Eiszeit in Finnland

Rovaniemi, Finland - November 28, 2010: two Sami people near their “lavvu”, a temporary dwelling similar to a Native American tipi. Rovaniemi. Finland.

Foto: MicheleVacchiano via iStock

Die indigene Gemeinschaft der Sami in Finnland ist frustriert. Denn auch wenn es ihnen besser geht als vielen anderen indigenen Gruppen weltweit, ist ihre Situation alles andere als perfekt. Wirtschaftliches Interesse bedroht die Weideflächen ihrer Rentiere – und damit ihre Existenzgrundlage -, ihre Rechte als ethnische Minderheit werden von der finnischen Regierung nicht ernstgenommen und Kleinunternehmen schlagen Profit aus Produkten, die sie in einem schlechten Licht darstellen.

von Nadine Trachim, Janine Siewert und Dietmar Hasse

Fern der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, aber mitten in Europa kämpfen die Sami im finnischen Lappland um ihre Rechte. Ein österreichisch-australisches Unternehmen hat Anträge an die finnische Regierung gestellt, Grabungen nach Mineralien durchzuführen, die von großem wirtschaftlichem Interesse sind. Der Haken ist, dass diese Grabungen in Naturschutz- und Weidegebieten der Rentierherden in Finnland, Schweden und auch Norwegen stattfinden sollen.

Die Anfrage des Unternehmens führte zum Aufruhr unter den Sami. Sollte die finnische Regierung den Grabungsanträgen stattgeben, hätte dies massive Auswirkungen auf die Rentierwirtschaft, denn Rentiere reagieren sehr sensibel auf Veränderungen in der Umwelt und sind an ihre angestammten Weidegebiete gewöhnt. Auch benötigen Rentierherden Gebiete, die mit den Jahreszeiten wechseln und sich eben nicht beliebig verkleinern oder verschieben lassen.

Eigentlich ist es in Finnland so geregelt, dass das Sami-Parlament bei Entscheidungen, die das Leben und die Kultur der Sami betreffen, ein Mitspracherecht hat. Doch diese Regelung wurde in diesem Fall einfach übergangen. Auch Einsprüche von vielen Menschenrechtsorganisationen wurden ignoriert und Beschwerden seitens der Vereinten Nationen blieben ohne Erfolg.

Das Verhältnis zwischen dem Sami-Parlament und der finnischen Regierung ist dementsprechend angespannt. Erschwert wird die Kommunikation durch das fehlende Vertrauen der indigenen Gemeinschaft in die finnische Regierung, erklärt uns gegenüber Tiina Sanila-Aikio, Präsidentin des finnischen Sami-Parlaments in Inari. Die Sami hätten das Gefühl, dass ihre Rechte nicht ausreichend geachtet würden. Denn obwohl es durch die Konvention ILO 169 ein internationales Abkommen gibt, das sich für die Rechte indigener Völker und für ein Diskriminierungsverbot letzterer einsetzt, gehört Finnland zu den Ländern, die dieses Übereinkommen nicht ratifiziert haben. (Mehr Infos zu ILO 169 gibt es hier: Infomappe der GfbV.) Die Sami stehen der Regierung daher skeptisch gegenüber, da ihre Rechte nicht ausreichend gesichert sind.zitat-visualisierung-praesidentin-sami-parlament

Auch sehen sich die Sami in Finnland im Gegensatz zu den Angehörigen ihrer indigenen Gemeinschaft in Norwegen und Schweden benachteiligt. Eines der meistdiskutiertesten Themen ist dabei das Recht zur Haltung von Rentierherden. Während dieses Recht in Norwegen und Schweden ausschließlich den Sami vorbehalten ist, darf in Finnland jeder Rentiere züchten und halten. Wenn es nach Tiina Sanila-Aikio gehen würde, könnten in Zukunft nur noch Sami Rentierherden besitzen. Die Rentierhaltung sowie der Verdienst durch Rentierprodukte sei ein sehr wichtiger und charakteristischer Teil der samischen Kultur und Tradition und laufe Gefahr, verloren zu gehen, wenn jeder Rentiere halten könne.

Ihre Hoffnungen ruhen daher auf der Nordic Sami Convention, die am 6. Februar 2017 stattfindet. Hier besprechen Vertreter von Sami aus allen skandinavischen Ländern, wie Gesetze grenzübergreifend konzipiert und umgesetzt werden können. Sanila-Aikio ist es ein Anliegen, dass die nordischen Länder mit gutem Beispiel vorangehen. Da die Sami schon einen besseren Status haben als viele andere indigene Völker auf der Welt, ist es umso wichtiger, dass die nordischen Regierungen Gesetze entwerfen, die das Leben der indigenen Bevölkerung erleichtern und ihnen ermöglichen, ihre Tradition und Kultur aufrecht zu erhalten. Dies könnte anderen Ländern als Ansporn und Inspiration dienen, sich mehr für die Rechte der Minderheiten einzusetzen. „Wenn nicht mal in nordischen Länder so etwas gegeben ist, wer soll sonst anfangen?“, beschreibt die Präsidentin des finnischen Sami-Parlaments ihre Intention.

Dabei muss man nicht mal weit in die Ferne schauen, um ein negatives Beispiel zu finden. Sie hätte sich mit den russischen Sami getroffen, so Sanila-Aikio, und von diesen erfahren, dass sie von der russischen Regierung keinerlei Unterstützung erhalten. Das Verhältnis zu den Sami sei eher schlecht; Russland zeige sich scheinbar kooperativ, indem es Statuen von samischen Kriegshelden errichte und samische Straßennamen vergebe. Für die Sami sei das allerdings weder kulturell relevant, noch verbessere es in irgendeiner Form ihre Lebensbedingungen. Auch hätte es in der Vergangenheit Versuche gegeben, Sprachprojekte in Russland zu fördern. Die russische Regierung habe aber keinerlei Anstrengungen unternommen, um diese Projekte zu unterstützen.

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Die Autoren und die Präsidentin des Sami-Parlaments in Inari (von links): Dietmar Hasse, Janine Siewert, Tiina Sanila-Aikio und Nadine Trachim

Tiina Sanila-Aikio hofft bei der Convention Impulse nach Russland senden zu können, wirkt aber nicht sehr zuversichtlich. Und als Präsidentin des samischen Parlaments in Finnland ist es vorerst auch ihre Aufgabe, die Situation der Sami im eigenen Land zu verbessern. Denn auch wenn Finnland einige Schritte in die richtige Richtung unternommen hat, bleibt noch viel zu tun. Vor allem die Wahrnehmung von Sami muss sich ändern. Ein großes Problem sind neben der Gefahr, ihre Weidegebiete für ihre Rentiere zu verlieren, auch Geschäfte und Websites, die unechte Samikleidung und Souvenirs anbieten oder Videos online stellen, die versuchen ein falsches Bild von den Sami zu vermitteln. Wenn solche Seiten entdeckt werden, nehmen die Sami Kontakt zu den Betreibern der Seiten auf, um die Verbreitung zu unterbinden. Häufig jedoch weigern sich die Seiteninhaber, diese Videos offline zu nehmen, wenn sie diese als Geldquelle nutzen. Wie so oft zählt Profit mehr als Menschenrechte. Denn dass diese Videos den Ruf der Sami schädigen, ist für die Betreiber irrelevant.

Und so kämpfen Tiina Sanila-Aikio und viele andere samische Aktivisten jeden Tag weiter, damit sich im Bewusstsein der Menschen etwas ändert. Nur so können die Sami zukünftig rechtliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung und Geleichstellung mit der restlichen Bevölkerung in Finnland, aber auch in Norwegen, Schweden und Russland erreichen.

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[Zu den Autoren]

NADINE TRACHIM, JANINE SIEWERT und DIETMAR HASSE sind alle in ehrenamtlichen Gruppen der Gesellschaft für bedrohte Völker engagiert. Da sich alle drei für die Lage der Minderheiten in Skandinavien interessierten, machten sie im Sommer 2016 gemeinsam eine Reise in den Norden, um sich vor Ort zu informieren. Dabei trafen sie sich auch mit Tiina Sanila-Aikio, Präsidentin des finnischen Sami-Parlaments in Inari.

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