Peru: Aufschwung mit zwei Gesichtern

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Wirtschaftsaufschwung für die kommende Generation – das ist das Ziel der peruanischen Regierung. Mithilfe von Investoren möchte der Staat 17 Megaprojekte bis zum Jahr 2021 finanzieren. Der Ausbau von Straßen, Minen und Wasserkraftwerken soll die Wirtschaft ankurbeln. Dabei werden allerdings meist indigene Gebiete und deren Schutz nicht berücksichtigt.

von Deborah Düring

„Der Wandel beginnt. Der Traum der kommenden Generation“: Was klingt wie ein Werbespruch für eine revolutionäre neue technische Erfindung ist vielmehr der Slogan für die angestrebte Entwicklung unter der neuen peruanischen Regierung. Denn die möchte das Land mit Großbauprojekten in die Zukunft führen. Um ihre Vision umzusetzen, verliert die Regierung, die erst im Frühjahr diesen Jahres gewählt wurde, keine Zeit: Der Präsident, Pedro Pablo Kuczynsky, legte vor ein paar Wochen eine Liste mit geplanten Großbauprojekten vor, welche bis 2021 umgesetzt werden sollen. (telesurtv.net in Spanisch) 17 Megaprojekte im Wert von 78,15 Milliarden US-Dollar stehen auf dieser Liste; Investitionen unter 500 Millionen US-Dollar sind dabei nicht einmal berücksichtigt, obwohl sie ebenfalls in großem Maße existieren. Ziel ist es, die Wirtschaft im Land anzukurbeln und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Der peruanische Staat finanziert dabei sechs der Investitionen, die restlichen teilen sich private Investoren, vorrangig Unternehmen aus China, Kanada und Europa, untereinander auf. Bei den Investitionsobjekten handelt es sich unter anderem um Projekte zum Aufbau der Infrastruktur, wie beispielsweise Straßenbauprojekte durch die Gebirgsketten oder der Ausbau des Zugverkehrs und der Straßenbahnlinien in und um die Hauptstadt Lima. Auch der Neubau von zwei Flughäfen in Cusco und Oxapampa soll die Wirtschaft des Landes in Schwung bringen. Darüber hinaus stehen der Ausbau der Trinkwasserversorgung im ganzen Land sowie die Renovierung öffentlicher Schulen auf dem Programm. Zudem stellt die Regierung 15 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, um das Bildungsniveau im Land zu verbessern. Für den gleichen Preis sollen im Laufe der nächsten Jahre auch neue Konzessionen für Wasserkraftwerke verteilt und in deren Ausbau investiert werden.

Im ersten Moment hört sich die Zukunft Perus vielversprechend an. Gerade Projekte wie der Ausbau des öffentlichen Schulnetzes und die Verbesserung der Trinkwasserversorgung scheinen Schritte in die richtige Richtung zu sein. Doch bei Auflistungen wie Umstrukturierung der Bergbauindustrie, Neubau von Straßen und Lizenzierung von Wasserkraftwerken sollte aufgehorcht werden. Denn den eigentlichen Preis für das wirtschaftspolitische Konzept der Regierung zahlen die Indigenen: Ihre Gebiete werden ohne ihre Genehmigung bebaut: Von den 21 Prozent des Landes, die für Bergbauprojekte vorgesehen sind, gehört die Hälfte den indigenen Gemeinschaften. Zudem sind 75 Prozent des peruanischen Amazonas, einem Hauptsiedlungsgebiet vieler Indigener, für Öl- und Gasgewinnung an Unternehmen vergeben. Die Regierung übergeht damit die Landrechte der Indigenen in Peru, obwohl diese seit der Ratifizierung der ILO-Konvention 169 im Jahr 1994 verfassungsmäßig garantiert sind.

Viele indigene Gemeinden in Peru leben traditionell von natürlichen Ressourcen, die ihnen seit Jahrhunderten zur Verfügung stehen. Durch die geplanten wirtschaftlichen Investitionen der peruanischen Regierung ist jedoch die Umwelt und somit das Überleben der indigenen Gemeinschaften gefährdet.

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Es ist daher nicht verwunderlich, dass die meisten Projekte nur unter Widerstand der lokalen Bevölkerung entstehen. Denn Wirtschaftsaufschwung auf Kosten der Bevölkerung, vor allem auf Kosten der Indigenen, ist in vielen Ländern keine Seltenheit. Peru bildet da keine Ausnahme.

Ein Beispiel dafür ist der Staudamm San Gaban III im Norden des Landes, der im Tal des Flusses Inambari in den peruanischen Anden entsteht. Gemeinsam mit seinen „Geschwistern“ San Gaban I und II, die auch in diesem Anden-Tal am Fluss gebaut wurden, bildet er nach seiner Fertigstellung den fünftgrößten Staudamm Lateinamerikas. Die Konzession für die nächsten 30 Jahre erhielt das chinesische Unternehmen „Three Gorges“ und der portugiesische Investor „Energias de Portugal“. Die Bevölkerung in der Region protestiert seit Jahren gegen das Projekt, denn die Staudämme zerstören das artenreiche Land und nehmen vielen Bewohnern die Lebensgrundlage. Doch trotz ihres heftigen Widerstandes soll der dritte Staudamm bis Ende 2017 fertig gestellt sein.

Die Anwohner am Inambari-Fluss sind nicht die Einzigen, die sich gegen Megaprojekte in ihrer Region engagieren. Proteste gibt es auch seit einigen Jahren bezüglich verschiedener Bergbauprojekte. Eins davon ist in Cotabambas. Die dort bereits existierende Mine „Bambas“ hat es auch auf die Liste der Regierung geschafft, gemeinsam mit neun weiteren Bergbauinvestitionen. „Bambas“, welche für den Abbau von Kupfer-, Erz- und Goldvorkommen bekannt ist, soll mit weiteren 5,2 Milliardeb US-Dollar vom chinesischen Unternehmen MMG ausgebaut werden. Dabei machen mehrere tausend Aktivisten immer wieder auf die katastrophalen Folgen wie Umsiedlungen, Zerstörung der Natur und steigenden Lebensunterhaltungskosten, die durch die Mine entstanden sind, aufmerksam gemacht: Erst im März diesen Jahres marschierten Mitglieder der Indigenen Gemeinschaft Yana Waras, dessen Gebiet vom Rohstoffabbau betroffen ist, mit Transparent wie „Las Bambas ¡No va! En Defensa De La Vida Y Tierras Indigenas“, (deutsch: Las Bambas! Das geht nicht! Zur Verteidigung des Lebens und indigener Gebiete!)  nach Lima, um den Ausbau der Mine zu stoppen. Einige Aktivisten traten im Zuge dieser Protestaktion sogar in einen Hungerstreik. Den Ausbau der Mine wird dieser verzweifelte Protest wahrscheinlich jedoch nicht verhindern.

Aktivisten und Betroffene protestieren seit Jahren gegen Bauvorhaben, wie hier gegen die Mine „Bambas“. Wirtschaftliche Investitionen wie diese zerstören oft die Lebensgrundlage indigener Gemeinden.

Foto: Colectivo Dignidad via Facebook

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Welches Ausmaß die Pläne der peruanischen Regierung für die nächsten Jahre auf die Bevölkerung und die Natur haben, kann nur vermutet werden. Fest steht, dass gerade die Industriestandorte, die Öl- und Gasvorkommen fördern, weitere Energie benötigen. Meist wird dieser Bedarf dann wiederum mithilfe von Wasserkraftwerken in der Umgebung gedeckt.  Dafür werden Seen gestaut oder der für die Energiegewinnung notwendige Wasserlauf direkt in den Fluss gegraben. Frei nach dem Motto, was nicht passt, wird passend gemacht. Diese Tendenz zeichnet sich auch auf den Karten der Regierung für die neuen Projekte ab.

Die Frage ist also: Was wird die peruanische Regierung alles für ihren Zukunftstraum opfern? Denn wenn Naturschutz und die verfassungsmäßigen Landrechte der indigenen Gemeinschaften nicht in ihr Konzept passen, hält sie das anscheinend nicht von der Umsetzung ihrer Projekte ab. Ist dieser Wandel wirklich der Traum der kommenden Generation in Peru?

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[Zur Autorin]

DEBORAH DÜRING studiert Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg. Von 2013 bis 2014 absolvierte sie in einem Dorf der indigenen Teribe in Costa Rica ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sie hat dort bei der Feldarbeit geholfen, Kinder- und Seniorennachmittage organisiert, sich in der örtlichen Frauengruppe engagiert und Demonstrationen gegen den geplanten Bau eines Staudamms auf dem Gebiet der Teribe mitorganisiert.

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