Die Water Protectors von Standing Rock – was ist aus ihnen nach der Auflösung des Camps geworden?

Foto: Pax Ahimsa Gethen via Wikimedia Commons

Tausende von indigenen und nicht-indigenen Aktivisten hatten sich seit April 2016 im Standing Rock-Protestcamp aufgehalten. Von dort aus hatten die Water Protectors, also die Beschützer des Wassers, wie sich die Aktivisten nennen, ihre Proteste gegen den Fertigbau der Dakota Access Pipeline (DAPL) organisiert. Im Februar 2017 räumten Polizei und private Sicherheitskräfte des Bauträgers das Protestcamp und nahmen hunderte Aktivisten fest. Die Bilder gingen um die Welt. Rauchsäulen stiegen in den Himmel, als die letzten etwa 700 Water Protectors das Camp verließen. Sie wollten verhindern, dass die Polizeikräfte ihre Unterkünfte und Zelte zerstören. Aus ihrer Sicht hätte das die Spiritualität des Ortes entweiht. Und so nahmen sie vorher Abschied in einer Zeremonie, die Gebete und eben auch die Verbrennung der Unterkünfte umfasste.

Die Aktivisten nennen sich Water Protectors, weil die Standing Rock Sioux Nation und ihre Unterstützer gemeinsam für den Trinkwasserschutz kämpfen. Die umliegenden Wasserressourcen sind dabei nicht nur für die Indigenen überlebensnotwenig, sondern auch für die Städte. Denn die Dakota Access Ölpipeline führt unter dem Missouri und dem Trinkwasserspeicher Lake Oahe entlang. Diese Wasserquellen sind die einzige Trinkwasserreserve für 18 Millionen Menschen. Die Aktivisten und Kritiker des Bauprojekts befürchten, dass die Wasserqualität dadurch stark gefährdet wird. Daher standen sie im Standing Rock Camp für den Schutz des Wassers durch friedliche Proteste ein.

Die Sorge um die Wasserversorgung ist berechtigt. Nach eigenen Angaben vom Bauträger Engergy Transfers kam es in den USA im Jahr 2016 zu 69 Bruchstellen allein in den Pipelines dieses Unternehmens. Und auch in der Daktoa Access Pipeline kam es im April 2017, noch bevor sie am 1. Juni 2017 offiziell in Betrieb ging, bereits zum ersten Leck.

Der neue US-Präsident Donald Trump ignoriert diese Gefahren. Er hat nur Augen für ein Wirtschaftswachstum, das auf dem Rücken anderer gestemmt wird. Er rechtfertigt den Pipelinebau damit, dass 8.000 bis 12.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Doch das ist ein Trugschluss. Nach der Fertigstellung der Pipeline sind nur noch wenige dauerhafte Arbeitsplätze nötig, um die Anlage zu betreiben. Die tausenden Jobs, die die Pipeline also angeblich geschaffen hat, waren nur für kurze Zeit. Donald Trump hingegen hat jetzt schon mitverdient. Vor seiner Zeit als Präsidentschaftskandidat hatte er in Energy Transfers investiert, die dann wiederum die Wahlkampagne Trumps finanziell unterstützt hatten.

Während Trump als Gewinner aus dem Bau der Dakota Access Pipeline herausgeht, scheinen die Aktivisten im ersten Moment als Verlierer. Doch auch wenn sie ihren Protest nicht mehr im Camp koordinieren können, haben sie noch längst nicht aufgegeben. Bereits während ihrer Zeit im Standing Rock-Camp haben die Water Protectors ihre Kommunikation und die Organisiation von Protesten vielfach übers Internet verbunden. Nach der Auflösung des Camps ist dies nun eine der wichtigsten Formen der Vernetzung. So bietet das Water Protector Legal Collective auf ihrer Homepage zum Beispiel Rechtshilfe und Informationen für Aktivisten, die wärend der Proteste verhaftet wurden und Rechtsbeistand benötigen, an. Auf der Internetseite www.defunddapl.org kann man wiederum Informationen finden, wie man durch Kampagnen auf Banken und andere Geldgeber einwirken kann, damit sie ihre Finanzierung von Projekten wie beispielsweise Öl-Pipelines einstellen. Wege des Protests werden vorgeschlagen, man bekommt Tipps, wie man eine Informationsveranstaltung oder einen Protest organisieren kann.

Die Vernetzung der Water Protectors führt zu neuen Protesten und ermöglicht die Weiterführung von bereits bestehenden Bewegungen wie dem Hashtag #nodapl. Am 5. April 2017 startete ein Protestmarsch, der mit einem Übernachtungscamp vor der Wells Fargo Bank in New York begann. Vor Ort verkündeten die Water Protectors ihre Forderung an die Banken, nicht mehr in den Bau der Pipelines, wie beispielsweise der Dakota Access, Pilgrim Pipelines, Keystone XL, Sabal Trail, Penn East, Trans-Pecos und Access Northeast, zu investieren. Am nächsten Morgen marschierte die Gruppe zum Rathaus, wo sie den Bügermeister von New York City, Bill de Blasio, aufforderte, die städtischen Investitionen und Geschäfte nicht mehr über die Wells Fargo und andere DAPL unterstützende Banken laufen zu lassen. Eine Liste der Banken, die den Bau der Dakota Access Pipeline finanziell unterstützen, ist unter anderem auf der Webseite von „Mazaska Talks“ (dt. Geld redet) zu finden.

Immer wieder treten die Water Protectors dafür ein, dass sich Präsident Trump mit den Sprechern der Native Nations zusammensetzt, um ihre Meinungen anzuhören und Gedanken auszutauschen. Es wäre ein erster Schritt in Richtung Verständigung. Unterstützt wird dies mit dem Hashtag #TakeTheMeeting. Ziel ist es, dass die Regierung mit den Indigenen im Sinne einer aktiven Mitbestimmung zusammenarbeitet. Auf diese Weise sollen die Rechte der Indigenen fortan bei Konflikten nicht an den Rand gedrängt oder sogar übergangen, sondern ernst und verbindlich wahrgenommen werden. Denn die Water Protectors sind mehr als eine einfache Protestbewegung. Sie stehen symbolisch dafür, dass die Native Americans aufstehen und ihre Stimme erheben. Dieses neue Selbstbewusstsein und die Tatsache, dass sie viel Unterstützung von nicht-indigenen Aktivisten bekommen haben, kann ihnen so schnell keiner nehmen.

Und wer glaubt, dass die Water Protectors nur ihr eigenes Land im Kopf haben, irrt sich. Rachel Heaton, Nataanii Means, Wašté Win Young und Rafael Gonzales, die beim Protest gegen die Dakota Access Pipeline aktiv mitgewirkt haben, sind beispielsweise seit 20. Mai in Europa unterwegs. Vom 3. bis 5. Juni nehmen sie an der Hambacher Forst-Besetzung in Bonn teil, um gemeinsam mit anderen Aktivisten gegen den weiteren Braunkohleabbau zu protestieren. Zudem sind sie bis zum 14. Juni noch in Paris, Brüssel, den Niederlanden, Genf und Spanien unterwegs, um dort im Rahmen von unterschiedlichen Aktionen europäische Banken dazu zu bewegen, den Pipelinebau sowie andere den Klimawandel fördernde Projekte nicht länger zu finanzieren. Der Protest ist also noch lange nicht zu Ende.


Wir berichten regelmäßig auf unserem Blog über die verschiedenen Konflikte zwischen dem neuen US-Präsidenten Trump und den Native Americans. Alle Beiträge im Überblick finden Sie hier: Indigener Widerstand gegen Trump


veröffentlicht: 2. Juni 2017

Autorin: Franziska Rocholl

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