Indien: Eine Adivasi kämpft für die Rechte ihres Volkes

In der Stadt Bastar in Indien herrscht eine Atmosphäre aus Feindseligkeit, Misstrauen und Angst. Zudem sind Korruption und Gewalt weit verbreitet. Eine mutige Frau hat den Kampf gegen diese Missstände aufgenommen. Doch sie bezahlt dafür einen hohen Preis.

von Eleonora Micalizzi

Soni Sori kann nicht schweigen, wenn sie Ungerechtigkeiten oder Gräueltaten erkennt. Das erste Mal, als die heute 41-Jährige ihre Stimme erhob, war 2009. Damals prangerte sie die Unterdrückung der indigenen Adivasi[1] durch den indischen Staat und den Missbrauch staatlicher Macht an. Seitdem berichtet die Politikerin und Aktivistin ununterbrochen über Polizeigewalt gegenüber den Adivasi. Ihr couragierter Einsatz ist nicht ungefährlich: Von Oktober 2011 bis April 2013 war sie inhaftiert, weil sie fälschlicherweise beschuldigt wurde, Mitglied der maoistischen Naxaliten-Bewegung zu sein – eine Bewegung, die immer wieder durch terroristische Anschläge die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Zeit im Gefängnis war die Hölle für Soni Sori: Auf bestialische Art und Weise wurde sie gefoltert. Polizisten verletzten sie mit Elektroschocks im Intimbereich, führten Steine in ihre Gebärmutter ein. Erst nachdem sich viele Menschen in Petitionen für sie einsetzten, kam sie aus medizinischen Gründen aus dem Gefängnis frei und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist ein Wunder, dass sie diese Tortur überlebte.

Es ist auch ein Wunder, dass diese unmenschliche Zeit die ehemalige Lehrerin aus dem Dantewadi-Distrikt im Bundesstaat Chattisgarh nicht unterkriegen konnte. Ganz im Gegenteil: Nachdem sie diese Ungerechtigkeit im Gefängnis gesehen und selbst erlebt hatte, wurde ihr Kampf noch aktiver und bestimmter. Öffentlich wendete sie sich gegen den Polizeichef von Chattisgarh Shivram Kalluri, den sie für Gräueltaten gegen Dorfbewohner und Adivasi verantwortlich macht. Nachdem sie ihn im 20. Februar 2016 sogar deswegen anzeigte, wurde sie mit Säure angegriffen. (Sabrang) Elf Tage Krankenhausaufenthalt folgten. Seit der Attacke lebt sie in ständiger Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder.

Ihr Kampf gegen Ungerechtigkeit hat die Aktivistin bereits fast alles gekostet: Nachdem ihr Ehemann selbst drei Jahre im Gefängnis verbringen musste, weil er – wie seine Frau  – angeblich ein Mitglied der Naxaliten gewesen sein soll, wurde er von allen Anklagepunkten frei gesprochen. Doch noch im Gefängnis erlitt er einen Lähmungsanfall, an dessen Folgen er kurz nach seiner Freilassung starb, während Sori noch inhaftiert war. Freunde der Familie und auch Soni Sori vermuten, dass die Lähmung als Folge von Misshandlungen während seiner Inhaftierung auftrat. (Newsclick) Auch ihre Mutter verstarb während ihrer Zeit im Gefängnis. Ihre drei Kinder mussten Jahre ohne ihre Eltern leben und sie verlor ihren Job als Lehrerin.

Trotz der Gewalt, die sie immer wieder ertragen muss, tritt sie weiter für die Rechte der Adivasi ein und wendet sich gegen Polizeigewalt. Soni Sori ist entschlossen, weiter zu kämpfen und sagte, dass ihre Gegner „sie nicht zum Schweigen bringen können“. (Rediff)

[1] Die Adivasi (Hindi: erste Menschen) sind Nachfahren der ersten Bewohner Indiens. Auch wenn der Begriff den Eindruck erweckt, sind die Adivasi keine einheitliche Gruppe. Es gibt geschätzt über 250 eigenständige Sprachen innerhalb der Adivasi, auch die soziale und politische Organisation unterscheidet sich. Gemeinsam haben die Gruppen allerdings, dass sie oft als minderwertig betrachtet und diskriminiert werden, obwohl die indische Verfassung ihnen besondere Rechte gewährt.

Übersetzt aus dem Englischen von Benjamin Dietrich

[Zur Autorin]

ELEONORA MICALIZZI studierte während ihres Bachelors an der Universitá degli Studi di Milano und dem University College London. Anschließend legte sie den Schwerpunkt ihres Masterstudiums in European and International Studies an der University of Trento und der University of Luxembourg auf den Schutz von Menschenrechten. Zur Vertiefung ihrer theoretischen Kenntnisse absolvierte sie ein Praktikum im Asienreferat der Gesellschaft für bedrohte Völker.

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