Feindseligkeiten in Amude

Die Mitarbeiter des alternativen Radiosenders arta.fm in Amude zeigen, wie eine friedliche und tolerante Zukunft in Rojava aussehen könnte: Sie senden in kurdischer, arabischer, aramäischer und armenischer Sprache. Foto: Kamal Sido

Nach dem Grenzübertritt nach Rojava reiste ich nach Amude. Dort befinden sich die wichtigsten Einrichtungen der Autonomieverwaltung der Region. In Amude lebten vor dem Beginn des Krieges in Syrien 2011 etwa 50.000 Menschen, überwiegend Kurden. Die Zahl der Menschen, die dort heute leben, ist unbekannt, da viele Kurden ausgewandert und eine Vielzahl von arabischen Flüchtlingen aus den im Süden liegenden Kampfgebieten nach Amude geflohen sind. In der ganzen Stadt befinden sich noch zehn Christen, deren aus Lehm errichtete syrisch-orthodoxe Kirche zwar noch steht, Gottesdienste werden dort aber nicht mehr abgehalten.

In Amude habe ich immer wieder Interviews mit dem Radiosender arta.fm (Facebook-Seite) geführt. Diese gut funktionierende alternative Radiostation sendet in vier Sprachen: kurdisch, arabisch, aramäisch und armenisch. Sie wurde im Juli 2013 von Sirwan Haji Berko, der mich die ersten Tage meiner Reise begleitete, gegründet. Nach meiner Rückkehr aus Nordsyrien haben bewaffnete und maskierte Männer in der Nacht vom 26. auf den 27. April die anwesenden Mitarbeiter des Radiosenders mit dem Tode bedroht und das Studio in Brand gesetzt. Einige oppositionelle Parteien in Nordsyrien machten die „Autonome Selbstverwaltung in Rojava-Nordsyrien“ für diese Tat verantwortlich. Diese wiederum verurteilte jedoch den „feigen Überfall auf arta.fm aufs Schärfste und versprach eine rasche Aufklärung“. (Buyerpress)

In Amude, wo ich mich insgesamt vier Tage aufhielt, besuchte ich nahezu alle dort ansässigen Büros von Parteien, Organisationen und Einrichtungen der zivilen Gesellschaft. Hierbei legte ich großen Wert darauf, dass die Gesprächspartner vor allem aus den Reihen der politischen Opposition kamen. Nur zweimal traf ich Vertreter der Verwaltung bzw. der regierenden PYD. Ich besuchte die Zentrale der kurdischen Partei „Yekiti“ und sprach mit dem Mitglied des Politbüros dieser Partei, Herr Anwar Naso, der vor kurzem von der Autonomiebehörde festgenommen und wieder frei gelassen wurde. Die Autonomiebehörde behauptet, Naso hätte versucht, eine „illegale Miliz“ zu bilden. Er hingegen ist davon überzeugt, wegen seiner politischen Ansichten festgenommen worden zu sein. Die „Yekiti“-Partei gehört dem „Kurdischen Nationalrat“ in Syrien (KNCS) an. Der KNCS ist wiederum ein Teil der „Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte“ (syrische Nationale Koalition), die vor allem von der türkischen Regierung und Saudi-Arabien politisch und diplomatisch unterstützt wird. Ferner ist diese syrische Nationale Koalition eine quasi-politische Vertretung der „moderaten“ islamistischen bewaffneten Gruppen wie beispielsweise die Al-Tawhid-Brigaden, die Ahrar al Sham oder die Syrische Islamische Front (SIF), die gemeinsam mit dem syrischen Ableger von Al Kaida, der Al Nusra-Front, gegen die Armee des Regimes kämpfen. Diese Gruppen verfolgen auch Kurden, Christen, Yeziden und andere Minderheiten. Die syrische Nationale Koalition und der KNCS lehnen die autonome Selbstverwaltung in Rojava-Nordsyrien strikt ab und wollen sie mit allen Mitteln zerstören. Diese ganzen Aspekte machen das Verhältnis zwischen der PYD und dem KNCS schwierig. In vielen ihren Erklärungen wirft die PYD dem KNCS vor, auch direkt an Angriffen gegen die kurdischen Stellungen beteiligt zu sein. Der KNCS widerspricht dieser Darstellung der PYD und wirft ihrerseits der PYD vor, mit dem syrischen Regime zusammenzuarbeiten und die kurdischen nationalen Ziele durch ein von ihr propagiertes multiethnisches und multireligiöses Autonomieprojekt verraten zu haben. Wie eng die PYD mit dem Regime in Damaskus kooperiert ist unklar. Fest steht aber, dass die PYD und das Regime gemeinsame Feinde haben: die radikalislamistischen Gruppen und die türkische Regierung. Es ist anzumerken, dass sich die PYD in ihren öffentlichen Erklärungen zu den Zielen der syrischen Revolution bekennt und „das syrische Regime mit allen seinen diktatorischen Institutionen stürzen will“. (Homepage der PYD)

Die einzelnen Kapitel im Überblick:

Wie alles begann

Semalka: Der einzige Weg nach Rojava

Kurden und ihre Anführer

Feindseligkeiten in Amude

Granaten in Qamischli

Plädoyer für ein multiethnisches und multireligiöses Rojava

Auf jüdischen Spuren in Qamischli

Besuch eines Gefängnisses

Kurdisches Neujahrsfest in Kobani

Militärischer Begleitschutz in Tall Abyad

Das neue Militärbündnis „Syrian Democratic Forces“ in al-Hasakeh

Christliches Leben in al-Hasakeh und Qamischli

Bei den Yeziden

Wie bei Karl May

Rojava-Nordsyrien benötigt unsere Solidarität

 

Setzen Sie sich mit uns gemeinsam für die Öffnung der türkischen Grenzübergänge in die Kurdengebiete ein! Unterschreiben Sie unsere Petition!

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