#‎янебоюсьсказать: Ein #Aufschrei geht durchs russischsprachige Internet

Foto: pixabay.com

Tabus werden gebrochen, die Gesellschaften herausgefordert: Frauen aus allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion schreiben in den Sozialen Medien über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt. Das Ausmaß ist entsetzlich groß. Durch die Veröffentlichungen entsteht erstmals ein Raum des Verständnisses und der Unterstützung der Frauen untereinander.

von Sarah Reinke

„Ich wurde als Mädchen geboren. Das alleine ist eine Provokation“, schreibt die dagestanische Journalistin Svetlana Anochina am 7. Juli. (daptar.ru) „Ein Mädchen kann nur leben, eine Straße entlang gehen, sich kleiden wie es möchte, wenn neben ihm ständig ein riesiger Hund her läuft“ und es beschützt, heißt es weiter. Die Journalistin ist eine von vielen Frauen, deren Post gerade die russischsprachige Social Media-Welt auf den Kopf stellt. Denn seit dem 5. Juli 2016 hat sich ein großer Chor von Frauenstimmen im Internet unter dem Hashtag #‎янебоюсьсказать‬ (deutsch: Ich habe keine Angst, es zu sagen) versammelt. (Facebook) An diesem Tag hatte die ukrainische Journalistin Anastasia Melnichenko die Geschichte ihrer Vergewaltigung öffentlich gemacht und andere Frauen aufgefordert, es ihr gleich zu tun. (dekoder) Dieser Aufforderung kamen seitdem Tausende Frauen und Mädchen aus der Ukraine, Russland, Kasachstan, Weißrussland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach. So setzt sich wie in einem Mosaik ein Bild eines Alltags zusammen: Es kann jedes Mädchen, jede Frau treffen, denn sie wurden in eine Gesellschaft hinein geboren, in der körperliche, seelische und strukturelle Gewalt ein zentrales Ordnungsprinzip ist. Die Täter werden nicht verfolgt. Unterstützung, ja auch nur Verständnis oder Mitgefühl gibt es nicht. Die Schuld für solche Übergriffe wird immer den Frauen zugeschoben: „Nicht anständig angezogen gewesen, nicht in die richtige Schule gegangen, nicht mit dem richtigen Zug gefahren, nicht im richtigen Haus gewohnt und sich nicht die richtige Verwandtschaft ausgesucht“, fasst eine Frau die Situation ironisch zusammen.

Die ukrainische Journalistin Anastasia Melnichenko gab den Anstoß zur Online-Kampagne, als sie ihre Vergewaltigung auf Facebook öffentlich machte.

Post_Nastya-Melnychenko_Facebook

Foto: Screenshot von Melnichenkos Facebook-Beitrag. (Facebook)

Sich an der Hashtag-Kampagne zu beteiligen kann für manche Frauen weitreichende Konsequenzen haben: Je nach Region, Religions- und Volkszugehörigkeit werden Mädchen und Frauen unterschiedlich behandelt. So riefen Feministinnen auch Frauen im Nordkaukasus dazu auf, bei der Aktion mitzumachen, doch die Reaktionen der Angesprochenen waren zuerst äußert zögerlich. Das Schweigen der Frauen aus dem Nordkaukasus sei sehr laut, schreibt dazu eine Autorin: „Ich denke, die Frauen aus dem Nordkaukasus schweigen, weil sie Angst haben. Sie schweigen, weil die Folgen des Sprechens sehr, sehr ernst, ja gefährlich sein können. Die Männer können sie rauswerfen, niemand wird sie oder ihre Schwestern heiraten, sie wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt, entlassen, sie kann sogar ermordet werden.“ (kavkaz-uzel.eu) Ich weiß sicher, dass sie nicht schweigen, weil es nichts zu sagen gibt. Im Gegenteil, oft saß ich in der Küche oder im Büro und hörte zu wie sie erzählten, wie sie von ihren Männern geschlagen, in Ehen gezwungen, wie sie getreten, von Nachbarn, von einem Verwandten, von ihrem Vorgesetzten vergewaltigt wurden. Am Ende lachten die Täter sogar und warnten die Frauen: Wenn sie über die Tat sprechen, würden die Männer einfach behaupten, dass die Frauen vor der Tat keine Jungfrau mehr waren. In einer Gesellschaft, in der die Ehre der Frau, ja der gesamten Familie, an der Jungfräulichkeit der unverheirateten weiblichen Familienmitglieder hängt, hätte so eine Behauptung fatale Konsequenzen für die Betroffenen.

„Er ist ein außergewöhnlicher Mann, denn er hat seine Frau, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurde, nicht verstoßen“, erklärte mir 2001 eine Freundin, die schon länger zum Krieg in Tschetschenien arbeitete als ich damals, die Situation eines Ehepaars. Solche Geschichten tauchen immer wieder auf, auch in der aktuellen Diskussion, die durch den Hashtag initiiert wurde. So schreibt ein Mann aus dem Nordkaukasus: „Meine Frau wurde vergewaltigt. Sie bat mich, sie nicht zu verstoßen. Das bringe Schande über ihre Familie. Ich hatte Mitleid mit ihr. Sie durfte noch zwei Monate bei mir leben. Dann ließen wir uns scheiden. Sie heiratete erneut und bekam Kinder. Ich habe damals ihre Ehre und die ihrer Familie gerettet.“

Das Ausmaß an sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen schockiert. „Als ich fünf Jahre alt war, fuhren wir mit dem Zug zu Verwandten, nachts spürte ich die Finger meines Onkels zwischen den Beinen. Als ich meiner Mutter das erzählte, glaubte sie mir nicht. ‚Das hast du dir nur eingebildet.‘ Als ich elf Jahre alt war, drückte mich ein Nachbar im Treppenhaus an die Wand und vergewaltigte mich. ‚Du wolltest es doch auch, du hast mich provoziert‘, sagte er. Als ich 12 Jahre alt war, vergewaltigte mich ein Schulfreund nach einer Party.“ Diese Frau, nennen wir sie Anna, dokumentierte ihre Vergewaltigungen und Erlebnisse von sexueller Gewalt bis sie 53 Jahre alt war, selbst schon Enkelinnen hat. Sie schreibt: „Dann war der Tag, an dem meine Freundin Rita mit mir sprach. Sie war vergewaltigt worden. Da habe ich verstanden, dass unsere Körper immer verfügbar sind (…).“

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Schlussendlich überkam Anna das ohnmächtige Gefühl der Hilflosigkeit, wie es so viele Frauen, die geschlechterspezifische Gewalt erleben mussten, leider kennen. Die neueste Hashtag-Kampagne versucht, genaue diese Gefühle der Frauen aufzufangen, ihnen eine Gemeinschaft zu bieten; ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass das alles nicht ihre Schuld, sondern die der Täter ist. Sie möchte den Frauen eine Plattform bieten, endlich gehört zu werden.

„Zu reden ist sehr schwer, aber zu schweigen ist noch schwerer“, schreibt Matanat Azinova, die frühere Leiterin des Krisenzentrums für Frauen in Aserbaidschan. „Schweigt nicht, habt keine Angst, sprecht darüber. Vielleicht kann man so die Gewalt stoppen. Vielleicht erfährt der Vergewaltiger dadurch, was er unserem Leben angetan hat“, erklärt sie weiter. Die Opfer fänden nicht einmal in ihrem nächsten Umfeld Verständnis oder Hilfe, klagt sie. Die Täter fühlen sich durch die fehlende Strafverfolgung ermuntert, fürchten Frauenrechtlerinnen.

Diese Atmosphäre ständiger Angst und die Gewissheit, dass von niemandem Hilfe zu erwarten war, begleiteten auch mich in meinem Studium in Russland in den 1990er Jahren. Sie schien mir damals ein fester und unhinterfragter Bestandteil des Alltags zu sein. Meine Gastmutter erklärte mir beispielsweise den berühmtesten Spruch über Ehen in Russland: „Wenn er dich nicht schlägt, liebt er dich nicht.“ 20 Jahre später ist dieser Spruch vielleicht nicht mehr in aller Munde, aber die Mentalität hat sich wenig verändert. Diese Kampagne sei eine Diagnose der Gesellschaft, schreibt die bekannte Psychologin Ljudmila Petranovskaja: (forbes.ru) Über 14.000 Frauen in Russland werden jährlich ermordet, das bedeutet, alle vierzig Minuten verliert eine Frau ihr Leben – und das sind die offiziellen Zahlen. Die meisten (so wie weltweit auch) werden von ihren engsten Partnern getötet. (Zum Vergleich: 2011 wurden in Deutschland 313 Frauen ermordet, davon etwa die Hälfte von Freuden, ehemaligen Partnern, Ehemännern etc.)

All diese beschriebenen Erfahrungen zeigen, wie notwendig diese Hashtag-Kampagne ist; auch der Zuspruch und die Posts von vielen Frauen beweisen das ganz deutlich. (spektr.press) Selbst wenn es nicht leicht ist, die Berichte zu lesen. Die Frauen scheinen einer Männerwelt ausgeliefert zu sein, der es darum geht, die eigene vermeintliche körperliche und gesellschaftliche Überlegenheit durch sexuelle Gewalt immer wieder zu bestätigen. (Radio Free Europe) In Analysen findet man die These, dass gerade das propagierte Männerbild nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Russland zu dieser weit verbreiteten Gewalt beiträgt. (The Guardian) Ein Männerbild, was auch mit der Regierung von Präsident Putin und der Person des Präsidenten, bzw. wie diese präsentiert wird, verbunden ist. Man denke an die bekannten Fotos von Putin mit nacktem Oberkörper hoch zu Ross, an Putin als Judoka, im Cockpit von Kampfjets, als Schwimmer etc. Seit Jahren wird die russische Gesellschaft militarisiert, in Jugendcamps werden Kämpfe geprobt, Sensibilität ist Schwäche, es gibt kaum Angebote alternativer Vorbilder. Was aus Westeuropa kommt, wird offiziell als verweichlicht unter dem Schlagwort „Gayropa“ verpönt. Natürlich sind das Tendenzen und natürlich kennen auch Mädchen und Frauen in Westeuropa oder den USA Angst vor Vergewaltigung in vielen Situationen. #Aufschrei, #YesAllWomen und andere Online-Kampagnen beweisen, dass auch in anderen Ländern Sexismus, patriarchale Strukturen und Angst das Leben von Frauen bestimmen. Nicht zuletzt hat es Deutschland erst diesen Monat geschafft, das „Nein-heißt-nein“-Gesetz zu verabschieden, das von Frauenrechtlerinnen seit Jahrzehnten gefordert wurde.

Eine Aktivistin demonstriert vor dem deutschen Bundestag für die Verabschiedung des „nein-heißt-Nein“-Gesetzes in Deutschland. Frauenrechtlerinnen hatten jahrelang Lobbyarbeit für ein neues Gesetz betrieben.

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Foto: Getty Images News/ Adam Berry

Wie es mit dem Hashtag weitergehen wird, muss sich zeigen. Fest steht, dass sich seit dem 5. Juli Frauengruppen gebildet haben, Angebote entstehen: So können sich Frauen in einem Theater treffen, wenn sie wollen, werden ihre Geschichten sogar gespielt, ein Notrufbutton soll eingerichet werden, um Hilfe zu holen. Die Frauen tauschen sich über Initiativen in anderen Ländern aus, wie zum Beispiel die „HarassMap“ in Ägypten, die sexuelle Gewalt in Ägypten bekämpft. Andere Frauen finden den Mut aufzuschreiben, was ihnen passiert ist. So ist dieser Hashtag schon jetzt ein Erfolg, eine Selbstermächtigung der Frauen. Sie nehmen ihre Geschichte und damit auch ihr Leben in die Hand. Und er ist eine große Herausforderung für die Gesellschaften, in denen die Frauen leben. Wie werden sie mit der Erkenntnis umgehen, dass so vielen Frauen Gewalt angetan wurde und wird? Die Reaktionen der männlichen Leser fallen sehr unterschiedlich aus. Auf der einen Seite der Schock über die vielen Tausend Schicksale, über den Grad der Gewalt und die Masse an Vergewaltigungen, auf der anderen Seite Spott und Zynismus. Wenigstens ist dieses Mal der Inhalt der Berichte die Provokation und nicht allein die Tatsache, dass man als Mädchen geboren wurde.

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[Zur Autorin]

SARAH REINKE ist Leiterin des GfbV-Büros in Berlin und gleichzeitig Referentin für die GUS-Staaten. Sie verfügt über tiefgreifende Kenntnisse der Lage bedrängter Minderheiten in dieser Region, hält ständig Kontakt zu Betroffenen und gibt ihnen eine Stimme.

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