Die syrischen Dom: Eine unbekannte Volksgruppe auf der Flucht

Foto: idildemir via iStock [Symbolbild]

Fast täglich hören wir von syrischen Flüchtlingen. Sei es in Berichten über ihre Ankunft in Deutschland, in Nachrichten über Fluchtursachen und –wege oder im Zusammenhang mit dem sogenannten Flüchtlingsdeal mit der Türkei. Was dabei nicht beachtet wird ist, dass syrische Flüchtlinge keine homogene Gruppe darstellen. Unter ihnen sind viele Angehörige von Minderheiten: Christen, Yeziden, Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Kurden. Und auch Dom.

von Dörte Krumbein und Kamal Sido

Etwa fünf Millionen Dom[1] leben verstreut in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, darunter Syrien, Libanon, Jordanien, Palästina, Israel und Türkei. Und doch sind sie außerhalb der Region eine weitgehend unbekannte ethnische Minderheit. Religiös identifizieren sich die meisten von ihnen – wie in der Region vorherrschend – mit dem sunnitischen Islam, in den sie spirituelle Einflüsse integriert haben. Allerdings gibt es auch hier Untergruppen, wie die alawitischen Abdal.

Die Dom sprechen – neben der in der jeweiligen Region vorherrschenden Sprache Arabisch, Kurdisch oder Türkisch – eine ganz eigene – indo-europäische – Sprache, „Domari“ genannt, die Romani, der Sprache der europäischen Roma, ähnelt. Durch diese Sprachverwandtschaft ist es naheliegend, dass die Dom und die Roma gemeinsame Wurzeln in Indien haben. Leider haben sie mit dem Roma in Europa noch eine weitere Gemeinsamkeit: So wie diese werden auch die Dom in ihrer Region seit Jahrzehnten diskriminiert und marginalisiert.

Leben in Syrien vor dem Krieg

Die Dom lebten schon vor Zeiten des Osmanischen Reiches (ca. 1300 bis 1922) im Gebiet des heutigen Syrien. Als kommerzielle Nomaden bewegten sie sich vor und auch während der Osmanischen Zeit frei durch die Region und arbeiteten in verschiedenen Handwerken, je nach Nachfrage der vor Ort angesiedelten Bevölkerung. Unter anderem waren sie als Schmiede, Siebmacher und „Zahnärzte“ tätig.[2] Die Bildung von Nationalstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte für die Dom einen großen Einschnitt dar. Die neu gezogenen Grenzen beeinflussten ihren bisherigen Lebensstil enorm und führten auch zur Trennung von Familien. Insbesondere ab 1950 sahen sie sich mit Maßnahmen wie Landverteilung, der Einführung von Pässen und Schulpflicht konfrontiert. Seitdem sinkt die Zahl der nomadisch und in Zelten lebenden Dom sinkt laut European Roma Rights Centre (ERRC) stetig.

2012 wurde die Zahl der in Syrien lebenden Dom, deren größte Gemeinden in Aleppo, Damaskus, Saraqib, Latakia, al-Hamah und Homs waren, von der syrischen Zeitung Kassioun auf über 60.000 geschätzt. Allerdings geben andere Quellen wiederum andere Zahlen an. Lebenswandel, Arbeit und damit auch Lebensstandards der Familien unterschieden sich dabei, je nach wirtschaftlicher Situation der einzelnen Familien, sehr stark voneinander. Der ERRC fand während einer Feldforschung 2014/2015 bei syrischen Dom-Flüchtlingen im Südosten der Türkei heraus, dass diejenigen Dom aus Syrien, die informell als Zahnärzte oder im Handel gearbeitet hatten, einen wesentlich höheren Lebensstandard genossen als gelegentlich Beschäftigte. Zudem arbeiteten Frauen von Zahnärzten und Händlern gewöhnlich nicht, während viele andere saisonal in der Landwirtschaft tätig waren oder Geld mit dem Verkauf von Haushaltsgegenständen und Kleidung verdienten.

Die Dom leben seit Jahrhunderten in der Region des heutigen Syriens, aber auch in anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Sie verdienten ihr Geld meist als Handwerker und führten traditionell ein nomadisches Leben.

Das Bild zeigt die Familie einen Schmieds in Syrien um 1900. Bild: The Underwood Travel Library, [Underwood & Underwood, London, New York, 1900] Artist Elmer Underwood, Bert Elias Underwood

Schon zu Friedenszeiten sahen sich die Dom in Syrien massiver Diskriminierung ausgesetzt. Immer wieder wurden sie durch syrische Behörden, durch die Polizei, in der Schule, der Arbeitswelt und bei der Wohnungssuche benachteiligt. Vor allem im Alltagsleben auf der Straße und in der Nachbarschaft mussten sie Beleidigungen ertragen. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges verschlechterte sich ihre Situation jedoch noch einmal erheblich: Von islamistischen Gruppierungen wurden sie besonders ins Fadenkreuz genommen. Aber auch in vom Regime kontrollierten Regionen konnten sie sich nicht sicher wähnen. Gerade Dom, die semi-nomadisch lebten, mussten ihren Lebensstil aufgeben, da sie sonst immer wieder die Frontlinien hätten überqueren müssen.

Gefährliche Flucht in die Türkei

Vor Ausbruch des Syrienkrieges lebten die Dom hauptsächlich in ländlichen Gegenden oder den äußeren Bezirken von Städten – beides Gebiete, die von oppositionellen Gruppen zuerst erobert wurden. Die dort lebenden Dom mussten flüchten, zunächst einmal in andere, vermeintlich sicherere Gebiete innerhalb Syriens. Viele flohen nach Rojava-Nordsyrien, also in den kurdischen Nordosten des Landes. Gleichzeitig entschieden sich vor allem viele Abdal, in Gebiete zu fliehen, die vom Regime kontrolliert wurden. Dort sahen sie sich wiederum mit großen ökonomischen Schwierigkeiten und Ressourcenknappheiten konfrontiert. Doch eine andere Option gab es für sie kaum: Als Alawiten waren Abdal in von oppositionellen Gruppierungen kontrollierten Gebieten selten willkommen und wurden oft automatisch als Assad-Unterstützer wahrgenommen.

Neben denjenigen, die erst einmal innerhalb Syriens flohen – von denen viele zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls das Land verließen – gab es auch diejenigen, die direkt in die Nachbarländer Jordanien, Libanon, Irak und Türkei flohen, wobei sie die Türkei bevorzugten. Viele Dom erhofften sich, dass Lebensbedingungen und Arbeitsmöglichkeiten in der Türkei besser sein würden als in anderen Nachbarländern Syriens, da in diesen Staaten sehr schlechte Bedingungen in den Camps, die extremen Wetterbedingungen, Wasserknappheit und die teils sehr starke Präsenz von islamistischen Gruppen es vielen unmöglich machte, dort zu bleiben. Zudem war die Türkei vor allem für Dom aus den Regionen Aleppo, Saraqib, Latakia und zum Teil auch al-Hamah in geografischer Nähe und bot für viele Dom bestehende soziale Netzwerke. Seit Jahrzehnten kam es häufig zu Heiraten zwischen Dom aus Syrien und aus der Türkei, so dass viele bereits Familienangehörige in der Türkei hatten. Die Abdal wiederum hatten den Vorteil, dass sie als Muttersprache einen türkischen Dialekt sprachen. Auch waren viele von ihnen in der Vergangenheit oft für alawitische Festlichkeiten in die Türkei gereist.

Viele Dom versuchen in die Türkei zu fliehen, da sie dort Familienangehörige haben. Doch ein Großteil der Dom besitzt keine syrischen Ausweispapiere und wird deshalb von der türkischen Grenzpolizei nicht ins Land gelassen. Es bleibt ihnen nicht viel übrig, als illegal entlang gefährlicher Routen in die Türkei einzureisen. 

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Foto: Radek Procyk via istock [Symbolbild]

Die Einreise in die Türkei gestaltete sich für Dom-Flüchtlinge meist sehr viel schwieriger als für andere syrische Geflüchtete, der der Großteil der Dom keine syrischen Ausweispapiere besitzt. Denjenigen, die sich nicht ausweisen konnten, verweigerten die türkische Grenzbeamten die Einreise. So versuchten die betroffenen Dom über inoffizielle Wege, die wegen Minenfeldern teils sehr gefährlich sind, einzureisen. Dem ERRC zufolge war der Grenzübertritt sogar noch gefährlicher für Dom-Flüchtlinge, die aus den kurdischen Regionen Kobane und al-Hasakeh kamen, da dieser von türkischer Seite besonders gesichert ist.

Doppelte Diskriminierung von Dom-Flüchtlingen

In der Türkei erhalten syrische Flüchtlinge insgesamt im Vergleich zu türkischen Staatsangehörigen geringere Löhne für längere Arbeitszeiten. Zudem gibt es für sie keine soziale Absicherung. Für Dom-Flüchtlinge gestaltet sich die Situation noch dramatischer, da sie nicht nur gegenüber türkischen Arbeitssuchenden sondern auch gegenüber anderen Flüchtlingen aus Syrien benachteiligt und folglich oft nur dann eingesetzt werden, wenn ein akuter Mangel an Arbeitskräften besteht. Aus diesem Grund verheimlichen viele Dom auch in Arbeitskontexten ihre Ethnizität.

Von Seiten der türkischen Autoritäten, insbesondere durch die Polizei, kommt es zudem immer wieder zu repressivem Vorgehen gegen die Dom: Sie schüchtern die Flüchtlinge ein, indem sie sie von den Orten vertreiben, an denen sie sich in behelfsmäßigen Zelten niedergelassen hatten, oder sogar ihre Zelte verbrennen. Gerade in größeren Städten berichteten die Dom, mit denen das ERRC während seiner Feldforschung gesprochen hat, von häufigen Übergriffen durch Beamte. So wird beispielsweise das Geld und der Besitz der Dom konfisziert, die auf der Straße arbeiten oder betteln.

Etwa die Hälfte aller Geflüchteten aus Syrien sind Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen leiden an dauerhaften Angstzuständen, Aggressionen oder auch Lustlosigkeit. Bei Dom-Kinder kommt noch hinzu, dass sie oft mangelernährt sind und häufig nicht die Schule besuchen – entweder weil sie aufgrund von Armut selbst arbeiten müssen oder von den anderen Kindern in der Schule diskriminiert werden.

Foto: Anadolu Agency [Symbolbild]

Für Dom-Frauen ergeben sich häufig besondere Problematiken: Traditionell ist der Mann bei den Dom für den Lebensunterhalt der Familie zuständig. Eheschließungen stellen dadurch oft die einzige Möglichkeit für Frauen dar, den eigenen Lebensunterhalt garantiert zu wissen. Und so stieg die Zahl der Hochzeiten zwischen türkischen Dom-Männern und syrischen Dom-Frauen in den vergangenen Jahren an, wobei die Frauen zum Teil – oft unwissentlich – als Zweit- oder Drittfrauen geheiratet werden. Gleichzeitig ist für Dom-Frauen sowie für andere geflüchtete Frauen die Gesundheitsversorgung besonders schwierig: Meist ist diese auf Notfallversorgung und Geburtshilfe beschränkt. Dadurch haben viele Frauen aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu Hygieneprodukten oder Verhütungsmitteln.

Kinder stellen etwa die Hälfte aller syrischen Geflüchteten in der Türkei dar. Studien, unter anderem von UNICEF, zeigen, dass viele geflüchtete Kinder an dauerhaften Angstzuständen, Aggressionen, Lustlosigkeit und Hoffnungslosigkeit leiden. Die meisten Dom-Kinder, so fand das ERRC während seiner Feldforschung heraus, zeigen zudem Symptome von Mangelernährung und anderen Krankheiten. Auch geht die Mehrheit der Dom-Kinder nicht zur Schule, sei es aus finanziellen Schwierigkeiten und damit zusammenhängender Kinderarbeit, oder wegen der Diskriminierung, die sie häufig sowohl von Seiten der türkischen Schüler als auch von Seiten der anderen syrischen Flüchtlinge erfahren.

Allgemein stellte sich das Leben in den Städten für viele Dom als sehr schwer heraus, da lokale Communities ihnen häufig nicht freundlich gesinnt sind. Es gibt viele Vorurteile gegenüber dieser Minderheit, die häufig von negativer Berichterstattung in den türkischen Medien verstärkt wird: Dort sind Meldungen von „syrische Bettlern“ und „syrische Zigeunern“ an der Tagesordnung. Deswegen haben sich mittlerweile die meisten Dom in Roma-, Abdal- oder Dom-Viertel der Städte oder in ländliche Gebiete zurückgezogen, um Konflikte und Ablehnung zu vermeiden. Ganz so, wie sie es auch in Syrien schon so oft mussten.

[1] Bei der Bezeichnung „Dom“ folgen wir dem European Roma Rights Centre (ERRC), der das Wort als Überbegriff benutzt und auch andere Sub- und verwandte Gruppen einschließt, darunter beispielsweise die alawitischen Abdal.

[2] Diese Untergruppe wird als Zahnärzte bezeichnet, ihr Arbeitsfeld beinhaltet aber, neben dem Ziehen von Zähnen, auch die Erstellung von Zahnkronen.


tl;dr

Die Dom sind eine ethnische Minderheit aus Syrien, die wie viele andere Volksgruppen seit dem Bürgerkrieg aus dem Land fliehen mussten. In der Türkei sind sie von Diskriminierung durch türkische Autoritäten, durch die lokale türkische Bevölkerung sowie durch andere syrische Geflüchtete betroffen. Sie leben zumeist in Behelfsunterkünften und haben mit unregelmäßiger Beschäftigung und niedrigen Löhnen zu kämpfen. Auch der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung gestaltet sich oft schwierig und die Vorurteile gegenüber Dom werden aktiv von negativen Medienberichten geschürt.


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[Zu den Autoren]

KAMAL SIDO ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker. Er steht in direktem Kontakt mit Repräsentanten vieler Volksgruppen des Nahen Ostens. Erst Anfang 2016 war er durch das kurdische Gebiet Rojava in Nordsyrien gereist.

DÖRTE KRUMBEIN war Praktikantin im Nahostreferat und arbeitete dort vor allem zur Lage in Syrien.

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