Ausgeliefert – Notizen zu einer Verhaftung

Foto: woodstock via iStock [Symbolbild]

Es ist ein Anruf, eine Nachricht, ein persönlicher Kontakt. Es ist eine Verhaftung, ein Verschwundensein, ein Nichtwissen. Es ist der Moment, in dem wir in unserer Menschenrechtsarbeit die Abgründe sehen. Und in dem wir versuchen, alles in Bewegung zu setzen, was wir in Bewegung setzen können. Sarah Reinke, die langjährig bei uns als GUS-Referentin gearbeitet hat, beschreibt genau so einen Fall.

von Sarah Reinke

  • 1 große Sporttasche mit möglichst vielen Taschen, auch Taschen, die man nicht gleich findet
  • 1 tiefer Plastikteller
  • 1 Plastikbecher
  • 1 Aluminiumlöffel
  • 1 Jogginganzug
  • 2-3 T-Shirts
  • schwarzer Tee
  • abgepackter Käse
  • Kekse, Schokolade
  • Zahnpasta

Mindestens 50 Gegenstände stehen auf der Liste, die der Anwalt eines jungen Mannes dessen Familie schickt. Der junge Mann selbst sitzt in Russland in Untersuchungshaft. Sein Verbrechen? Er ist Tschetschene. Die Polizisten, die sein Zimmer durchsuchten, schoben ihm Drogen unter. Jetzt erwartet ihn ein Strafmaß zwischen drei und zehn Jahren Haft.

Der junge Mann hatte gerade geplant, von der Stadt, in der er arbeitete, nach Hause zu fahren. In wenigen Tagen wollte er heiraten. Die alten und kränklichen Eltern sind völlig schockiert. Ihr Sohn ist unschuldig. Immer hat er über die Hälfte seines Lohns nach Hause geschickt, um sie zu unterstützen.

Ihr Neffe setzt sich für 17 Stunden in einen Bus und fährt in die Stadt, in der die Festnahme stattgefunden hat. Er will helfen, die Situation zu klären, will seinen Cousin sehen.

Aus Deutschland überweisen wir privat Geld für die ersten Gespräche mit dem Anwalt. Die Frage, ob hier ein Verbrechen, eine Schuld vorliegt, wird gar nicht gestellt. Es geht nur noch darum, ein möglichst geringes Strafmaß zu bekommen. Denn schuldig ist er nicht. Er ist Opfer eines Systems, das zutiefst unmenschlich ist. „Sie denken, wir in Tschetschenien sind alles Verbrecher“, sagt seine Verwandte.

Beispiele für genau solches Vorgehen der Polizei und des Geheimdienstes gibt es viele. Wie der junge Journalist Zalaudi Geriev, der zu drei Jahren Haft wegen Drogenbesitzes verurteilt wurde. (Caucasian Knot) Er ist völlig unschuldig, nur den Machthabern ein Dorn im Auge. Mittlerweile hat die Menschenrechtsorganisation Memorial ihn als politischen Gefangenen anerkannt.

Auch der Bürgerrechtler Ruslan Kutaev sitzt gerade eine vierjährige Haftstrafe wegen Drogenbesitzes ab. Auch er völlig unschuldig. Er wurde in der Untersuchungshaft gefoltert – so wie fast jeder, der in Tschetschenien, im Nordkaukasus, ja in wohl den meisten Orten Russlands in Untersuchungshaft genommen wird. (Caucasian Knot) Auch Kutaev gilt für Memorial als politischer Häftling.

Der Cousin kommt in der Stadt an, in der der junge Mann festgehalten wird. Der Cousin wartet. Es heißt, er dürfe seinen Verwandten kurz sehen. Sein Besuch ist für 22 Uhr angesetzt. Tatsächlich wird es ein Uhr nachts. Er wurde drei Stunden lang verhört, nachts, ohne Anwalt. Auch hat er in den wenigen Tagen stark abgenommen. Noch in der Nacht soll er in ein anderes Gefängnis verlegt werden.

Ich wünsche der Verwandten, die in Deutschland lebt, dass sie trotz allem etwas schlafen kann. „Um mich musst du dir keine Sorgen machen“, antwortet sie. „Ich bin in Freiheit. Er ist in Haft. Man weiß nicht, was ihm dort angetan wird. Aber weißt du, jeder wird irgendwann für das bestraft, was er begangen hat. Die Macht wird nicht endlos in ihren Händen liegen“, sagt meine Bekannte verzweifelt.

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[Zur Autorin]

SARAH REINKE war Leiterin des GfbV-Büros in Berlin und gleichzeitig Referentin für die GUS-Staaten. In der Zeit hielt sie ständig Kontakt zu Betroffenen und gab ihnen eine Stimme. Sie verfügt über tiefgreifende Kenntnisse der Lage bedrängter Minderheiten in dieser Region.

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