Doğan Akhanlı: „Ich habe nicht geschwiegen und das hat den türkischen Staat geärgert“

Foto: Manfred Wegener (zugeschnitten)

Am Samstagmorgen wurde der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli, der sich für die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern einsetzt, im spanischen Granada festgenommen. Die Türkei hat ihn mit einem Haftbefehl über Interpol suchen lassen. Es ist nicht die erste Festnahme des Schriftstellers. 1985 saß er bereits zwei Jahre im Gefängnis. 1991 floh er nach Deutschland ins Exil, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Dann wurde er 2010 bei der Einreise in die Türkei wieder verhaftet. Ein Urteil steht bis heute aus. Doch er lässt sich nicht einschüchtern. Michaela Böttcher interviewte ihn für die Ausgabe „100 Jahre Völkermord – 100 Jahre Leugnen“ (6/2014) der GfbV-Zeitschrift „bedrohte Völker – pogrom“. Aus aktuellem Anlass stellen wir den Artikel jetzt kostenlos auf unserem Blog zur Verfügung.

von Michaela Böttcher

bedrohte Völker: Warum tut sich die Türkei so schwer, den Genozid an den Armeniern zu thematisieren?

Doğan Akhanlı: Das hat mit der Gründungsgeschichte der türkischen Republik zu tun. Die Gründer der türkischen Republik sind die Helden in der türkischen Geschichte. Nur waren diese Helden die Mörder, die die Armenier vertrieben und vernichtet haben. Dieser Widerspruch ist eine der Hauptursachen, warum es sich die Türkei so schwer macht, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Sie hat Angst davor, dass sie die ganze Geschichte neu schreiben müsste. Das wäre eine riesige, grundsätzliche Änderung für das Land. Dazu kommt, dass mit dem Gründungsmythos die staatstragende Ideologie von einem Land, einer Sprache und einer Nation aufkam. Minderheiten passen in dieses Konzept nicht hinein und sie können in diesem Land mit so einer Ideologie niemals sicher sein.

bedrohte Völker: Was kann dieser Ideologie entgegen gestellt werden, damit der Völkermord aufgearbeitet und Minderheiten nicht an den Rand gedrängt werden?

Doğan Akhanlı: Man muss in der heutigen Türkei die Rechte der Minderheiten gesetzlich sichern und zum Beispiel den Kurden ihre Rechte geben. Es muss eine multikulturelle Gesellschaft geben. Und der Genozid an den Armenier muss endlich aufgearbeitet werden. Ohne die Aufarbeitung der Geschichte und des Genozids können sich die Minderheiten in der Türkei niemals sicher fühlen. Hier in Deutschland gibt es so viele Bemühungen, die eigene Geschichte zu vermitteln, und trotzdem gibt es Gruppen von Neonazis, die willkürlich Menschen, die als Einwanderer ins Land gekommen sind, töten. Aber es ist keine politische Sache, die vom Staat ausgeht, sondern eine kriminelle Handlung einzelner Täter. In der Türkei ist es umgekehrt. Der Staat ist selber kriminell. Das ist deutlich geworden 2007, beim Mord am armenischen Journalisten Hrant Dink. Da hat sich gezeigt, wie der Staat beteiligt ist. Und sie wollen damit nicht aufhören.

bedrohte Völker: Das klingt deprimierend. Aber sie bleiben optimistisch?

Doğan Akhanlı: Ja, vor allem seit der Massenbewegung nach der Ermordung von Hrant Dink. Mit ihr hat man nicht nur gegen die Ermordung des Journalisten protestiert, sondern auch der Genozidopfer gedacht. Und ich glaube an die junge Generation. Während meines Gerichtsprozesses blieb ich eineinhalb Jahre in der Türkei. Und bin in der Zeit durchs Land gereist. Ich habe dabei hauptsächlich mit jungen Menschen gesprochen. Sie waren neugierig und nicht so ideologisch gefestigt wie meine Generation. Das hat meine Hoffnung geschürt, dass die junge Generation die richtigen Fragen stellt und die Antworten sucht.

Dogan Akhanli mit dem Filmemacher Fatih Akin vor der Verleihung des Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnispreises in Köln. Foto: Csaba Peter Rakoczy

bedrohte Völker: Es waren auch hauptsächlich junge Leute, die ihren Unmut während der Gezi-Park-Proteste 2013 gezeigt haben.

Doğan Akhanlı: Die jungen Menschen in der Türkei sind mit der Ausrichtung der Regierung unzufrieden. Die Regierung will ihnen vorschreiben, wie sie leben sollen. Dagegen haben die jungen Leute protestiert. Und das ausgerechnet an einem Ort, nämlich dem Gezi-Park, der ein Erinnerungsort ist. In dem Park war ein armenischer Friedhof und dort wurde das erste Genozid-Mahnmal 1919, damals noch unter der Besatzung der Engländer, aufgestellt. Das finde ich symbolisch ganz wichtig, wie dieser Ort beide Bewegungen – also die für Erinnerung und Aufarbeitung und die für Demokratisierung – zusammengebracht hat. Die Armenier brauchen Gerechtigkeit und die Zivilbevölkerung braucht Demokratie und Menschenrechte. Ich hoffe, dass in der Zukunft weitere ähnliche Massenbewegungen passieren.

bedrohte Völker: Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit dem Völkermord an den Armeniern?

Doğan Akhanlı: Das hat mit meiner Biografie und meiner eigenen Gewalterfahrung zu tun. Ich wurde in der Türkei verfolgt und gefoltert. Nach meiner Flucht fing ich an, mich mit der historischen Gewalt meines Herkunftslandes zu beschäftigen. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen in einen Rahmen bringen, eine Verbindung zwischen meiner persönlichen Biografie und anderen Gewalttaten finden. Während meiner Recherche verstand ich, dass ich und die linke Bewegung in den 1980er Jahren nicht die Einzigen waren, die Gewalt erfahren haben. Die Aleviten wurden massakriert, die nicht-muslimischen Minderheiten wurden massakriert. Am Ende habe ich auch die Geschichte der Armenier herausgefunden. Als Kind hatte ich von Massakern an Armeniern gehört. Aber ich dachte, dass das nur ein lokales Pogrom gewesen war. Nur in unserem Gebiet. Aber bei meinen Recherchen habe ich Zeitzeugenberichte gelesen und festgestellt, dass es Gewaltausschreitungen in unterschiedlichen Orten gab. Und dass die Erzählungen ähnlich sind. Das zeigte, dass es zentral organisiert war. Nach der Lemkin-Definition ist das ein Genozid. Der Unterschied zwischen meiner Gewalterfahrung und der Gewalterfahrung der Armenier ist die Willkür und die ultimative Vernichtung. Sie haben mich während der Militärdiktatur festgenommen und gefoltert, sie haben meine Familie unter Druck gesetzt. Aber sie haben uns nicht vernichtet. Ich hatte die Chance zu überleben. Die Armenier hatten das nicht. Es war egal, ob sie ein neugeborenes Baby oder eine alte Frau waren. Es war egal, was sie gemacht oder nicht gemacht haben. Sie waren kollektiv zum Tode verurteilt. Und deswegen habe ich in meinem Buch „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ den Völkermord thematisiert.

bedrohte Völker: Ihr Buch ist 1999 in der Türkei erschienen. Welche Reaktionen zog die Veröffentlichung nach sich?

Doğan Akhanlı: In der Türkei gibt es zwei mögliche Reaktionen, wenn man über ein Tabuthema schreibt: Entweder man wird gerichtlich verfolgt, wie zum Beispiel Elif Shafak, die den Völkermord an den Armeniern in ihrem Buch „Der Bastard von Istanbul“ thematisiert hat. Sie ist eine Bestseller-Autorin und wäre trotzdem fast im Gefängnis gelandet. Mein Buch wurde hingegen ignoriert. Es gab keine einzige Rezension. Aber die armenische Minderheit hat mein Buch gekauft und verbreitet. Nach meiner Festnahme 2010 wurde das Buch dann in der Türkei bekannter und verkauft sich jetzt doppelt so gut wie früher.

bedrohte Völker: Ihre Festnahme 2010 wird als politisch motiviert bezeichnet. Welche Motive standen Ihrer Meinung nach hinter Ihrer Verhaftung?

Doğan Akhanlı: Ich denke, die Hauptmotive waren, dass ich kritischer Menschenrechtler bin und dass ich mich mit dem Genozid an den Armeniern beschäftigt habe. Ich kann mir das nicht anders erklären. Ich wurde als Kopf einer terroristischen Organisation angeklagt. Aber nicht mal das Innenministerium kennt diese Organisation. Sie existiert nicht. Deswegen ist für mich klar, dass die Anklage mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit und mit meiner Menschenrechtsarbeit zu tun hat. Ich habe nicht geschwiegen und das hat den türkischen Staat geärgert. Deswegen haben sie so eine absurde Anklage erfunden. Die Anklage ist zwar gescheitert, aber sie wollten mich damit unter Druck setzen. Das klappt natürlich nicht, weil ich mich in einem freien Raum – in Deutschland – befinde. Warum sollte ich also mitspielen oder schweigen?

bedrohte Völker: Sie engagieren sich in Deutschland in vielen Projekten zur Vermittlung der NS-Vergangenheit. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Doğan Akhanlı: Ich lebe hier. Ich sehe mich deswegen auch in der Verantwortung. Es ist eine große Erfahrung, wie man in Deutschland mit Geschichte umgeht. Sie ist auch für andere Länder wichtig, um zu sehen, wie sie mit ihrer eigenen Geschichte umgehen sollten. Das betrifft natürlich die Türkei. Andererseits ist es meine Bemühung, neben dem Holocaust auch für andere Verbrechen, wie eben dem Genozid an den Armeniern, in der Geschichte Platz zu schaffen. Obwohl Deutschland historisch gesehen mit diesem Genozid zu tun hat, nimmt man den Völkermord als eine fremde Geschichte wahr. Er ist aber keine fremde Geschichte, sondern Teil der deutschen Geschichte. Deswegen sollte die Aufarbeitung des Holocaust, meiner Meinung nach, erweitert werden. Und das ist keine Relativierung des Holocausts, sondern eine Vertiefung. Daher kommt mein Engagement. Die Aufarbeitung in Deutschland weiterzuentwickeln und ihr andere Formen zu geben.

bedrohte Völker: Die deutsche Regierung vermeidet, den Völkermord an den Armeniern Genozid zu nennen. Was halten Sie davon?

Doğan Akhanlı: Diese Einstellung finde ich einfach peinlich. Und ein Widerspruch zum deutschen Grundprinzip, dass der Holocaust nicht relativiert werden darf. Woher nimmt die deutsche Regierung sich also das Recht, einen anderen Völkermord zu relativieren und ihn nicht Genozid zu nennen? Ist das fair gegenüber den Opfern? Und das Argument dazu war auch banal. Da der Genozid an den Armeniern vor der Genozid-Konvention passierte, könne er so nicht genannt werden. Die Konvention wurde 1948 verabschiedet. Was machen wir also mit dem Holocaust? Nennen wir den jetzt auch nicht mehr Genozid? Das ist eine absurde und enttäuschende Antwort der deutschen Regierung. Und es ist gefährlich und opportunistisch.

bedrohte Völker: Welche Reaktion würden Sie sich von der deutschen Regierung wünschen?

Doğan Akhanlı: Man sollte die Opfer nicht wegen politischer Interessen noch einmal opfern. Das ist die einzige Forderung von meiner Seite an die deutsche Regierung. Sie können weiter mit der Türkei Partnerschaften und Wirtschaftsbeziehungen haben, aber sie können nicht historische Wahrheiten verleugnen. Die deutsche Regierung sollte offen den Genozid an den Armeniern anerkennen. Und aufgrund der historischen Verantwortung den Völkermord als Teil der deutschen Geschichte wahrnehmen.

bedrohte Völker: Wie könnten wir in Deutschland den Völkermord an den Armeniern thematisieren – auch angesichts der vielen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund?

Doğan Akhanlı: Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts sollte Teil der Holocaust-Erziehung sein. Es ist die Geschichte unserer Vorfahren. Türkische Kinder in Deutschland können so lernen, dass Genozid und diese Willkür der Macht nicht direkt etwas mit der deutschen oder auch der türkischen Nationalität zu tun hat. Überall auf der Welt passieren überdimensionale Gewalttaten. Diese Gewaltdimension muss universal verstanden werden. Geschichte sollte ein transnationaler Gedächtnisraum sein, sonst befinden wir uns in einer Sackgasse. Die Leute, die hierher gekommen sind, sind ja nicht mit einem leeren Kopf gekommen, sondern eben auch mit Gewalterfahrungen. Das wahrzunehmen ist wichtig. Wenn man bei der Vermittlung anderen genozidalen Gewalttaten einen Raum gibt, lernen die Jugendlichen und Kinder vielleicht, dass diese Gewalt nichts mit einer deutschen oder türkischen Nationalität zu tun hat – sondern mit Menschen. Und dass wir alle solche Gewalttaten generell ablehnen müssen.

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