen und gibt ihnen eine Stimme.

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