Wie alles begann

Am 10. März 2016 entschied ich mich spontan, meinen diesjährigen Urlaub in Nordsyrien zu verbringen. Bereits im vergangenen Jahr war ich schon in diesem Gebiet unterwegs gewesen. Damals reiste ich nach Afrin, meine Geburtsregion im äußersten Nordwesten Syriens. Dort leben meine Mutter, meine zwei Schwestern und zwei Brüder. Da Afrin jedoch momentan nahezu vollständig von Islamisten im Süden und Osten sowie von der türkischen Regierung im Norden und Westen eingekesselt ist, konnte ich meine Familie in diesem Jahr nicht besuchen. Deswegen führte mich meine Reise dieses Mal in die Provinz al-Hasakeh, die im äußersten Nordosten Syriens liegt.

Da ich mein Reiseziel sehr kurzfristig festgelegt hatte, musste alles schnell organisiert werden. Daher wusste ich zu Beginn nicht, was genau auf mich zukommen würde: an welchen Orten ich mich aufhalten, übernachten und welche Personen und Gruppierungen ich besuchen würde. Trotzdem hatte ich mir einige Gedanken im Vorhinein gemacht: Mein Plan war es, entlang der syrisch-türkischen Grenze bis nach Kobani zu fahren. Dabei war ich mir vorher schon bewusst, dass ich aufpassen musste, der türkischen Grenze nicht zu nahe zu kommen, da ich sonst von Erdogans schwerer Artillerie getroffen werden könnte. Auch tiefer ins Innere des Landes Syrien werde ich nicht fahren können. Denn je tiefer man sich im Land aufhält, desto größer wäre die Gefahr, von ‚meinen IS-Glaubensbrüdern‘ erwischt zu werden. Ich entschied mich also dafür, einen mittleren Weg zu nehmen, denn bekanntlich ist die goldene Mitte immer gut. Während der Reise würde ich aber in jedem Fall möglichst viele Gespräche mit Politikern, Journalisten, Vertretern verschiedener ethnischer und religiöser Minderheiten sowie verschiedener christlichen Kirchen in Nordostsyrien führen.

Meine Reise startete ich am 12. März mit einem Direktflug von Düsseldorf nach Erbil, der kurdischen Regionalhauptstadt im Nordirak. In Irakisch-Kurdistan war ich zuletzt im Februar 2012. Dort hatte ich damals in Erbil, Sulaimaniya und in der Ninive-Ebene viele Kurden, Turkmenen, Assyrer/Chaldäer/Aramäer, Armenier, Christen, Yeziden und Shabak getroffen und sogar auch ein Gefängnis besucht. Für meine diesjährige Reise nahm ich mir vor, „das andere Kurdistan“ in Nordsyrien zu besuchen. Dieses Gebiet hat verschiedene Bezeichnungen, deren Benutzung einiges über die politischen Ansichten eines Gesprächspartners verraten kann: Kurden aus den Reihen der „Partei der Demokratischen Union“ (PYD), die führende Kraft in Nordsyrien, bezeichnen dieses Gebiet als „Rojava“, eine Ableitung oder Abkürzung von dem kurdischen Begriff „Rojavaye Kurdistan“ (Westkurdistan). Anhänger von Masud Barzani, dem Präsidenten von Irakisch-Kurdistan, die in Konkurrenz mit den Kurden aus dem Umfeld der in Deutschland verbotenen „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) stehen, sprechen hingegen von „Kurdistana Suriye“ (Syrisch-Kurdistan). Von vielen Assyrern/Aramäern und Arabern wird das Gebiet schlicht als „Nordsyrien“ bezeichnet. Hier ist anzumerken, dass die PYD bzw. die PKK viel flexibler mit der Bezeichnung umgehen als die anderen Gruppierungen. Wenn Assyrer/Aramäer oder Araber, die neben den Kurden in diesem Gebiet leben, Widerstand gegen die Bezeichnung „Kurdistan“ leisten, wird einfach „Rojava“ (Der Westen) gesagt. So einigten sich Vertreter der PYD und anderer kurdischer Parteien sowie Repräsentanten einiger assyro-aramäischen, arabischen und turkmenischen Organisationen auf der Bezeichnung „Rojava-Nordsyrien“, als sie am 17. März 2016 ihre Absicht über die Bildung einer Föderation für Nordsyrien kundtaten.

Die einzelnen Kapitel im Überblick:

Wie alles begann

Semalka: Der einzige Weg nach Rojava

Kurden und ihre Anführer

Feindseligkeiten in Amude

Granaten in Qamischli

Plädoyer für ein multiethnisches und multireligiöses Rojava

Auf jüdischen Spuren in Qamischli

Besuch eines Gefängnisses

Kurdisches Neujahrsfest in Kobani

Militärischer Begleitschutz in Tall Abyad

Das neue Militärbündnis „Syrian Democratic Forces“ in al-Hasakeh

Christliches Leben in al-Hasakeh und Qamischli

Bei den Yeziden

Wie bei Karl May

Rojava-Nordsyrien benötigt unsere Solidarität

 

Setzen Sie sich mit uns gemeinsam für die Öffnung der türkischen Grenzübergänge in die Kurdengebiete ein! Unterschreiben Sie unsere Petition!

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